Berlin

Das Kind als Kunde

Laut einer Studie bewerben Hersteller vor allem ungesunde Produkte. Experten fordern Verbot

Berlin.  Bunte Figuren auf der Packung, lustige Spielzeuge im Inneren, Werbespots, die Lust auf Abenteuer machen – es gibt viele Möglichkeiten, Lebensmittel für Kinder unwiderstehlich zu machen. Möglichkeiten, die Hersteller nutzen, um vor allem ungesunde Lebensmittel zu bewerben. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Verbraucherorganisation Foodwatch, die am Montag in Berlin vorgestellt wurde. „Neun von zehn untersuchten Produkten für Kinder haben sich als unausgewogen herausgestellt“, sagte Oliver Huizinga, Foodwatch-Experte für Kindermarketing.

Selbstverpflichtung wirkungslos

Insgesamt hat die Verbraucherorganisation zwischen April und Mitte August 2015 in Supermärkten in Berlin, Potsdam und Stuttgart und in den Internetauftritten der Hersteller 281 Produkte identifiziert, die sich mit ihrem Marketing gezielt an Kinder richten. Diese Produkte hat Foodwatch anhand der Nährwertkriterien bewertet, die die Weltgesundheitsorganisation WHO ansetzt. Das Ergebnis: Lediglich 29 der 281 Produkte erfüllen die WHO-Kriterien für ernährungsphysiologisch ausgewogene Lebensmittel. Die anderen enthielten zum Beispiel zu viel Zucker, Fett oder Salz, oder es waren Süßstoffe beigegeben.

Dabei haben sich bereits im Jahr 2007 die weltweit führenden Lebensmittelunternehmen wie Nestlé, Coca-Cola, Danone, Mars, Kellog’s oder Ferrero im sogenannten EU Pledge freiwillig dazu verpflichtet, ihr Marketing verantwortungsvoller zu gestalten. Konkret bedeutet das unter anderem, keine Produktwerbung an Kinder unter 12 Jahren – es sei denn, die Produkte erfüllen die Nährwertanforderungen des EU Pledge. Und die sind laut Foodwatch wesentlich niedriger als die Anforderungen, die die WHO stellt. Beispielsweise dürfen an Kinder beworbene Frühstücksflocken doppelt so viel Zucker enthalten, wie es die Kriterien der WHO vorgeben. Nämlich 30 Prozent statt 15 Prozent Zuckeranteil.

So bewarben einige Hersteller wie zum Beispiel Ferrero laut der Studie zu hundert Prozent unausgewogene Kinderlebensmittel. Auch das Unternehmen Mondelēz International, das Milka-Schokolade, Kaba-Pulver und Oreo-Kekse herstellt, hat nur unaus-gewogene Kinderlebensmittel im Sortiment. Der Hersteller von Frühstücksflocken Kellogg’s lag bei einem Anteil von 96,4 Prozent ungesunden Lebensmitteln. „Mit am besten haben die Fast-Food-Ketten McDonalds und Burger King abgeschnitten“, so Foodwatch-Experte Huizinga. „Das will schon was heißen.“ Unter den durchgefallenen Produkten sind auch viele, die eigentlich nicht als Süßigkeit gedacht sind, wie die Landliebe-Schulmilch oder Punica-Säfte. Für die Studie hat Foodwatch die Produkte der Hersteller untersucht, die sich dem EU Pledge angeschlossen haben. Das Fazit: Die Selbstverpflichtung ist wirkungslos. Weil sich die Nährwertkriterien von denen der WHO unterscheiden, weil es keine Sanktionsmöglichkeiten gibt und weil die Verpflichtung nur für Kinder bis zwölf Jahre gilt.

Angesichts der Studienergebnisse fordert die Verbraucherorganisation deshalb gemeinsam mit der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Deutschen Adipositas Gesellschaft ein Verbot von an Kinder und Jugendliche gerichtetes Marketing für Lebensmittel und Getränke, die Übergewicht fördern. „Wir haben eigentlich eine geteilte Verantwortung: die der Eltern und die der Industrie“, sagte Thilo Bode, Foodwatch-Hauptgeschäftsführer. Doch die Industrie untergrabe die Bemühungen der Eltern.

Laut der DDG erkranken in Deutschland immer mehr Menschen an nicht übertragbaren Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs, deren Ursache auch in einer ungesunden Ernährung und Übergewicht liegt. „Die Grundlagen für diese Krankheiten werden im frühen Alter gelegt“, betonte DDG-Geschäftsführer Dietrich Garlichs. Laut DDG hat sich die Zahl der Diabetes-Typ-2-Neuerkankungen bei Jugendlichen in den letzten Jahren verfünffacht. Auch Stefanie Gerlach, Vorstandsmitglied in der Deutschen Adipositasgesellschaft, betonte die Auswirkungen ungesunder Ernährung: „In Europa gehen 77 Prozent der Krankheitslast und 86 Prozent der Todesfälle auf das Konto der nicht übertragbaren Krankheiten.“

Der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde (BLL) übte Kritik an der Studie. Es sei eine unumstrittene Tatsache, dass Übergewicht viele Tatsachen habe. Von genetischen Vorbelastungen bis hin zum Bewegungsmangel einer sitzenden Gesellschaft. „Die Einteilung von Lebensmitteln in gut und schlecht oder gesund und ungesund ist ernährungswissenschaftlich nicht begründbar“, sagte BLL-Geschäftsführer Christoph Minhoff.