London –

Königin fleischlos

| Lesedauer: 7 Minuten
Louise Brown

Ella Woodward ist Englands angesagteste Köchin. Sie kocht vegan – wegen ihrer Leidensgeschichte

London.  Von Weitem schon ist sie zu hören. „Austin! Austin!“, ruft Ella Woodward und eilt einem Cockerspaniel-Welpen hinterher. Der läuft resolut die Straße hinunter, vorbei an der schwarz lackierten Haustür, hinter der Woodward wohnt. Der Hund will offenbar noch nicht heim, und so schickt das Frauchen die Besucherin schon mal vor: „Gehen Sie ruhig rein. Ich komme gleich nach.“ Ella Woodward, 23, ist Englands angesagteste Köchin. Ihr Blog „Deliciously Ella“ verzeichnet monatlich 2,5 Millionen Besuche, über eine halbe Million Fans folgen ihr auf Instagram. Für den „Daily Telegraph“ schreibt sie eine Kochkolumne.

Ihr nach dem Blog benanntes Debütkochbuch, das dieser Tage in Deutschland erscheint (Bloomsbury, 19,99 Euro), stürmte in Großbritannien die Spitze der Buchcharts – und Woodward wurde zur Queen des Veganismus. Alle ihre Rezepte kommen ohne Fleisch, Milchprodukte sowie Indus­triezucker aus. Woodward kocht Kost, die sie selbst „vollwertig“ nennt: „Essen, mit dem man sich dauerhaft rundum lebendig fühlt und das Leben voll und ganz genießen kann.“

Für ihre Kochkunst ist sie selbst die beste Werbung: jugendlich-frisch und enthusiastisch. Ob Rote Bete, Datteln oder Buchweizen, alles steckt voller „goodness“. „Ich schreibe, wie ich rede, ich bin ehrlich, will nicht etwas sein, was ich nicht bin. Ich will nicht belehren. Ich schlage nur vor, was man mit Essen machen kann, damit man sich gut fühlt.“ In der Küche klappert eine Köchin. Sie testet Woodwards neueste Rezepte. Am Esstisch sitzen drei junge Assistentinnen über Laptops. Jedem schenkt sie ein Lächeln.

Sorgloses Leben, dann Krankheit

Woodwards Vater war Minister in der Regierung Gordon Browns, ihre Mutter stammt aus dem Sainsbury-Clan, der die drittgrößte Supermarktkette des Landes gründete. Ella besuchte das Internat Rugby School, zu dessen Absolventen der „Alice im Wunderland“-Autor Lewis Carroll gehört. Zu Ferienzeiten wohnte sie mit ihren drei Geschwistern in einem Herrenhaus aus dem 17. Jahrhundert in der Grafschaft Oxfordshire, auf Mustique oder in Südfrankreich. Mit 19 nahm sie die britische Traditionsagentur Models 1 unter Vertrag, die auch schon Twiggy zu Ruhm verhalf.

Die Sorglosigkeit meint man ihr anzusehen. Doch dann diagnostizierte man bei ihr die seltene Nervenkrankheit POTS (Posturales orthostatisches Tachykardiesyndrom). Sie kam kaum aus dem Bett, ihr war ständig speiübel, wenn sie vom Stuhl aufstand, bekam sie Herzrasen und musste sich gleich wieder setzen. „Mein Leben, wie ich es kannte, war vorbei.“ Die Ärzte glaubten, dass es am Stress liege. Aber sie war zu dieser Zeit glücklich. Man verschrieb ihr Hormone, die kaum halfen. Zu Hause auf dem Sofa fand Woodward Inspiration im Blog der US-Bestsellerautorin Kris Carr, die ihre Krebserkrankung angeblich überwand, indem sie ihre Ernährung auf vegane Kost umstellte.

„Ich war zu der Zeit ein regelrechter Zuckerjunkie“, sagt Woodward. Trotz ihres privilegierten Upperclass-Landlebens war ihr Lebensstil nicht gesünder als jener anderer Briten. Vollkornprodukte waren im elterlichen Küchenschrank nicht zu finden. Mit den Schwestern pflegte Woodward das Ritual, alle Süßigkeiten, die sie im Haus auftreiben konnten, in einen Topf zu werfen und zu erhitzen. Den Brei, der dabei herauskam, löffelten sie.

