Hamburg –

Watt für alle Ewigkeit

Zum 30. Geburtstag des Nationalparks Wattenmeer gibt es einen Rettungsplan für die Küste

Hamburg –.  Kein Champagner. Keine Torte, keine langen Reden. Noch nicht einmal eine kleine Laudatio auf den Jubilar. Und doch gibt es etwas zu feiern im Norden: Seit 30 Jahren gibt es den Nationalpark Wattenmeer. Und jetzt soll das Watt in die Höhe wachsen.

4400 Quadratkilometer groß, flach, den halben Tag lang ein Ozean ohne Wasser, graubrauner Schlamm so weit man gucken kann. „Horizont trifft Meeresgrund“, sagen sie da oben dazu. Ein friedliches Bild. Aber es zeigt nur die halbe Wahrheit. Das Watt war immer auch Schlachtfeld. Naturschutz gegen kommerzielle Nutzung, Umweltschützer gegen Unternehmer, Ökoverbände gegen Wirtschaftslobby. Alles wie überall. Nur, dass im Watt die Naturschützer gewinnen.

In den 80er-Jahren ging es los. Ausgerechnet Schleswig-Holsteins CDU-Regierung wollte aus dem windigen Watt einen Nationalpark machen. Ein riesiges Schutzgebiet, in dem der Naturschutz Vorrang haben sollte vor den Interessen der Menschen. Die Fischer fürchteten um ihre Arbeitsplätze, die Jäger um ihre Reviere, die Seeleute um ihre Schifffahrtsrouten, der Fremdenverkehr um den Zuspruch der Gäste, die Anwohner um ihre Traditionen. Zwar entschärfte Uwe Barschel den Gesetzentwurf zur Gründung des Nationalparks ein wenig, was ihm zusätzlich zur Wut der Westküstenbewohner auch noch den Unmut der Umweltschützer bescherte. Dennoch sorgte Barschel dafür, dass Schleswig-Holstein als erstes Land einen Nationalpark im Watt einrichtete. Er wollte beim damaligen Modethema Umweltschutz vorn sein. Ende Juli 1985, ziemlich genau vor 30 Jahren also, verabschiedete der Kieler Landtag das Nationalpark-Gesetz. Am 1. Oktober 1985 trat das „Gesetz zum Schutze des schleswig-holsteinischen Wattenmeeres“ dann in Kraft. „45 Prozent der Befragten sind mittlerweile stolz auf den Nationalpark vor ihrer Tür“, sagt Detlef Hansen, Leiter der Nationalparkverwaltung. Die Naturschützer hatten die erste Schlacht gewonnen. Viele weitere folgten, alle wurden gewonnen. Nur die entscheidende steht ihnen noch bevor.

Da der Meeresspiegel aufgrund der von der UNO prognostizierten Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts um mindestens 20, möglicherweise bis zu 80 Zentimeter ansteigen wird, da der dauerhafte Erhalt des Nationalparks Wattenmeer Staatsziel ist in Schleswig-Holstein, soll das gesamte hiesige Watt in den kommenden Jahrzehnten mithilfe gigantischer Sandvorspülungen um einen halben Meter erhöht werden. Unterlasse man dies, so die Hochrechnung der Wattschützer, laufe das Land Gefahr, dass bis zu 75 Prozent des Wattenmeeres spätestens im Jahr 2100 dauerhaft unter Wasser stehen wird.

Das Verfahren selbst ist seit Anfang der 70er-Jahre erprobt. Um die Insel Sylt gegen Sturmfluten zu schützen, wurden dort mithilfe von Saugbaggerschiffen mehr als 40 Millionen Kubikmeter Sand vorgespült. Kosten bisher: rund 200 Millionen Euro. Ähnliches soll in den nächsten Jahrzehnten vor der gesamten schleswig-holsteinischen Küste versucht werden.

Große Saugbagger sollen den Sand vor allem aus den Tiefen der Nordsee ansaugen, Richtung Watt transportieren und dort als Sand-Wassergemisch wieder löschen. Dabei soll der Sand nur aus jenen Teilen der Nordsee herausgeholt werden, die über eine Meerestiefe von mindestens 15 Metern verfügen. So soll vermieden werden, dass der Sandsockel des Watts nach unten durchrutscht, während von oben Sand nachgespült wird.

Welche Sandmengen jährlich für das wachsende Watt benötigt werden, an welchen Stellen man sie am besten vorspült, damit sie sich mithilfe von Ebbe und Flut gleichmäßig über die riesigen Wattflächen verteilen, welchen Sand aus welchen Abschnitten der Nordsee man am besten entnimmt, ob auch Sand genutzt werden kann, der beim Ausbaggern des Nordostsee-Kanals ausgehoben wird, all diesen Fragen will der Landesbetrieb für Küstenschutz, Nationalpark und Meeresschutz in den kommenden Jahren mithilfe wissenschaftlicher Analysen und eines neuen Wattenmeermodells nachgehen. Erst danach, im Licht der gewonnenen Erkenntnisse und der tatsächlichen Veränderung des Meeresspiegels, will man mit den Sandvorspülungen in Schleswig-Holsteins Wattenmeer beginnen.

Wie viel die Maßnahmen zur Rettung des Wattenmeers als „weltweit einmaliges Großökosystem“ den Steuerzahler kosten wird, steht noch nicht fest. Zum einen erspare das wachsende Watt Küstenschutzausgaben an anderer Stelle. Zum anderen sei es ein Vorteil der Vorspülungen, so die Wattschützer, dass man entsprechend der tatsächlichen Klima- und Pegelverhältnisse flexibel entscheiden könne, wie viel Sand bewegt werden müsse, um das Watt zu erhalten. Prost Nationalpark! Auf die nächsten 30 Jahre. Sie könnten teuer werden.