Rostock –

Reem und wie sie die Welt sieht

| Lesedauer: 4 Minuten
Per Hinrichs

Seitdem sie die Kanzlerin traf, spricht das ganze Land über die kleine Palästinenserin. Ein Besuch

Rostock –.  Zwischen der Innenstadt von Rostock und dem Ostseebad Warnemünde liegt Rostock-Evershagen. Plattenbauklötze mit bunten Fassaden säumen die vierspurige Ausfallstraße, an der Hausnummer 20 bieten ein Nagelstudio, ein Tätowierer und ein arabischer Supermarkt ihre Dienste an. Hier wohnt Reem Sahwil, 14 Jahre alt, „fast 15“, wie sie sagt, zwischen zwei Orten gelegen, von denen die Touristen Karten schreiben. „Ist schön hier“, sagt sie. „Ich fühle mich wohl.“ Und dann legt sie den Kopf zur Seite und zeigt ihr Lächeln, mit dem sie vor zehn Tagen das ganze Land bewegt hat.

Eismaske weggezaubert

Wer Reem und ihre Familie besucht, trifft auf eine muntere, kleine Familie. Ahmed, neun, tobt mit einem Plüsch-hasen durchs Wohnzimmer. Die zweijährige Ranim trappelt über den Flur und guckt in jedes Zimmer. Und Reem macht es sich auf ihrem Bett bequem, blickt ihr Gegenüber aus großen braunen Augen an und bemüht sich, auf jede Frage eine Antwort zu finden.

Seitdem sie der Kanzlerin Angela Merkel vor laufenden Kameras mit ihren Tränen die Eismaske wegzauberte, interessiert sich auf einmal das ganze Land für Aufenthaltsrechtspolitik, Flüchtlingsschicksale und Einwanderungsgesetze. Journalisten stellen immer die gleichen Fragen, erkundigen sich nach dem ­­Aufent­­halts­status, nach dem Leben in Deutschland, nach der Schule und ihren Fortschritten bei der Behandlung ihrer Behinderung; Reem ist seit der Geburt teilweise gelähmt, bei einem Autounfall im Jahr 2006 wurde sie außerdem schwer verletzt. „Es nervt schon, dass mich auf der Straße jetzt alle angucken“, sagt sie.

Die Bundeskanzlerin flößt ihr Respekt ein. „Ich habe gleich ihre Stärke gespürt, als sie hereinkam. Sie wirkte so freundlich, mutig und selbstsicher.“ Eigentlich, sagt Reem, sei sie selbst schüchtern. Habe nicht viele Freunde. Klassensprecherin sei sie, ja. „Aber zu den Sitzungen schicke ich immer meine Stellvertreterin, so macht man das doch, oder?“ Und wieder lacht sie. Auf der Veranstaltung „Gut leben in Deutschland“ wollte Reem, die ihren Namen „Riem“ ausspricht, nichts sagen. Aber dann platzte es aus ihr heraus, denn sie will auch gut leben in Deutschland. Und das kann sie nicht, solange die Stadt Rostock alle sechs Monate ihre Duldung nur verlängert. Die Familie wird zwar nicht abgeschoben, kann aber nicht regulär arbeiten oder auch nur den Landkreis verlassen.

Der Rostocker Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) will sich für die Familie einsetzen. „Wir werden die Duldung fortsetzen“, sagte er der Berliner Morgenpost. Er geht jedoch davon aus, dass die fünf Familienmitglieder dauerhaft bleiben können. Eine weitergehende Aufenthaltsberechtigung kann aber nur das Bundesamt für Flüchtlinge und Migration ausstellen.

Reem plant schon, wie die nächsten Jahre ablaufen sollen. „Ab der 11. Klasse gehe ich aufs Gymnasium, dann mache ich Abitur und kann Englisch studieren. Oder ich werde Übersetzerin, zum Beispiel für Flüchtlinge“, sagt sie. In ihrem Kinderzimmer sieht es so aus, als sei die Welt der Erwachsenen noch weit entfernt. Ihre Freundinnen reden über Tiere, Natur oder Barbies. „Ich würde lieber über Mädchensachen reden.“ Was denn zum Beispiel? „Na, Mode, Musik, Kleider.“ Auch Jungs? „Hihi, neeee!“ Reem würde auch gerne mehr wissen was es mit dem christlichen Glauben auf sich hat. Trägst du später auch ein Kopftuch? „Ja, dazu habe ich mich entschlossen, als ich sieben Jahre alt war“, sagt Reem. Aber es dauere wohl noch zwei oder drei Jahre, bis sie es anlege – „und wenn ich es nicht wollte, müsste ich keines tragen“.

„Meine Heimat ist Palästina“

Kaum etwas scheint Reem von einem gewöhnlichen deutschen Mädchen zu unterscheiden. Ist Deutschland schon deine Heimat? „Nein, meine Heimat ist Palästina.“ Warst du denn mal dort? „Nein, aber irgendwann werde ich dort leben“, sagt sie, und ihre Augen leuchten. Die große Erzählung der Palästinenser, ihre Vertreibung aus ihrem Land, das 1948 zu Israel wurde, ist bei den Sahwils nicht nur als ständiger Gedanke präsent. Die Illusion der Rückkehr nach fast 70 Jahren Exil bestimmt ihren Alltag wesentlich. Könntest du dir vorstellen, in Israel zu leben, dort, wo früher deine Großeltern im Land Palästina gelebt haben? Reem überlegt. „Vielleicht. Aber aufgeben werde ich trotzdem nicht.“ Dabei wirkt sie freundlich, mutig und selbstsicher.

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