Tianjin –

Wie ein Erdbeben

| Lesedauer: 4 Minuten

50 Tote bei Explosion in China. Möglicherweise war Gefahrgut in Tianjin falsch gelagert worden

Tianjin.  Tausende ausgebrannte Autos, zerstörte Häuser und Schiffscontainer und ein verzweifelter Kampf gegen lodernde Flammen: In der chinesischen Hafenstadt Tianjin haben mehrere gewaltige Sprengstoffexplosionen am Donnerstag ein Inferno ausgelöst. Nach Angaben staatlicher Medien starben mindestens 50 Menschen, etwa 700 wurden verletzt. Zahlreiche andere werden noch in dem anhaltenden Chaos vermisst.

Erste Explosion in Container

Die Explosionen ereigneten sich nach Angaben der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua gegen 23.30 Uhr Ortszeit (18.30 Uhr MESZ) im Industriegebiet Binhai in einem Lagerhaus für Gefahrgut. Laut Polizei ereignete sich die erste Explosion in Schiffscontainern eines Lagers für Gefahrengüter. Laut Aussagen von Augenzeugen stieg ein riesiger Feuerball von bis zu hundert Metern Höhe über dem Explosionsort auf, Trümmer regneten auf die Millionenstadt nieder. Noch in drei Kilometern Entfernung barsten Fensterscheiben durch den Druck der Detonationen. Unter den Toten waren auch zwölf Feuerwehrleute.

Ein Großaufgebot der Feuerwehr war nach Angaben der örtlichen Behörden wegen eines Brandes schon vor den Explosionen vor Ort gewesen. Die erste hatte nach Angaben der chinesischen Erdbebenwarte die Kraft von drei Tonnen TNT, während die nachfolgende Explosion der Detonation von 21 Tonnen des Sprengstoffs entsprochen habe.

Etwa tausend Feuerwehrleute und mehr als 140 Feuerwehrwagen waren noch am Donnerstagnachmittag in dem Industriegebiet im Einsatz. Der Brand sei „in Anfängen unter Kontrolle“ gebracht, berichtete Xinhua unter Berufung auf das chinesische Ministerium für öffentliche Sicherheit. Weiterhin stieg über dem Unglücksort aber dichter Rauch auf. Mehr als 200 Spezialisten für chemische und biologische Kampfstoffe halfen bei den Aufräumarbeiten.

Nach den Explosionen in der Nacht spielten sich dramatische Szenen ab: „Ich hörte eine erste Explosion und alle liefen hinaus, dann gab es eine Reihe weiterer Explosionen, Fensterscheiben zersprangen und eine Menge Leute, die drinnen waren, wurden verletzt und rannten blutend hinaus“, berichtete der 27-jährige Huang Shiting der Nachrichtenagentur AFP. „Ich dachte, es ist ein Erdbeben“, sagte ein anderer Anwohner namens Zhang Zhaobo.

Rettungskräfte brachten blutüberströmte Verletzte ins Krankenhaus. Von den 701 Verletzten befanden sich nach Angaben der Nachrichtenagentur Xinhua etwa 70 in lebensbedrohlichem Zustand. Mehr als 20 Menschen wurden demnach noch in der Umgebung des Warenhauses vermisst.

In dem Industriegebiet bot sich ein dramatisches Bild der Zerstörung: Behelfsmäßige Behausungen von Bauarbeitern wurden durch die Explosionen zerstört, von manchen Gebäuden blieben nur Stahlskelette übrig. Auch anliegende Bürohäuser wurden beschädigt, Schiffscontainer stürzten um und verbrannten.

Das Industriegebiet Binhai ist auch ein wichtiger Umschlagplatz für ankommende Neuwagen aus dem Ausland. Bei den Explosionen wurden nach Angaben örtlicher Medien mehr als 2700 Neuwagen des Autoherstellers Volkswagen und mehr als tausend Autos des französischen Herstellers Renault zerstört. Die Unternehmen bestätigten die Berichte zunächst nicht.

Die genaue Ursache der Detonation war zunächst unklar. Es wurden Vorwürfe laut, das Gefahrengut könnte falsch gelagert gewesen sein. Leitende Mitarbeiter der Logistik-Firma, der die Lagerhäuser gehören, wurden festgenommen. Der Leiter der Umweltbehörde von Tianjin, Wen Wurui, sagte, dass „giftige und gesundheitsschädliche Chemikalien“ in der Luft gemessen worden seien, aber nicht erheblich über den Grenzwerten. Die Behörden prüften zudem am Donnerstag, ob giftige Stoffe ins Wasser gelangt sein könnten. Die Zeitung „Beijing News“ berichtete von einem nicht identifizierten gelben Schaum im Hafengebiet. Das Staatsfernsehen CCTV berichtete live von einer Pressekonferenz mit Wen Wurui. Als ein Reporter ihn fragte, ob die Chemikalien weit genug entfernt von Wohngebieten gelagert gewesen seien, rang Wen nach Worten und die Übertragung wurde abgebrochen.

Wiederholt Industrieunfälle

Das Industrie- und Handelszentrum Tianjin liegt rund 130 Kilometer südöstlich von Chinas Hauptstadt Peking. Eine Schnellbahnstrecke verbindet die beiden Städte in nur 30 Minuten. Mit knapp 15 Millionen Einwohnern ist Tianjin eine der größten Städte des Landes.

In China gibt es immer wieder Explosionen in Industrieanlagen: Erst im Juli kamen 15 Menschen ums Leben, als in der nördlichen Provinz Hebei ein illegales Lagerhaus für Feuerwerkskörper in die Luft flog. 2014 starben mehr als 70 Menschen bei einer Explosion in einer Autoteilefabrik bei Shanghai. Grund für die Unglücke sind oft mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen und laxe Behördenkontrollen.

( dpa )

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