Berlin/Witwatersrand

Homo naledi – einer von uns

| Lesedauer: 5 Minuten
Laura Réthy

Forscher haben eine neue Menschenart entdeckt: zierlich, kleines Gehirn und ziemlich gut zu Fuß

Berlin/Witwatersrand.  Gerade einmal einen Meter fünfzig war er groß. Eine zierliche Gestalt, nicht schwerer als 45 Kilogramm. Tief versteckt in einer Höhle im Nordwesten von Johannesburg in Südafrika, 40 Meter unter der Erde, wollen Forscher die Überreste einer neuen, bisher unbekannten Menschenart entdeckt haben: Homo naledi nennen sie ihn, in Anlehnung an den Fundort, der Höhle „Rising Star“, also aufgehender Stern. Naledi bedeutet Stern auf Sesotho, einer in der Gegend gesprochenen Sprache.

Die Forscher der südafrikanischen Universität Witwatersrand entdeckten die Überreste von Homo naledi bereits 2013. Doch die Bergung war schwierig. Denn die Kammer, in der die Knochen liegen, ist nur über eine schmale Rinne zugänglich – zu schmal für die meisten Menschen. Also suchte der Teamleiter Lee Berger, Professor an der Universität Witwatersrand und Forscher für National Geographic, über die sozialen Medien nach Wissenschaftlern und Höhlenforschern, die durch den gerade einmal 18 Zentimeter schmalen Höhleneingang passten. Im Rahmen von zwei Expeditionen, im November 2013 und im März 2014, wurden die Fossilien an die Oberfläche geholt und in einem Workshop analysiert. Mehr als 50 erfahrene Forscher, darunter auch 35 Nachwuchswissenschaftler, untersuchten gemeinsam den fossilen Fund.

Es wirkt, als seien die Körper beerdigt worden

Mittlerweile haben die Forscher 15 Individuen aus der Kammer, 90 Meter vom Höhleneingang entfernt, geborgen. 1550 einzelne Teile. Die Überreste von einem Baby, von Kindern, Erwachsenen, Jugendlichen und einer Greisin, die an ihren stark abgenutzten Zähnen zu erkennen war. Wie alt die Fossilien sind, ist noch unklar. „Fast alle Knochen des Körpers liegen uns mehrfach vor, sodass Homo naledi uns bereits jetzt schon besser bekannt ist als alle anderen fossilen Vertreter unserer Abstammungslinie“, sagt Lee Berger.

Die Forscher, unter ihnen zwei Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut in Leipzig, fanden heraus, dass Homo naledi ein sehr kleines Gehirn hatte, etwa so groß wie eine Orange. Seine Hände waren wohl in der Lage, Werkzeug zu benutzen, und sie dienten ihm der Fortbewegung. „Überraschenderweise sind die Finger von Homo naledi stärker gebogen als die der meisten anderen frühen Hominien“, erklärt Tracy Kivell von der Universität Kent in Großbritannien, die auch am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie tätig ist. Das deute darauf hin, dass er klettern konnte. Anders seine Füße: Sie ähneln sehr stark denen des modernen Menschen, des Homo sapiens. Das und die langen Beine von Homo naledi sind ein Hinweis darauf, dass er lange Strecken zu Fuß zurücklegen konnte. „Die Kombination der anatomischen Eigenschaften von Homo naledi unterscheidet ihn von allen bisher bekannten Menschenarten“, sagt Teamleiter Berger.

Und auch die Lage, in der die Überreste gefunden wurden, ist für die Forscher anders als alles bisher Bekannte. Die Knochen lagen alle in einem tief gelegenen Raum, in der „Kammer der Sterne“. Der Raum sei immer von den anderen Kammern getrennt und zur Oberfläche hin niemals direkt offen gewesen, berichten die Forscher. Auch hätten sie ausschließlich die fossilen Überreste von Homo naledi in der Kammer gefunden, nicht jedoch von größeren Tieren. Die Knochen trugen keine Spuren von Aasfressern oder Raubtieren. Es wirkte, als seien die Körper beerdigt worden. Sollte sich das als richtig herausstellen, wäre es eine Sensation. Denn das Verhalten, seine Toten bewusst an einen anderen Ort zu bringen, wird bislang als einzigartig für den Menschen betrachtet. „Wir sind zahlreiche Szenarien durchgegangen“, sagt Berger. „Beispielsweise ein Massensterben, ein Raubtier, der Transport von einem anderen Ort in die Kammer mit Hilfe von Wasser oder der Unfalltod in einer Todesfalle.“ Nachdem sie alle anderen Möglichkeiten ausgeschlossen hätten, sei ihnen als plausibelste Variante nur die bewusste Beseitigung der Toten durch Homo naledi geblieben.

Der Anthropologe Christoph Zolli-kofer von der Universität Zürich bezweifelt diese Theorie allerdings. „Seit deren Tod ist extrem viel Zeit vergangen, auch relativ unwahrscheinlich Wirkendes kann in so langer Zeit passieren“, sagt er. Das habe sich schon bei anderen zunächst spektakulär wirkenden Fundsituationen gezeigt. Es sei fatal, Hinweise so vorschnell überzuinterpretieren. Dass eine neue Art gefunden wurde, die zudem auch noch ihre Toten beerdigt, sei eine tolle Geschichte – die aber auf tönernen Füßen stehe. „Einer wissenschaftlichen Überprüfung hält das nicht stand.“ Zollikofer verweist auf eine verblüffende Übereinstimmung der Knochen zu denen, die bei Fossilien des frühen Homo erectus in Georgien gefunden wurden – zum Beispiel bei Beinen und Füßen. Der Anthropologe vermutet, die Knochen aus Südafrika seien wahrscheinlich dieser Art zuzuordnen.

Das wird jetzt Teil der weiteren Forschung sein. Nach Ansicht der Wissenschaftler hält die Kammer aber noch einige Geheimnisse bereit. „Es befinden sich dort unten möglicherweise noch Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Überreste von Homo naledi“, sagt Teamleiter Berger.

( mit dpa )

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