Handeloh

Ein Drogenexperiment, das schiefging

29 Ärzte und Homöopathen nehmen Szenedroge ein – Strafverfahren eingeleitet

Handeloh.  160 alarmierte Helfer finden torkelnde und kaum ansprechbare Menschen vor. Vor der Kulisse eines alten reetgedeckten Bauernhofs in der Lüneburger Heide taumeln geplagt von Wahnvorstellungen, Krämpfen, Schmerzen, Luftnot und Herzrasen 29 Ärzte, Homöopathen und Heilpraktiker in einem Tageszentrum umher. Die Gruppe im Alter von 24 bis 56 Jahren hat in Handeloh im Landkreis Harburg eine Amphetaminvergiftung erlitten. Die Teilnehmer nahmen laut Polizei freiwillig die Droge 2C-E ein, die auch unter dem Namen Aquarust bekannt ist.

In Deutschland ist die Droge seit 2014 verboten, Polizei und Staatsanwaltschaft haben gestern ein Strafverfahren wegen des Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz gegen die Beteiligten eingeleitet. Anfang der Woche sollen die Betroffenen vernommen werden, sagte der Sprecher der Polizeiinspektion Harburg, Lars Nickelsen. Die Aufputschmittel haben eine euphorisierende Wirkung. Wie Ecstasy gehört auch die künstlich hergestellte Modedroge Crystal zur Gruppe der Amphetamine.

Der Vorfall brachte die örtlichen Rettungskräfte an ihre Grenzen: Der Ort zwischen Hamburg und Soltau hat nur 2355 Einwohner. Kreissprecher Johannes Freudewald sprach von einem „Massenanfall“, die Feuerwehr löste einen Großalarm aus. Mehr als 160 Rettungskräfte aus Niedersachsen und Hamburg waren im Einsatz, ein Notarzt wurde extra aus Hamburg mit einem Rettungshubschrauber eingeflogen – in Harburg hatte nur ein einziger Notarzt Dienst, der der Lage unmöglich allein Herr werden konnte. So etwas habe er noch nie erlebt, sagte Feuerwehrsprecher Matthias Köhlbrandt. Auf der Grünfläche vor dem Tagungszentrum wurde umgehend ein mobiler Behandlungsplatz eingerichtet, die Vergifteten wurden offenbar von der Betreiberin des Tagungszentrums aufgefunden. Zwei Menschen befanden sich kurzfristig in Lebensgefahr, alle Verletzten wurden aber später in einem stabilen Zustand in umliegende Krankenhäuser zwischen Hamburg und Walsrode gebracht, so der Sprecher weiter. Bei den Teilnehmern sind laut Feuerwehr keine Folgeschäden zu erwarten, alle seien mittlerweile über den Berg.

Die Polizei riegelte die Tagungsstätte ab und beschlagnahmte persönliche Gegenstände der Teilnehmer. Sie waren zum Zeitpunkt des Vorfalls die einzigen Gäste im Haus.

Ärzte sollen Drogen bewusst eingenommen haben

Dem Vernehmen nach sollen die Beteiligten bewusst Drogen zu sich genommen haben. Feuerwehrsprecher Köhlbrandt geht aber davon aus, dass die Gruppe nicht gewusst habe, was für eine verheerende Wirkung die Drogen haben könnten. Der Notruf von Tagungszentrum sei um 14.25 Uhr bei der Feuerwehr eingegangen. Daraufhin wurden 15 Rettungswagen und ein Hubschrauber losgeschickt. Die Polizei wollte die Teilnehmer zwar am Samstag befragen. „Die Befragungen beginnen, sobald die Menschen ansprechbar und die Aussagen auch verwertbar sind“, sagte ein Sprecher der Polizei. Die Symptome des Konsums von ein paar Milligramm der Droge sollen etwa zwölf Stunden andauern. Bislang habe man aber noch mit niemandem sprechen können, sagte ein Polizeisprecher am Sonnabendnachmittag.

Die Tagungsgruppe zählte zu den Stammgästen, sie kam nach Auskunft der Betreiberin Stefka Weiland dreimal im Jahr in Handeloh zusammen, doch es sei vorher nie zu Zwischenfällen gekommen. „Wir sind entsetzt und schockiert, und wir distanzieren uns von dem, was da vorgefallen ist. Damit haben wir nichts zu tun.“ Aber wie kann es sein, dass Ärzte, die die Gefahren von Drogen am besten kennen, selbst welche konsumieren? Dirk Weber, Allgemeinmediziner aus Essen, besucht regelmäßig Fortbildungen und Kongresse, hat derartige Exzesse aber noch nie erlebt. „Wenn überhaupt, wird abends ein Glas Rotwein getrunken. Das wirft ein schlechtes Licht auf Ärzte. Wer wirft schon Pillen wie derartige Halluzinogene ein, von denen er nicht weiß, was da drin ist und welche Wirkung sie haben? Auch von den Naturheilkundlern unter meinen Kollegen habe ich derartiges noch nie gehört“, sagt Weber.

Heile Welt außer Rand und Band

Aber was genau bis Freitagmittag auf grünen Handeloher Wiese geschah, ist noch unklar. Gab es eine gemeinsame Drogenparty? Wollte man sich mit psychodelischen Drogen der Selbstfindung hingeben? Und: Wie sind die Teilnehmer an die Drogen gekommen?

Im Internet wirbt das Tagungszentrum Tanzheimat Inzmühlen, das von der Stiftung Heilende Kräfte im Tanz (HKiT) geführt wird, mit Seminaren zu Bewusstseinsfindung und Selbstheilung: „Der Luxus hier zu tagen besteht vor allem darin, dass eine Gruppe ab 15 Personen die Idylle für sich alleine genießen kann.“ In der Freizeit könne man „Wandern, Radfahren, Reiten“. Auf ein Drogenexperiment, das offenbar schiefging, war in der Gegend zwischen Heidschnucken und grünen Wäldern wohl niemand vorbereitet.