Vancouver

Die Grizzlys sollen leben

| Lesedauer: 4 Minuten
Caroline Rosales

In Kanada kämpfen die Ureinwohner gegen die legalisierte Jagd auf Bären

Vancouver. Bald kommt es in den Wäldern Kanadas wieder zum Showdown. Dann werden sich Männer wie Vernon Brown ihre Uniformen überstreifen, mit Waffen und mit Patrouillenbooten durch die Küstengewässer nördlich von Vancouver kreuzen. Immer auf der Hut, dass ihnen und ihren Schützlingen nichts passiert.

Brown gehört zum Volk der Kitasoo-Xai’Xais und unterstützt die Coastal Guardian Watchmen, eine Art freiwillige Tierschutzpolizei der kanadischen Ureinwohner, die bedrohte Bären vor Trophäenjägern und Wilderern schützen will. „Wir tun alles, um das sinnlose Abschlachten der Bären in unserer traditionellen Heimat zu verhindern“, erzählt er. „Wir blockieren die Jäger mit unseren Booten.“

Am 1. Oktober beginnt in der kanadischen Westküstenprovinz British Columbia wieder die umstrittene Trophäenjagd auf Grizzlybären, die jeden Herbst und jedes Frühjahr Jäger aus dem In- und Ausland in die Wildnis lockt. Die Jagd ist in der Bevölkerung hoch umstritten, neun von zehn Kanadiern sind laut Umfragen dagegen. Trotzdem ist sie legal – die Regierung hat in diesem Jahr 3500 Abschusslizenzen zur Verfügung gestellt.

Im Land der Trapper ist die Jagdlobby traditionell einflussreich, und das Geschäft mit den Grizzlys lukrativ. Bis zu 20.000 Dollar zahlen Jagdtouristen aus den USA oder Europa für eine geführte Grizzlyjagd, die laut Gesetz auf etwa zwei Dritteln der Fläche British Columbias möglich ist. Schätzungsweise 350 Tiere werden in der Provinz pro Jahr im Schnitt legal erschossen, dazu kommt die illegale Jagd, die kaum zu kontrollieren ist.

Tierschützer und Ureinwohner sind empört. Vor ein paar Tagen sorgte in ganz Kanada ein zweiminütiges Video für Aufregung, das die ganze Brutalität der Grizzlyjagd bis ins Detail zeigt und von der Umweltgruppe Wildlife Defense League aus Vancouver ins Internet gestellt wurde. Darauf ist zu sehen, wie Jäger einen Grizzlybären aus dem Hinterhalt mit mehreren Schüssen erlegen und sich danach vor laufender Kamera über den Erfolg brüsten.

„Die Trophäenjagd ist abstoßend und wird auch von unserer traditionellen Kultur nicht gedeckt“, erklärt Brown, der in Klemtu im Herzen des Great Bear Rainforest lebt, eines einsamen Wildnisgebiets, größer als die Schweiz. Mit 14 verbündeten Stämmen haben die Kitasoo-Xai’Xais ihr Territorium vor einigen Jahren symbolisch zu einem Sperrgebiet für Trophäenjäger erklärt – und organisieren den Tierschutz selbst.

„Da die Regierung nichts unternimmt, müssen wir ja dann für den Schutz der Grizzlys sorgen“, erklärt Stammeshäuptling Doug Neasloss. Mit dem Widerstand wollen die Ureinwohner ihre Traditionen bewahren, denn nach ihrem Selbstverständnis ist die Jagd nur zur Beschaffung von Nahrung erlaubt. Es geht aber auch um wirtschaftliche Gründe, denn einige Stämme betreiben im Great Bear Rainforest gut geführte Hotels, die sich ganz auf Bärenbeobachtung spezialisiert haben.

Auch die offziellen Tierschutzverbände beklagen die Ignoranz der Regierung. „Die Bärenjagd ist ein Skandal. Neben den ethischen Aspekten sprechen auch ökonomische Gründe klar dagegen“, kritisiert Ian McAllister von der Umweltgruppe Pacific Wild. Zwar heißt es offiziell, die Bärenjagd sei ein Motor für den Tourismus, doch das sieht der kanadische Fremdenverkehrsverband anders: Die Bärenjagd spüle 116 Millionen Dollar pro Jahr in die Kassen; der naturnahe Tourismus in British Columbia inklusive Bärenbeobachtung dagegen etwa 1,5 Milliarden Dollar.

In der Nachbarprovinzist das Jagen verboten

Um die Bestände der Grizzlys zu schützen, kaufen viele Tourismusunternehmen mittlerweile für teures Geld selbst Abschusslizenzen auf – um sie danach verfallen zu lassen. Das Management der „Knight Inlet Lodge“, eines weltbekannten, auf Bärenbeobachtung spezialisierten 18-Betten-Hotels in Glendale Cove, hat nach eigenen Angaben seit 2006 über 100.000 Dollar dafür ausgegeben.

Die Regierung dagegen hält die Jagd für vertretbar und die Aktionen der Ureinwohner für illegal. Sie beruft sich auf Studien, wonach es in British Columbia rund 15.000 Grizzlybären gibt. Kritiker ziehen die Studien allerdings in Zweifel. Die Zahlen der Behörden seien zu hoch gerechnet, beklagt Umweltschützer McAllister.

Unabhängige Experten gehen von einem Bestand von 6000 Tieren aus und verweisen darauf, dass Grizzlys in vielen Regionen als bedroht gelten. 1975 wurden die Grizzlybären vielerorts auf die Liste der gefährdeten Arten gesetzt. In der Nachbarprovinz Alberta ist die Jagd auf die Tiere seit 2006 verboten. Das soll auch für British Columbia gelten.

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