Stockholm

Schwedens Ziel: keine Verkehrstoten

Stockholm. Wenn Schwedens Schulkinder morgens aus dem Haus gehen, sehen sie auch im Spätsommer aus wie kleine Eishockey-Spieler: Sie tragen Sturzhelme, Kniescheiben- und Armgelenkschützer aus Plastik und sind im Extremfall sogar noch an Leinen miteinander festgebunden. Manchmal sogar, wenn der Boden gar nicht rutschig ist.

Für Menschen anderer Länder könnte das befremdlich wirken, doch Schweden hat eine neue Stufe im Kampf gegen die Verkehrstoten aktiviert. Das Programm „Vision Zero“ setzt sich sich zum Ziel, dass ab 2050 niemand mehr durch Verkehrsunfälle sterben oder schwer verletzt werden soll. Neben verschärften Alkohol- und Geschwindigkeitskontrollen revolutioniert nun ein Gedanke die bisherige Verkehrssicherheitsstrategie: Kinder sollen nicht mehr selbst für ihre Sicherheit sorgen müssen.

Es sei geradezu falsch, Kindern unter 13 Jahren Verkehrsunterricht zu geben, und sie dann auf die Straße loszulassen. „Kinder können nicht einfach eine solche Verantwortung tragen, egal was sie in der Schule dazu lernen“, sagt sagt Matts-Ake Belin dieser Zeitung. Er ist Schwedens bekanntester Straßensicherheitsexperte und arbeitet am Projekt „Vision Zero“ im Verkehrsamt.

In Schweden habe man den Verkehrserziehungsunterricht in den Grundschulen ganz abgeschafft. „Der sorgt für eine falsche Sicherheit, die gerade in Unfällen resultieren kann.“ Für Belin seien „auch Erwachsene eigentlich Kinder, die ständig Fehler“ machten. Deshalb reiche es nicht aus, einfach auf Ampeln zu setzen. Führe jemand etwa einfach noch schnell über Rot, könne das in einer „menschlichen Katastrophe“ enden.

„In Schweden haben wir zunächst die Grundsatzstrategie für die Straßensicherheit geändert. Statt vor allem dem Individuum die Verantwortung zu geben, haben wir die Straßenplaner und Verkehrsplaner in die Pflicht genommen ein ,idiotensicheres Rundumsystem’ um den Menschen zu bauen, dass schwere Unfälle verhindert“, so Belin.

Mit 2,8 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohnern hat Schweden bereits heute deutlich weniger Tote als die meisten anderen Nationen. In Deutschland sind es laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) 4,7 Tote pro 100.000 Einwohner, in Frankreich 6,4, in den USA 11,4, in Russland 18,6 und in China 20,5. Allein 2015 werden laut WHO-Schätzung weltweit 1,4 Millionen Menschen im Verkehr sterben. In 15 Jahren sollen es schon 1,8 Millionen Tote pro Jahr sein.

In der ganzen Welt sind Spitzenpolitiker deshalb sehr interessiert daran, wie die Schweden den Kampf gegen den Tod auf der Straße führen.

Der Knackpunkt sei die hohe Geschwindigkeit. „Wer von einem Auto mit 50 Stundenkilometern angefahren wird, stirbt in 80 Prozent der Fälle. Bei einer Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern überleben dahingegen über 90 Prozent“, sagt Belin.

Die Einhaltung von Geschwindigkeitsbegrenzungen wird in Schweden durch ein sichtbares, extrem engmaschiges Netz aus Straßenkameras und drakonischen Geldstrafen gefördert. Die Kameras laufen zwar nicht gleichzeitig, aber die Fahrer wissen nicht, welche gerade angeschaltet ist. Es gehe nicht darum, die Strafen zu verhängen, um Geld zu verdienen, sondern um Abschreckung.

Vor allem aber hat Schweden seine Todesraten auf Landstraßen drastisch reduziert. Auf den gefährlichsten 3000 Kilometern wurden Mittelstreifenbarrieren errichtet. Genauso wie die Verbreitung der Kameras jedes Jahr weiter zunimmt, werden mittelfristig sämtliche gefährlicheren Landstraßenabschnitte solche Barrieren haben. „Mit Barrieren sterben 90 Prozent weniger Menschen“, sagt Belin. Schweden, wo Alkoholmissbrauch sehr verbreitet ist, hat zudem schon seit langem stattliche Strafen für betrunkene Fahrer mit mehr als 0,2 Promille im Blut. Es war eines der ersten Länder, das schon 1939 ein Alkoholverbot am Steuer einführte. Betrunken zu fahren ist gesellschaftlich geächtet und gilt nicht als Kavaliersdelikt.

Wer dennoch betrunken Auto fährt, muss im Zweifelsfall sogar mit einer Haftstrafe rechnen. Heute fahren laut Polizei 99,8 Prozent nüchtern. „Wer betrunken fährt, ist zumeist Alkoholiker, der es einfach nicht lassen kann“, sagt Belin. Die meisten Schweden begrüßen diese Regeln. Das Volk ist es gewöhnt, dass sich der Staat einmischt.

Auf vollen Straßen passieren weniger tödliche Unfälle

Die Vermutung, dass Schweden heute vor allem wegen besserer, medizinischer Unfallversorgung und seines dünnen Besiedlungsgrades so wenig Todesopfer im Verkehr habe, weist Belin zurück. Den Einwand höre er oft. Aber man habe schließlich die direkten Effekte der eingeführten Maßnahmen gemessen. „Zudem passieren die meisten Unfälle gerade dort, wo es leerer ist. Auf vollen Straßen passieren weniger tödliche Unfälle“, unterstreicht er.

Die deutsche Autobahn sieht der Experte als eine gute Sache. Sie trenne Fußgänger von Autofahrern. Den Deutschen empfiehlt Belin, vor allem Landstraßenbarrieren einzuführen. Und: an ihrer Abneigung gegenüber Geschwindigkeitsbegrenzungen zu arbeiten.