Kapstadt –

Ideen gegen Hai-Attacken

| Lesedauer: 5 Minuten
Christian Putsch

Nach dem Angriff auf einen Profi-Surfer tüftelt Südafrika an Methoden zur Abwehr der Tiere

Kapstadt –. Am Tag danach ringt Paul Botha noch um Worte. „Eine Prellung am Fingerknöchel, mehr nicht“, stammelt er. „Mick ist völlig unversehrt. Nur der Finger, von den Schlägen auf den Hai.“ Seit 27 Jahren organisiert der Mann die „J-Bay Open“. Die Veranstaltung am Küstenort Jeffreys Bay gehört zu den wichtigsten Surf-Wettbewerben der Welt. Botha bringt wenig aus der Ruhe, doch der Hai-Angriff auf den australischen Weltmeister Mick Fanning am Sonntag hat ihn erschüttert.

Zwischen zwei und acht Angriffe registrieren die Statistiker jährlich in Südafrika, lediglich Australien und die USA sind gefährlicher. Erst im Juni verlor ein 19 Jahre alter Student beim Surfen im Urlaubsort Buffels Bay ein Bein. Immerhin überlebte er. In Südafrika ist die Todesrate mit einem Drittel der Opfer hoch, was an der großen Population der Weißen Haie liegt.

Drohnen könnten warnen

Seit Jahrzehnten tüftelt Südafrika an Systemen, wie es seine Küsten vor den Raubtieren schützen kann, ohne diese zu töten. Einen Hubschrauber einzusetzen wäre zu teuer, sagt Botha – während des 14-tägigen Wettkampfes, vor allem aber im Alltag. Eher könne er sich den Einsatz von kleinen Drohnen mit Kameras an Bord vorstellen. „Der Unfall ist ja gerade erst passiert“, sagt er, „es wird dauern, bis alle Schlüsse gezogen sind.“

In der Region um Kapstadt gibt es seit elf Jahren an acht Stränden „Shark-Spotter“, die von Bergen aus die Wasseroberfläche mit Ferngläsern absuchen und beim Sichten eines Hais einen Sirenenalarm auslösen. In Jeffreys Bay funktioniert dieses an sich effektive System jedoch nicht. Dort gibt es nur niedrige Dünen, die Shark-Spotter müssen aber mindestens aus einem 45-Grad-Winkel auf das Wasser blicken, sonst reflektiert es zu sehr.

Die Shark-Spotters-Projektleiterin Sarah Titley fürchtet, dass die Videoaufnahmen des Angriffes, die derzeit für Aufsehen sorgen, zur Panik vor Haien beitragen. „Das passiert immer wieder. Besonders, wenn sie, wie hier, auf Kamera aufgenommen wurden“, sagt sie. Oft würden die falschen Schlüsse gezogen. Dass die Autofahrt zum Strand um ein Vielfaches gefährlicher ist als das Surfen selbst, geriet spätestens im Jahr 1975 mit dem Kinofilm „Der Weiße Hai“ in Vergessenheit. In seiner Folge wurden so viele der für das Ökosystem so wichtigen Tiere getötet, dass der Autor der Romanvorlage sein Werk später bedauert hat.

Viele populäre Surfstrände Südafrikas sind besser geschützt als der in Jeffreys Bay. In Durban wurden vor der Küste Netze gespannt, in denen sich aber Haie und Delfine oft verfangen und sterben. In Kapstadt vermeidet man dies. In der Bucht Fish Hoek, wo zuletzt im Jahr 2012 ein Schwimmer ein Bein verlor, gibt es neben den „Shark-Spotters“ sogenannte Shark Exclusion Barriers – eine Art mobiler Zaun, der nur tagsüber eingesetzt wird und in dem sich kaum Fische verfangen. Er deckt eine Fläche mit der Größe von zwei Fußballfeldern ab. Seit der Installation gab es keine Angriffe mehr, doch in Jeffreys Bay ist die Strömung dafür zu stark. „Leider gibt es keine Einheitslösung“, sagt Titley.

Mit einigen Sicherheitsregeln lasse sich das Risiko jedoch minimieren. Wenn nahe der Küste viele Vögel fliegen würden, sei das ein Zeichen für ungewöhnlich viele Fische im Wasser – die wiederum Haie anziehen würden. „Wir müssen versuchen, eine Koexistenz zwischen Haien und Menschen zu arrangieren“, sagt Titley, „das Wasser ist nicht unser Lebensraum.“ In Jeffreys Bay waren am Sonntag keineswegs ungewöhnlich viele Vögel in der Luft.

Viele bleiben unbeeindruckt

Auch ein anderer üblicher Verdächtiger scheidet aus: Seit Jahren fordern Surfer das Verbot des „Hai-Käfig-Tauchens“, bei dem Haie zum Vergnügen von in Unterwasserkäfigen sitzenden Touristen angefüttert werden. Ob die Tiere so tatsächlich nachhaltig in Menschennähe gelockt werden, ist umstritten.

Botha kannte das Restrisiko schon lange vor Fannings Unfall. Vor ein paar Jahren organisierte er in Jeffreys Bay einen Juniorenwettkampf. Einer der Teilnehmer wurde von einem vier Meter langen Hai attackiert. Das Brett war kaputt, aber der Surfer hatte nur Schrammen. Botha ließ den Rest der Wettkämpfe einfach 15 Kilometer weiter zu Ende surfen. Im Jahr 2004 wurde auch der damalige südafrikanische Meister Wayne Monk in der Welle von Jeffreys Bay von einem kleineren Hai verletzt, sein Fuß wurde mit 34 Stichen genäht. Er werde weitersurfen, wenn er wieder laufen könne, so Monk danach.

Diese unbekümmerte Einstellung haben weiter viele in Jeffreys Bay. Keine halbe Stunde nach dem Zwischenfall mit Fanning seien die ersten Hobbysurfer wieder ins Wasser gegangen, erzählt Botha. „Die Wellen waren einfach zu gut, um sie nicht zu nutzen.“

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