Berlin –

Strandbilder ohne Problemzonen

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Praschl

Früher wurden sie von Paparazzi abgeschossen, heute zeigen Prominente selbst, was sie haben

Berlin.  Paparazzo war mal ein richtig guter Job. Heute braucht ihn keiner mehr. Die Beute drückt jetzt selbst auf den Auslöser. Farbkorrekturfilter darüber gelegt, und schon steht das Bikinifoto auf Instagram. Für Chefredakteure der Klatschpresse ist das ein immenser Bedeutungsverlust. Sie können nicht mehr stolz darauf sein, dass ihr Mann es geschafft hat, nach 23 Tagen im Unterholz unter Verwendung einer Technik, von der auch das Hubble-Teleskop noch lernen könnte, Madonna abzuschießen, während die Konkurrenz bloß Veronica Ferres zur Strecke gebracht hat.

In diesem Jahr haben sich unter anderem schon Bar Refaeli, Eva Longoria, Michelle Hunziker (Handstand vier Monate nach Geburt), Sylvie Meis (Sand auf den Pobacken), LeAnn Rimes, Kate Hudson (im Nude-Bikini) und Taylor Swift im Bikini gezeigt. Obwohl letztere niemals öffentlich ihren Bauchnabel zeigen wollte. Dann tat sie es doch. Weil Paparazzi in der Nähe waren, denen sie es nicht gönnte, mit ihrem Körper Gewinn zu machen.

Shitstorm wegen Bikinifoto

Jedes Mal bleibt den Profis nur eines zu tun: die Bilder aus dem Netz, die schon jeder gesehen hatte, mit den klassischen Bikinifoto-Textbausteinen auszustatten, „fast hüllenlos“, „zeigt, was sie hat“, „geizt nicht mit Reizen“, man kann das alles längst mitsingen. Außer sie haben das Glück, dass ein Shitstorm losbricht. Zum Beispiel, wenn die deutschtürkische Schauspielerin Sila Sahin ein Bikinifoto von sich veröffentlicht, obwohl sich Muslimas doch nur in Burkinis zu zeigen haben. Oder falls eine den Fehler begangen hat, viel zu fett gewesen zu sein für das kleine Nichts, das sie trug.

Das geht relativ schnell. Monica Ivancan etwa, die Ex-Freundin von Oliver Pocher, hat es einmal gewagt, sich mit Größe 36/38 im Urlaubsoutfit zu zeigen. Daraufhin schrieben sehr viele Menschen aus der Mitte der Bevölkerung Sätze auf ihre Facebook-Seite, von denen die Klatschblätter entzückt waren, weil sie straflos zitiert werden konnten. „Hüftgold allez“ hieß es etwa. Oder: „Das Popöchen braucht Sport.“

Besser für die Klatschpresse sind eigentlich nur sehr dünne Frauen. An ihrem Aussehen lassen sich prächtige Debatten über Mangelernährung, ­Diät­übertreibungen und dergleichen lostreten – in der Branche sind Debatten in der Regel ja Urteile bei der Fleischbeschau. Die Frauen, um die es dabei geht, lassen sich von Magerkeitsbesorgnissen nicht verunsichern. Schließlich sollen die Bikini-Instagrams demonstrieren, dass man noch sichtbare Hüftknochen hat und auch darüber hinaus alles in Ordnung ist. Keine Problemzone, nirgends. Das ist umso eindrucksvoller, je älter man ist. Neulich hat sich Demi Moore, eine routinierte Veteranin der Selbstpräsentation, im Bikini gezeigt, zusammen mit ihren halb so alten Töchtern. Pflichtgemäß konstatierten anderntags alle, Demi sehe keinen Tag älter als ihre zwei Mädels aus. Das stimmte zwar nur partiell, aber noch weniger als auf der Straße schaut man Frauen auf Bikinifotos ins Gesicht.

Sie sind so etwas wie ein Leistungsnachweis, dass man sich zu disziplinieren versteht, die Verabredung mit dem Personal Trainer nie absagt, genügend Geld hat, sich große Brüste leisten zu können, denen man das Künstliche nur dann ansieht, wenn man noch weiß, wie natürliche Brüste wirklich aussehen, und einen Stylisten, der einem den richtigen Bikini heraussucht.

Von Fake-Forensikern obduziert

Im Grunde geht es beim Bikinifoto um den Versuch, die Welt wissen zu lassen, dass man es schafft, selbst in einem der traumatisierendsten Kleidungsstücke, die für Frauen je geschaffen wurden, souverän zu wirken. Erfunden wurde das Teil übrigens 1946, vom Franzosen Louis Réard; sein Name ist eine Reverenz an die Kernwaffenversuche, die das pazifische Bikini-Atoll unbewohnbar machten (es gab tatsächlich eine Zeit, in der Atombomben als glamourös galten).

Seitdem ist der Bikini noch winziger geworden. Prominente Frauen können jetzt nicht mehr tricksen. Nicht einmal mit Photoshop kommen sie durch. Jedes Mal, wenn eine es versucht, werden die Instagram-Fotos von Fake-Forensikern obduziert, und oft ist die Liste beschämend lang: Mimik geglättet, Oberschenkellücke vergrößert, Achselfalte entfernt und so weiter – und das alles für total spontane und unglaublich authentische Urlaubsschnappschüsse! Andererseits hat ja auch Kanye West zu Protokoll gegeben, er habe bei seiner Hochzeit mit Kim Kardashian drei Tage gebraucht, bis das Vermählungsfoto für Instagram endlich zu seiner Zufriedenheit ausfiel.

Selbst publizierte Bikinifotos eröffnen ein Wahrheitsspiel. Seht her, so bin ich, wenn ich nur kleine Dreiecke mit ein bisschen Verbindungszahnseide trage, ich kann ja auch nichts dafür, dass ich so demütigend trainiert bin und so jung aussehe, wahrscheinlich hatte ich einfach Glück im Genpool.

Doch die Präsentation der Authentizität ist eine sehr durchschaubare Inszenierung. Dank der unermüdlichen Bildungsarbeit der Frauenpresse weiß mittlerweile jede Amateurin, wie man sich fürs Bikinifoto richtig hinstellt. Zum Beispiel: Nicht ganz so hübsche Freundinnen mit aufs Bild lassen. Oder Strandschuhe mit hohen Absätzen tragen, man kann ja mit ihnen bis zum Knie ins Wasser waten, dann bekommt niemand mehr mit, dass man für Beinlänge und Pospannung ein wenig getrickst hat. Vorher nichts essen, nichts trinken und nicht so tief ins Körperzentrum hineinatmen wie beim Yoga. Außer man will die Wölbungs-Watcher in den Redaktionen darüber rätseln lassen, ob sich da vielleicht etwas Kleines ankündigt.

Ein wenig einfältig ist das natürlich schon, jedenfalls, sobald man länger als drei Sekunden darüber nachdenkt. Ist ja toll, dass du im Bikini gut aussiehst, aber irgendwie auch völlig egal. Es sei denn, du hättest Cellulite. Doch seit die Paparazzi ihre Jobs los sind, sieht man praktisch keine mehr.

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