Eine Reise nach Marokko mit ihrem damaligen Freund wurde für die POTS-Patientin zum absoluten Tiefpunkt. 24 Stunden nach ihrer Ankunft saß sie wieder im Flieger gen Heimat, am Tropf. Lebensmittelinfektion. Jetzt erst beschloss sie, das bei Carr Gelesene in die Tat umzusetzen. Als sie ihrer Familie erzählte, sie werde ihre Ernährung umstellen und dies in einem Blog dokumentieren, schüttelte die mit dem Kopf: „Kochen konnte ich nicht. Und schreiben ebenso wenig. In der Schule gehörte ich zu den Langsamsten.“

Woodward macht keinen Hehl daraus, dass sie keine Koch- oder Schreibexpertin ist, sie zelebriert geradezu ihren laienhaften Zugang zum Thema: „Ich hatte absolut null Ahnung, welche Zutaten wie zusammengehören. Und ich hatte kein Design- oder PR-Team, das mir gesagt hätte: ‚So musst du deinen Blog schreiben!‘“ Aber gerade ihre autodidaktische, teils chaotische Herangehensweise bescherte ihrem Webauftritt nach wenigen Monaten den Durchbruch: Aus einer Schüssel übrig gebliebener, gedünsteter Süßkartoffeln buk sie ein Blech Süßkartoffel-Brownies. Über 60.000 User haben das Rezept bereits heruntergeladen.

„Vor allen Dingen möchte ich aber zeigen, wie einfach es ist, gesund zu kochen.“ Eines ihrer beliebtesten Gerichte, ein Curry mit Kokosmilch, brutzelt im Ofen vor sich hin, Gewürze kommen darin kaum vor. Es schmeckt trotzdem. In ihren Rezepten verwendet Woodward nie mehr als eine Handvoll Zutaten, viele davon – etwa Datteln, Ahornsirup und Tamari, eine glutenfreie Sojasoße – immer wieder. Das kann einseitig und mutlos wirken oder einfach und ehrlich. Selbst begeisterte Köche geraten bei ellenlangen Zutatenlisten an ihre Geduldsgrenze.

Einfache und billige Zutaten

Kritik, ihre veganen Ideen von „Ersatz“-Nahrungsmitteln wie Medjool-Datteln statt Zucker oder Cashewbutter statt gewöhnlicher Butter seien nur etwas für verwöhnte Mittelklasse-Twens, schmettert sie ab. Woodward kocht viel mit Bohnen – und die seien doch günstig, ebenso wie Kichererbsen oder ein Teller Haferbrei. Ein weiterer Kritikpunkt: Knoblauch und Zwiebeln fehlten in ihren Rezepten. Die seien elementar für den Geschmack? Schulterzucken. „Vertrage ich nicht. Aber wenn jemand zu meinen Gemüsegerichten ein Steak reichen oder mit Zwiebeln kochen will – bitte schön.“

Tatsächlich steckt hinter Woodwards freundlicher Farblosigkeit Hartnäckigkeit. Zwei Jahre dauerte es, bis sich nach der Ernährungsumstellung ihr Zustand merklich besserte, und erst vier Jahre nach Beginn des Blogprojekts hat sie die letzten Medikamente abgesetzt. Als ein Allheilmittel sieht sie die Ernährung nicht, noch immer hat sie Tage, an denen ihr Magen verrücktspielt. Doch sie ist zufrieden, und die Fans folgen ihr. Kürzlich war sie auf einer Promotiontour zu Gast in der US-Show „Good Morning America“. Elf Millionen sahen zu. Sie gibt Kochkurse in London. Ihr Buch wurde in viele Sprachen übersetzt. Woodwards Imperium wächst.

In der Küche ist die Köchin fertig für heute. Die Rezepte, die sie nachgekocht hat, sind für das zweite Buch gedacht. Mit dem Hund im Arm geht Woodward von Topf zu Topf. Vielleicht ist das Erstaunlichste an dieser dünnen Köchin: dass sie offenbar wirklich gern isst.

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