Vermischtes

Mit roten Lippen gegen die Gewalt

Per Youtube-Kampagne fordern Säureopfer Verkaufsbeschränkungen für gefährliche Flüssigkeiten

Schwarzes Haar umrandet ihr zartes Gesicht. Große Augen, dichte Wimpern, scheues Lächeln – damit zog Reshma die Blicke auf sich. Heute ist das anders. Das Antlitz der 18-jährigen Inderin ist von tiefen Narben überzogen. Ein Auge fehlt. Reshma wurde im Mai 2014 von ihrem Schwager mit Säure angegriffen. Warum, verrät sie nicht. Doch ihr Aussehen möchte sie nicht verstecken. Derzeit sorgt sie im Internet mit einem Video für Furore. Beim Onlinedienst Youtube wurde es schon fast 1,4 Millionen Mal aufgerufen.

Das Video ist Teil einer Kampagne der indischen Organisation „Make Love Not Scars“ (MLNS) – auf Deutsch etwa „Lebt die Liebe, verursacht keine Narben“. MLNS will Opfern von Säureangriffen helfen, das Erlebte aufzuarbeiten. Mit der aktuellen Kampagne will die Organisation den Zugang zu gefährlichen Substanzen einschränken. Unter dem Hashtag ­#EndAcidSale (Stoppt den Verkauf von Säure) verbreitet sich die Botschaft im Internet.

Auf den ersten Blick ist Reshmas Video eine Schminkanleitung, wie sie bei Youtube tausendfach zu finden und vor allem bei jungen Mädchen äußerst beliebt sind. Vor rosa Mädchenzimmer-Kulisse erklärt Reshma, fröhlich wie die Musik im Hintergrund, die vier Schritte zu perfekt geschminkten roten Lippen. Mit Fettstift, Lipliner und roter Farbe zaubert sie einen hübschen Kussmund. „Sieht perfekt aus, oder?“, fragt sie vergnügt in die Kamera. Doch was ist schon perfekt an einem Gesicht, das für immer entstellt ist?

Plötzlich ändert sich ihr Tonfall. Die Musik stoppt, ihre Stimme wird ernst. Ganz einfach sei es, einen Lippenstift zu kaufen – genauso leicht, wie hochkonzentrierte Säure zu erwerben. Für ihre Zuschauer hat sie deshalb eine besondere Botschaft: Stoppt den freien Verkauf hochkonzentrierter Säure.

Allein 309 Säureangriife gab es im Jahr 2014 in Indien

Die indische Regierung hatte bereits 2013 strengere Regeln zum Erwerb von Säure umgesetzt. Händler benötigen seither Lizenzen. Zudem sind sie verpflichtet, Protokolle über Mengen und Abnehmer zu führen. Ein Onlinesystem zur Registrierung von Käufern und Verkäufern ist geplant. Alok Dixit, Gründer einer weiteren Hilfsorganisation, stellt die Wirksamkeit der Maßnahmen gegenüber der amerikanischen Tageszeitung „Wall Street Journal“ jedoch infrage. Weil Säure häufig in illegalen Labors hergestellt werde, hätten die Regelungen kaum Einfluss auf die Zahl der Attentate.

309 Säureangriffe zählte Indiens Innenministerium 2014. Die Dunkelziffer liege jedoch viel höher, vermutet Bharat Nayak, Sprecher von MLNS. In der „New York Times“ spricht er von nahezu 1000 Fällen pro Jahr. Auch in anderen Ländern Südostasiens wie Bangladesh, Pakistan oder Afghanistan wird Säure als billige, leicht zugängliche Waffe eingesetzt, heißt es in einem Bericht von Amnesty International. Häufiges Motiv der Täter seien abgelehnte Heiratsanträge oder Familienstreitigkeiten. Das deckt sich mit den Geschichten, die Säureopfer auf der MLNS-Website erzählen. Von alkoholkranken Ehemännern, die ihre Frauen mit Säure übergießen, damit sie bei ihnen bleiben. Von enttäuschten Verehrern, die ihre Angebetete von sich abhängig machen wollen, indem sie ihnen schwerste Verletzungen zufügen. Von Schwiegermüttern, die sich andere Frauen für ihre Söhne wünschen.

„Sie wollen ihre Opfer bestrafen, etwa dafür, dass sie gedemütigt oder zurückgewiesen wurden. Es ist der Versuch, den anderen zu beherrschen, sein Leben zu zerstören – ohne ihn zu töten“, erklärt Rudi Tarneden, Sprecher von Unicef Deutschland, die Denkweise der Täter.

Für die Opfer sind die Angriffe verheerend. „Sie werden zu Aussätzigen“, sagt Tarneden. Viele erblinden, leiden unter Angstzuständen, können nicht mehr arbeiten. Von der Gesellschaft werden sie ausgeschlossen, von ihren Familien versteckt. „Viele Familien halten zwar zu den Frauen, zeigen sich aber nicht gerne mit ihnen in der Öffentlichkeit“, sagt er. „Dazu kommt der Verdacht, die Frauen hätten eine Strafe sogar verdient.“

Auch die Behandlungsmöglichkeiten seien beschränkt, weiß der Unicef-Sprecher. Ohne die Unterstützung durch Hilfseinrichtungen seien medizinische Behandlungen für manche Familien nicht zugänglich. Oft müssen sich die Frauen über Jahre hinweg schmerzhaften Operationen unterziehen. Auch auf Reshma, das Mädchen mit den perfekt geschminkten Lippen, warten noch viele chirurgische Eingriffe. Doch ihr Lachen hat sie nicht verloren, ihr Selbstbewusstsein ist erstarkt. Während andere Youtuberinnen jungen Mädchen Schminktipps geben, gibt Reshma Säureopfern Mut. Sie gibt ihnen eine Stimme. Sie gibt ihnen ein Gesicht. Und das macht sie: perfekt.