New York

Der Angriff auf das Schönheitsideal

Auch bei der New Yorker Fashion Week wird das Model mit dem Downsyndrom gefeiert

Madeline Stuart leidet am Downsyndrom und ist dennoch Model

Madeline Stuart leidet am Downsyndrom und ist dennoch Model

Foto: Jason Szenes / dpa/picture alliance

New York. Einmal das Haar verführerisch über die Schulter geworfen. Die Hände in die Hüften gestemmt. Die Modelposen hat Madeline Stuart drauf. Lange genug hat sie sich alles von ihrem Idol Tyra Banks abgeschaut. Aber Madeline Stuart ist kein gewöhnliches Model, denn die 1,50 Meter kleine 18-Jährige lebt mit dem Downsyndrom. Nun erobert sie den Laufsteg auf der Fashion Week in New York.

Mit Stuart als Model ist den Designern eins garantiert: Aufmerksamkeit. „Die Modewelt lebt davon, dass sie immer etwas Neues hervorbringt und Aufmerksamkeit generiert. Irgendetwas Neues muss ja immer kommen, das ist das Schicksal dieser Branche“, sagt der Soziologe Professor Robert Gugutzer von der Frankfurter Goethe-Universität. „Wenn das über Kleidung nicht geht, dann ist es der menschliche Körper, der Kleidung vorführt.“

Labels wie FTL Moda oder auch Desigual haben dieses Vorgehen perfektioniert: Sie setzen auf Models mit Makel. Ein Trend, der sich auch langfristig durchsetzt? Die meisten Frauen, die bei der New York Fashion Week auch für diese Labels laufen, entsprechen nicht den vorherrschenden Modelstandards und der Perfektion. Eins haben sie allerdings gemeinsam: Sie fallen auf. Wie Chantelle Brown-Young, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Winnie Harlow. Die 21-jährige Kanadierin leidet unter der sogenannten Weißfleckenkrankheit (Vitiligo). Als Kind wurde sie für ihre fleckige Haut gehänselt, heute ist sie ein gefragtes Model und die Markenbotschafterin von Desigual.

Sie hat sich den Traum vom Modelsein nicht zerstören lassen

Auch Rebekah Marine lebt den Modeltraum – obwohl ihr seit ihrer Geburt der rechte Unterarm fehlt. Und dann ist da eben Madeline Stuart, die sich den Traum vom Modelsein nicht zerstören lässt. Diese drei Models sind derzeit die wohl berühmtesten Beispiele dafür, dass man auch ohne einen vermeintlich perfekten Körper Erfolge in der Branche feiern kann.

Dass sich hier aber tatsächlich ein Wandel abzeichnet und die Designer ein ernst gemeintes Interesse daran haben, von den gängigen Schönheitsidealen Abstand zu nehmen, wagt der Soziologe Robert Gugutzer zu bezweifeln. „Ich glaube nicht an einen moralischen Gestus der Modewelt. Es läuft darauf hinaus, dass es jetzt ein Hingucker ist und man darüber spricht, aber das ist schnell wieder erledigt. Es geht vermutlich wie meistens ums Geschäftemachen.“

Die Designer sehen das natürlich ganz anders. Desigual betonte zu Beginn der Zusammenarbeit mit Winnie Harlow, wie wichtig ihnen das Anderssein ist. „Wir finden, dass Definition von Schönheit sich nicht aus etwas Exotischem, Eigenartigem oder Anderem zusammensetzt, sondern als etwas Wesentliches gesehen werden soll. Chantelle ist unser Maßstab für Schönheit.“ Sie wollen vermitteln, „dass Anderssein schön ist“. Auf den Catwalk schicken sie Harlow in diesem Herbst dennoch nicht – der beste Beweis, dass diese besonderen Models neben den superschlanken Körpern und makellosen Gesichtern weiterhin die Ausnahme bleiben.

„Es geht ein Stück weit darum, das Bild der Oberflächlichkeit zu korrigieren und Normalität zur Schau zu stellen, denn körperlich und geistig Behinderte sind ein normaler Teil des alltäglichen Lebens“, sagt Gugutzer. „Was uns sonst auf den Laufstegen gezeigt wird, ist dagegen rein körperlich betrachtet die totale Ausnahme.“ Beim Blick auf die aktuelle Show des italienischen Modelabels FTL Moda am Sonntag ist das kaum zu glauben. Hier wird die Andersartigkeit zelebriert. Madeline wurde für die Eröffnung verpflichtet, Rebekah Marine mit der Armprothese war ebenfalls gebucht.

Der Mut zum Unperfekten findet viele Befürworter. Ein dauerhaftes ­Umdenken, weg von der Perfektion, schließt Gugutzer trotzdem aus: „Wenn das konsequent weitergedacht wird, müsste sich das Verhältnis von den Models mit der Topfigur zu denen mit der nicht perfekten Figur um­kehren, und das wird nicht passieren“, ist sich der Soziologe sicher. „Es gibt eben nur ein Model mit Downsyndrom, nur eines mit einer Prothese und nur eines mit Körperflecken. 99 Prozent haben eine Topfigur – und nicht umgekehrt.“