London –

Eine Frau rettet den britischen Hof

Kate Middleton und die Queen haben viel gemeinsam. Deshalb ist es egal, wer den Thron besteigt

London.  Keine Frage, für moderne Geschichtenerzähler ist Kate Middleton eine Katastrophe. Ein Totalausfall. Charakterlich absolut unbrauchbar, da hat Hillary Mantel schon Recht. Die Schriftstellerin kennt sich aus mit Figuren am Hof. Zweimal hat sie den wichtigsten Literaturpreis der englischsprachigen Welt mit Romanen über die Abgründe am britischen Königshaus gewonnen – und ihr Urteil über Kate könnte vernichtender kaum ausfallen.

„Sie scheint dank ihrer Tadellosigkeit ausgewählt worden zu sein: so schmerzhaft dünn, wie man sich nur vorstellen kann, ohne Besonderheiten, ohne Macken, ohne Risiko, je eine Persönlichkeit zu entwickeln“, beschied Mantel in einer Rede im Britischen Museum. Ihren Verdruss über Kates Mangel an Eigenschaften kann Mantel mit jeder beliebigen Fotoserie der Herzogin illustrieren. Egal, in welcher Situation die Bilder aufgenommen wurden – man sieht immer das Gleiche. Es ist dieses belastbare, unerschütterliche, an eine Discounter-Mitarbeiterin des Monats erinnernde Lächeln, das Hillary Mantel an ihr verzweifeln lässt.

Da entspricht Diana, die verstorbene Schwiegermutter, natürlich viel mehr Mantels Geschmack. Für Dramatiker, die von menschlichen Schwächen leben, bot Kates Vorgängerin als Prinzgemahlin erstklassiges Material. Diana steckte voller Widersprüche, sie war weder mit sich selbst im Reinen noch mit dem Rest der Welt, sie litt in aller Öffentlichkeit, sie war indiskret, verletzlich und manipulativ. „Ihre Unbeholfenheit und emotionale Inkontinenz sprachen aus jeder Geste“, schwärmt Mantel.

Männer nur Statisten

Aus dieser voyeuristischen Perspektive ist Kate in der Tat eine Enttäuschung. Doch man muss nur etwas Abstand nehmen und den Winkel etwas weiter stellen. Denn als geschichtliche Figur ist Kate Middleton ein Phänomen. Da reiht sie sich ein in die Riege starker Frauen, die das Schicksal der Windsors im vergangenen Jahrhundert bestimmt haben. Die Männer gaben dabei nur mehr oder weniger unglückliche Statisten ab.

Nachdem Queen Victoria dem Goldenen Zeitalter der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ihren Namen gegeben hatte, war es im 20. Jahrhundert zunächst eine allseits verhasste Frau, die den Windsors zusetzte. Wallis Simpson, eine Amerikanerin, geschieden und mit Hang zum Faschismus, verdrehte König Edward VIII. den Kopf. Er dankte nach weniger als einem Jahr ab, um sie zu heiraten. Den Thron musste nun Edwards jüngerer Bruder besteigen. George VI. stotterte, rauchte Kette und sah sich der neuen Rolle nicht gewachsen. Es war seine Frau, Queen Elisabeth, die ihm Format verlieh und während des Zweiten Weltkriegs als Mutter der Nation über sich hinauswuchs. Als „Queen Mum“ überlebte sie den kränklichen George um ein halbes Jahrhundert und blieb zeitlebens das beliebteste Mitglied des Königshauses. Nun steht ihre Tochter Elisabeth II. kurz davor, den Rekord von Queen Victoria zu brechen und das am längsten regierende Staatsoberhaupt Großbritanniens zu werden.

Auch in ihrer Regentschaft waren es Frauen, die den Hof in die Krise stürzten. Diana Spencer, Sarah Ferguson und Camilla Parker-Bowles verwandelten das Königshaus 15 Jahre lang in die Kulisse für die unterhaltsamste Soap-Opera der Welt. Jeder betrog jeden, eine Enthüllung jagte die nächste.

Es war im Jahr 2002, als Kate Middleton der Königsfamilie den ersten Dienst erwies und ihren frustrierten Kommilitonen Prinz William überredete, das Studium nicht zu schmeißen. Kurz darauf wurden sie ein Paar. Es ist, als ob sie in ihrer unspektakulären Art nicht nur ihn, sondern die ganze Familie stabilisiert hätte. Es zweifelt wohl niemand daran, dass William die richtige Wahl getroffen hat. Kate Middletons unerschütterliches Strahlen scheint für den großen Auftritt gemacht zu sein, die Rolle der Prinzgemahlin ist ihr wie auf den Leib geschrieben.

Hauptrolle ist längst vergeben

Viereinhalb gute Jahre für die britische Monarchie sind vergangen, seit Kate dazugehört. Ruhige Jahre, in denen die Familie langweiliger, unglamouröser und eindeutig glücklicher geworden ist. Obwohl die Boulevardpresse sich zunächst voller Hoffnung auf Kates kleine Schwester Pippa gestürzt hat, sind mehr die Windsors den Middletons ähnlich geworden und nicht umgekehrt. Nicht einmal Prinz Harry konnte daran etwas ändern.

Ob erst der ungeschickte Charles den Thron besteigt oder gleich William, spielt im Grunde keine Rolle mehr. Es gibt nur eine Person unter den Royals, deren Lächeln so haltbar ist wie das der Queen. Nur eine, die ihr an Disziplin, Tüchtigkeit und Pflichtbewusstsein in nichts nachsteht. Die Männer können machen, was sie wollen. Die Hauptrolle für die Ära nach Elisabeth ist vergeben.