Drage –

Mögliche Spur der Familie Schulze

In der Elbe wird eine Leiche entdeckt. Schon einmal verschwand ein Mann im Ort spurlos

Drage.  Knapp 4100 Menschen leben im Dörfchen Drage in Niedersachsen. Hamburg ist nah, plattes, grünes Land, gute Luft, verklinkerte Häuser mit Reetdächern, Urlaubsfeeling. Doch seit einer Woche fehlen in dieser Idylle des Winsener Stadtteils drei Bewohner: Familie Schulze.

Die Polizei rätselt, was mit der Familie passiert ist. Denn Vater Marco, 41, Mutter Sylvia, 43, und Tochter Miriam, 12 sind wie vom Erdboden verschluckt. Niemand weiß, wo sie sind – die zwei Autos der Familie standen vor der Haustür. Niemand weiß, ob es Probleme gab. Nachbarn erinnern sich, dass Sylvia und Marco, seit zehn Jahren verheiratet, vor Kurzem noch Händchen haltend über die Straße liefen. Die Familie wird als unauffällig, „freundlich und völlig normal“ beschrieben.

„Das ist absolut ungewöhnlich, dass eine Familie so lange weg ist und wir keine konkrete Spur haben“, sagt Polizeihauptkommissar Jan Krüger von der Inspektion Harburg. 40 Hinweise gingen inzwischen über die geschaltete Hotline ein, doch eine konkrete Spur fehlte bisher.

Männliche Leiche entdeckt

Plötzlich, Freitagvormittag, eine aktuelle Meldung, die alle aufhorchen lässt: Bei Lauenburg, nur etwa 40 Kilometer von Drage entfernt, wird eine männliche Leiche aus dem Wasser gezogen. Sie war festgebunden an einen 25 Kilogramm schweren Betonklotz. Ein Anwohner hatte gegen 5.20 Uhr eine Leiche bäuchlings auf dem Wasser treiben sehen. Die Gasbildung hatte wohl den toten Körper an die Oberfläche gedrückt.

Lauenburg und Drage liegen beide am Elberadweg. Aus dem Haus der Familie Schulze fehlt ein grünes Herrenrad, Marco Schulze könnte damit am Donnerstagmorgen unterwegs gewesen sein. Zuvor war er in seinem Auto beobachtet worden. Sein letztes Lebenszeichen. Gibt es einen Zusammenhang?

„Wir müssen jetzt erst mal prüfen, ob das unser Mann ist“, sagt Kommissar Krüger und bittet um Geduld. Schließlich müssten sich die Experten erst einmal mit der Leiche beschäftigen. Unweit des Fundortes sei auch das Fahrrad des 41-Jährigen gefunden worden, meldete die „Bild“-Zeitung am Freitagnachmittag. „In der Nähe wurde ein Fahrrad gefunden“, sagte Sonja Kurz von der für Lauenburg zuständigen Polizeidirektion Ratzeburg dazu nur. Eine Identifizierung des Toten stehe auch noch aus. Fest steht, dass sie mehrere Tage im Wasser lag und die Person keine Papiere bei sich hatte. Im Fall der Fälle könne man dann wenigstens endlich „enger umgrenzend mutmaßen“, sagt Krüger etwas verklausuliert und möchte offenbar nicht aussprechen, was alle befürchten: Dass es sich beim Verschwinden der Schulzes um ein Familiendrama handelt. Experten nennen es einen erweiterten Suizid, wenn ein Mensch erst seine Familie auslöscht und sich dann selbst richtet.

Ein Nachbar mutmaßte bereits: „Vielleicht ist er durchgedreht, weil seine Frau ihn verlassen und die Tochter mitnehmen wollte“. Wenn das so sein sollte: Wo sind dann Sylvia und Miriam? Zuletzt will ein Zeuge sie am Mittwoch vor einer Woche gesehen haben, zusammen im Auto. Wenn sie tot sind, gäbe es dann keine Spuren?

Indizien für so ein Szenario gibt es jedenfalls nicht. Weder in den beiden sichergestellten Autos der Schulzes, zum Beispiel Blutspritzer, noch haben die Taucher in der Elbe weitere Leichen gefunden oder Spürhunde in den angrenzenden Wäldern angeschlagen. „Wenn wir Spuren hätten, hätten wir auch darüber informiert“, sagt Krüger. „Noch gehen wir davon aus, dass die Familie untergetaucht sein könnte.“

Die Ermittler untersuchen seit einer Woche intensiv das persönliche Umfeld der Schulzes, darunter auch die nächste Verwandtschaft. Marco Schulze stammt aus Zschopau, einer Kleinstadt im sächsischen Erzgebirge, Sylvia kommt aus Gadebusch in Mecklenburg-Vorpommern. Krüger will nicht sagen, mit wem genau gesprochen wurde, aber die Polizei soll mit der älteren Tochter in Kontakt stehen, die nicht bei der Familie lebte. Wäre sie nicht informiert worden, wenn die Familie hätte spontan wegfahren wollen?

Als die Schulzes verschwanden, hatten in Niedersachsen gerade die Sommerferien begonnen. Doch eine Spur, die nach Kühlungsborn ging, führte ins Leere. Außerdem wollte Tochter Miriam bald ihre Reiterferien antreten, die bereits bezahlt worden waren. Ein Familienurlaub war laut einer Nachbarin erst für später geplant gewesen. Einen spontanen Kurzurlaub schließt die Polizei auch aus, weil Ausweise im Haus gefunden wurden. Auch wegen der Katzen, die zurückgelassen wurden. Persönliche Dinge und Wertsachen sind ebenfalls noch im Haus.

Gab es vielleicht Probleme in der Ehe? Die Polizei weiß es nicht. „Das Auffällige ist ja, dass sich niemand einen Reim auf das Verschwinden machen kann“, sagt Krüger. Was ist mit finanziellen Schwierigkeiten? Ihr Haus haben Sylvia und Marco Schulze erst vor zehn Jahren gebaut. Von einer Zwangsversteigerung oder Überschuldung ist dem Kommissar nichts bekannt. Sylvia Schulze hatte einen Job als Verkäuferin bei einem Discounter, ihr Mann in einer Chemiefabrik. Beim Arbeitgeber fehlen beide unentschuldigt.

Nachricht bleibt ungelesen

Und Handys? Heutzutage hat jeder sein Smartphone dabei, vor allem eine Zwölfjährige. Kein Kommentar, sagt Krüger. In einer Facebook-Gruppe, die Informationen über die Schulzes sammelt, meldet sich eine Mutter zu Wort. Ihre Tochter sei eine Freundin von Miriam und habe probiert, die Zwölfjährige über den Nachrichtendienst Whats­App zu erreichen. Aber es erscheine nur ein „Häkchen“. Ein Zeichen dafür, dass die Nachricht zugestellt, aber nicht gelesen wurde. Das spricht dafür, dass das Handy ausgeschaltet wurde oder der Akku leer ist.

Für Bewohner von Drage ruft der Fall der Familie böse Erinnerungen wach. Denn es ist nicht das erste Mal, das einer aus ihren Reihen spurlos verschwand – und bis heute geblieben ist. Im Oktober 2007 fuhr der 28 Jahre alte Helge M. mit seinem dunkelblauen Passat Kombi los und kam nicht mehr zurück. Er galt als besonders zuverlässig, war bei der Freiwilligen Feuerwehr. Seine Eltern warten bis heute auf ein Lebenszeichen und vermuten ein Verbrechen. Die Mutter vom vermissten Helge M. sagt zum Fall Schulze: „Wir wissen, was die Angehörigen jetzt durchmachen.“