Washington

Und nichts als die Wahrheit?

| Lesedauer: 3 Minuten
Dirk Hautkapp

Bill Cosby soll unter Eid zu den Missbrauchsvorwürfen aussagen. Einst hatte er Ikonenstatus

Washington.  Heute muss Bill Cosby tun, was er überhaupt nicht mag: Er muss in Los Angeles eine eidesstattliche Erklärung abgeben. Seit der Komödiant Hannibal Buress in Cosbys Heimatstadt Philadelphia den Fernsehstar vor einem Jahr auf offener Bühne als „verfluchten Serienvergewaltiger“ brandmarkte, sieht das Land zu, wie das Denkmal eines Nationalheiligtums zerbröselt.

Beinahe im Wochentakt melden sich Frauen zu Wort und beschuldigen den 78-Jährigen des immer gleichen Vergehens, das teilweise 30, 40 Jahre zurückliegt: „Er hat mich unter Drogen gesetzt und dann sexuell missbraucht.“ Mittlerweile liegt die Zahl der Opfer bei fast 50. Cosby blieb bislang stumm. Über Anwälte hat er alle Vorwürfe zurückweisen lassen. Tenor: Die Frauen gönnten ihm seinen Erfolg nicht. Heute ist die Zeit des Schweigens vorbei. Und ein Richter hört dabei zu.

Unterdessen wird Cosbys Abstieg immer dramatischer. Universitäten werfen ihn aus ihren Kuratorien. Fernsehsender streichen Shows. Verlage stornieren Buchprojekte. Bei seinen seltenen Bühnenauftritten kommt es zu Hasstiraden. Präsident Obama hat ihn indirekt und doch unmissverständlich als Vergewaltiger bezeichnet. Nur Ehefrau Camille, seit über 50 Jahren mit Cosby verheiratet, stand bis zuletzt noch zu ihm.

Der Mantel des Moralisten fällt mit den Aussagen vor Gericht

Als Dr. Heathcliff „Cliff“ Huxtable zog Bill Cosby in den 80er-Jahren nicht nur seine Serienkinder mit humorvoller Strenge und Nachsicht groß, sondern gleich die ganze US-Fernsehnation. Die auch in Deutschland beliebte „Cosby Show“ war bis 1992 der Rolls Royce der Familienunterhaltung in den USA. Durch sie wurde der aus armen Verhältnissen stammende Cosby zum Multimillionär und zu einem der einflussreichsten Afroamerikaner des 20. Jahrhunderts.

Weil das Gros der Fälle strafrechtlich verjährt ist, haben sich etliche Opfer auf den Weg der Ziviklage gemacht. Das ehemalige Topmodel Janice Dickinson verklagte Cosby wegen Verleumdung auf Schadenersatz. Judy Huth wirft dem Schauspieler jetzt vor, sie 1974 in der Villa von „Playboy“-Verleger Hugh Hefner mit Drogen bewusstlos gemacht und missbraucht zu haben. Weil Huth damals 15 war, also minderjährig, zieht die Verjährungsfrist nicht. Cosbys Anwälte wollten den Fall kippen. Vergebens. Heute kommt es zum Schwur. Cosby muss unter Eid aussagen. Alle Details, so hat Richter Craig Harlan verfügt, bleiben bis 22. Dezember unter Verschluss. Für Cosby heißt das trotzdem: Alarmstufe Rot.

Denn schon vor zehn Jahren hatte er ebenfalls unter Eid ausgesagt, sich in den 70er-Jahren Frauen mit damals gesellschaftsfähigen Beruhigungsmitteln (Quaaludes) gefügig gemacht zu haben. Einziges Ziel: Sex. Öffentlich wurde das auf verschlungenen Wegen: 2005 hatte Andrea Constand den Entertainer des sexuellen Missbrauchs beschuldigt. Nachdem Cosbys Anwälte bei dem Versuch gescheitert waren, die Kanadierin als Lügnerin abzukanzeln, einigten sich die Parteien außergerichtlich. Cosby erkaufte sich mit einer hohen Summe Stillschweigen. Der Inhalt im Fall Constand wäre nie publik geworden, hätte nicht eine US-Nachrichtenagentur auf Einsicht in die Gerichtspapiere geklagt. Cosbys Anwälte wollten die Veröffentlichung mit allen Mitteln verhindern. Ihrem Mandanten drohe sonst eine „ernsthafte Beschämung“.

Bezirksrichter Eduardo Robreno machte der Geheimniskrämerei jedoch kürzlich ein Ende. Cosby habe sich Zeit seines Lebens „den Mantel des Moralisten angezogen“. Sein Recht auf Privatheit sei deshalb verengt.

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