Tianjin –

Angst, Zorn und Panik in Tianjin

Das Gift-Unglück im Nordosten Chinas fordert mittlerweile 112 Tote. Nun fürchten alle den Regen

Tianjin. In der 15-Millionen-Einwohner-Metropole Tianjin wachsen unter der Bevölkerung Verbitterung, Frust und Angst über die auch sonntagvormittags weiter über dem Chemiefrachthafen aufsteigenden schmutzigen Rauchschwaden und die Unfähigkeit der Behörden, der Katastrophe Herr zu werden. Am Vortag waren am Unglücksort zwischen den Chemiefrachtcontainern wieder neue Brände aufgeflackert, die kleinere Detonationen auslösten. Die Zahl der Opfer hatte sich bis Sonntag auf 112 Tote und über 700 Verletzte erhöht. Viele der Toten konnten nicht identifiziert werden. Noch 95 Menschen würden vermisst, darunter 85 Feuerwehrleute.

Damit könnte die Zahl der getöteten Feuerwehrleute auf mehr als 100 steigen, der schlimmste Verlust für die Katastrophenhelfer seit der Gründung der Volksrepublik. Nach den Verschollenen wird fieberhaft gesucht, nachdem am Sonnabend zwei Überlebende entdeckt und geborgen wurden – sie hatten Schutz in leeren Containern gefunden. Polizeiminister Guo Shengkun verlangte, die Suche nach Verletzten über die als Überlebensfrist geltenden 72 Stunden auszudehnen, bevor mit radikaleren Maßnahmen die schwelenden Brandherde gelöscht werden. Regenfälle sind für die kommenden Tage gemeldet und steigern die Furcht, dass die Verseuchung der Luft durch den Niederschlag verbreitet würde.

Webseiten geschlossen

Polizeibehörden warnten, sie würden gegen alle „Gerüchteverbreiter und Angstmacher“ im Netz vorgehen. Sie ließen Hunderte Webseiten und Blogs schließen, darunter auch viele, die nach der politischen Verantwortung fragten und forderten, Korruption und Versagen der Behörden aufzudecken. Auf lokalen Webseiten verlangten Blogger verlässliche Informationen, ob sich gefährliche Giftstoffe in unbekannter Konzentration und Gemischen, wie etwa die vermuteten 700 Tonnen hochgiftigen Natriumcyanids durch Regen und Wind die Menschen gefährden können. Viele beriefen sich auf die von Premier Li Keqiang am ersten Tag der Katastrophe versprochene „Offenheit und Transparenz im Umgang mit dem Unglück“. Davon sei wenig zu spüren.

Auch eine Reihe von Auslandskorrespondenten und Fernsehjournalisten vor Ort wurden wiederholt bei ihrer Berichterstattung behindert. Chinesische Blogger erregten sich vor allem über das öffentliche Eingeständnis von Tianjins Vizechef für Arbeitssicherheit, Gao Huaiyou, dass „manche Container und ihre Inhalte bei den Behörden nicht registriert gewesen sind“. Er gehe davon aus, dass „möglicherweise“ auch das hochgiftige Natriumcyanid gelagert wurde, könne dies aber nicht bestätigen. Viele Container seien weiter verschlossen. Die nur in schweren Schutzanzügen an der Gefahrenstelle direkt arbeitenden Spezialeinheiten der Armee zur Bekämpfung von chemischen und biologischen Waffen und die mehr als 1000 Feuerwehrleute wüssten noch immer nicht genau, womit sie es zu tun haben. Am Sonntag versuchte die Regierung, die Bevölkerung zu beruhigen. Auf einer Pressekonferenz behaupteten Chemiker des Militärs, dass die meisten Behälter mit Natriumcyanid trotz der Explosionen „noch intakt“ seien. Die Spezialisten versuchten jetzt, das Gift mit Hilfe von Wasserstoffperoxid zu neutralisieren. Noch intakte Container würden von Speziallastern abtransportiert.

Zu Ängsten unter Tianjiner Bürgern tragen auch ständiges Sirenengeheul auf den Straßen in der von 2,6 Millionen Menschen bewohnten Tianjiner Binhai-Sonderzone um den Unglückshafen bei. Hinzu kommen Nachschubkonvois der Armee und erneute Umsiedlungen der obdachlos gewordenen Anwohner. Zudem wurde die Sicherheitszone um das Zentrum der Explosionen im Logistikunternehmen Ruihai International Logistics auf drei Kilometer ausgeweitet.

Mit Unglauben verfolgt das übrige China die sich entfaltende Katastrophe, die offenbar wieder einmal primitive kriminelle Praktiken der Verursacher und Korruption und Versagen bei Behörden und aufsichtführenden Umweltämtern zutage bringt. Über den angeblichen Vorzeigehafen wurden bisher ein Großteil der Autoimporte internationaler Hersteller, darunter Volkswagen, und Zulieferungen für das Endmontagewerk Tianjin Airbus abgewickelt. Die Metropole ist infrastrukturell so modern entwickelt, dass sie 2008 als erste mit einem Hochgeschwindigkeitszug an die 120 Kilometer entfernte Hauptstadt Peking angebunden wurde.

Wie konnte es daher dazu kommen, dass in der direkten Umgebung von schon 2010 geplanten und aufgebauten Wohnblöcken nach Angaben der renommierten finanzpolitischen Zeitschrift „Cai Xian“ das viel später errichtete Ruihai-Gefahrengutlager seinen Platz fand? Es liegt nur 500 Meter von einer Verbindungsschnellstraße entfernt. 600 Meter beträgt die Distanz zu der Hafencity mit 100.000 Quadratmetern an Apartments. Schon 2001 wurde von der Staatsbehörde für Arbeitssicherheit verbindlich festgelegt, dass alle Chemikalienlager mindestens 1000 Meter Abstand von öffentlichen Bauten, Straßen oder Siedlungen zu halten haben. Dennoch gab Tianjins Umweltbehörde grünes Licht.

Ursache weiterhin unklar

Einen weiteren Skandal machte die Zeitung „Nanfang Dushibao“ öffentlich. Sie enthüllte die Lagerung von 700 Tonnen Natriumcyanid in der Ruihai-Firma. Die Metropolzeitung berief sich bei ihrer Mengenangabe auf Aussagen des Besitzers einer Firma namens Chengxin in der Nachbarprovinz Hebei. Sie hatte die für den Bergbau gebrauchte Chemikalie hergestellt und Ruihai beauftragt, sie zu exportieren. Es gab die strenge Auflage, dass das Natriumcyanid in Mengen von maximal zehn Tonnen und in einem besonders gesicherten Frachtraum gelagert werden muss. Nun besteht der Verdacht, dass es nicht nur 70-mal soviel war, sondern die Container zum Zeitpunkt der Explosionen auch draußen im Hofbereich standen.

Unklar ist immer noch, was die gewaltige Detonation ausgelöst hatte, die mehr als 11.000 Wohnungen zerstörte. Die Besitzer der Firma stehen unter polizeilicher Bewachung. Internetblogs, die behaupteten, dass sie mit Ex-KP-Funktionären, einer sogar aus dem Politbüro, verwandt sein sollen, wurden als bösartige Gerüchte gelöscht.