Alpinismus

„Jeder ist erst mal als Egoist unterwegs“

| Lesedauer: 7 Minuten
Wolfgang Büscher

Beim Bergsteigengeht es für Reinhold Messner immer auch ums Überleben. Ein Gespräch

Löbau –.  Etwas seltsam ist es schon, den Mann, der alle Achttausender bestieg, ausgerechnet im ostsächsischen Löbau zu treffen. Nichts gegen Löbau, eine hübsche kleine Stadt, und ein Architektur-Denkmal hat sie auch. Der Nudelfabrikant Fritz Schminke wünschte sich hier 1930 „ein modernes Haus für zwei Eltern, vier Kinder und gelegentlich ein bis zwei Gäste“. Der Architekt Hans Scharoun entwarf es ihm. Und Reinhold Messner mag die seinerzeit revolutionäre Architektur des „neuen Bauens“. Er schreibt nicht nur Bücher und dreht Filme, er hält auch Vorträge. Darum ist er gerade in Löbau und wohnt im Haus Schminke.

Berliner Morgenpost: Bei meinen Fernwanderungen habe ich das Gefühl, es ist ein Geben und Nehmen. Eine Art Pakt mit dem Land, durch das ich gehe. Paragraf eins: Ich gebe dir mich. Paragraf zwei: Du gibst mir dich. Können Sie damit etwas anfangen?

Reinhold Messner: Ja, das ist auch Teil meiner Erfahrung – dass es eine Empathie braucht mit den Leuten, die man auf der Strecke trifft und die ja mit die Voraussetzung sind, dass man das machen kann. Sicher, die Antarktis ist unbewohnt, da kann ich nicht auf die Menschen setzen. Aber wenn ich durch Tibet gehe oder durch die Wüste Gobi, treffe ich mindestens alle drei, vier Tage irgendwo eine Familie im Nomadenzelt. Wenn ich mich nicht auf Augenhöhe mit denen stelle, lassen die mich sowieso nicht hin, dann hetzen sie mir die Hunde hinterher. Denen etwas geben, heißt ja nicht, ihnen Geld zu geben, es heißt, von sich etwas hergeben. Dass ich mit einer kleinen Stiftung Bergvölkern in Nepal, bei denen ich war, helfe, ist natürlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Oder ich versuche, dem G-7-Gipfel mitzuteilen, überlegt euch, was ihr tut bei der Katastrophe jetzt in Nepal.

Sie haben oft den Massentourismus etwa am Everest kritisiert. Sie sagen: Lasst dem Berg sein Geheimnis, lasst ihm auch seine Gefahr. Ist Bergsteigen nur etwas für wenige?

Das Geheimnis bleibt desto eher, je weniger Menschen hinaufsteigen. Ein unbestiegener Berg ist logischerweise geheimnisvoller als ein bestiegener. Aber das Wichtige ist, dass man dem Berg seine natürliche Dimension lässt – dazu gehört die Gefahr. Wenn ich dem Berg die Gefahr lasse, ist Massentourismus nicht möglich. Der Berg wird erst zum Massenziel, wenn ich ihn in Ketten lege, ihn präpariere, also eine Piste baue. Genau das ist heute das Übliche.

Nun haben Sie ja den Boom des Bergsteigens selbst befördert mit Ihren Büchern, Filmen, Vorträgen. Graut Ihnen jetzt vor den Geistern, die Sie riefen?

(lacht) Die Leute haben meine Bücher gar nicht oder falsch gelesen. Ich habe immer gesagt, dass das, was ich mache, kein Sport ist, sondern eine existenzielle Erfahrung weit jenseits des Sports. Ich habe nichts gegen das Klettern in der Halle – ein großartiger Sport. Aber es ist eben nur eine sportliche, also muskuläre Erfahrung. Es ist nicht die Auseinandersetzung mit der Dimension und Größe des Berges. Nur wenn ich in Eigenverantwortung langsam höher steige, weiß ich, wie weit ich von der Sicherheit weg bin. Dass ich in einer gefährlichen Welt unterwegs bin. Wir suggerieren, indem wir den Mont Blanc mit einer Piste versehen, dass bloß ein Hügel vor uns liegt. Es dauert vielleicht drei oder fünf Stunden, auf der Piste hochzukommen und wieder runter, und wenn ich mir den Fuß breche, kommt der Hubschrauber.

Warum haben wir Europäer damit angefangen?

Seit die Menschen im Zuge von Aufklärung und Industrialisierung ein Dach über dem Kopf und ein Auskommen hatten, die englischen Industriellen wohlhabend wurden, haben Adelige, Wissenschaftler, Reiche angefangen, Berge zu besteigen. Inzwischen ist der Alpinismus eine globale Erscheinung. Aber die Kultur hat sich dahin verändert, dass die Sicherheit, die Absicherung im Mittelpunkt steht. Das ist logisch, der Mensch ist so gemacht, aber es ist genau das Gegenteil dessen, was Bergsteigen ursprünglich war.

Ist das ein Verlust?

Es ist der Grund, warum ich mein jüngstes Museum dem traditionellen Bergsteigen widme. Damit die Vorstellung davon nicht verloren geht.

Was genau verschwindet denn?

Das Bergsteigen wird mehr und mehr zum Sport, und dieser braucht den Vergleich, Zahlen. Da wird geschaut, wie schnell geht jemand rauf. Es fehlt an Erfahrung, und es soll nix passieren. Traditioneller Alpinismus heißt, in eine archaische Welt zu gehen, von der ich a priori nicht weiß, wie sie genau ausschaut. Ich muss mich Schritt für Schritt auf Unbekanntes einstellen, muss Schwierigkeiten lösen können. Wenn ich den Berg präparieren lasse, kriege ich genau das Gegenteil dessen, was der Bergsteiger will – nicht Erfahrungen, kein Abenteuer, sondern den Gipfel. Mit meinem Scheckbuch gekauft und ins Tourenbuch eingetragen.

Sie sind jetzt 70 – klettern Sie noch viel?

In den letzten Jahren bin ich nicht mehr so hoch gestiegen. Also keine Achttausender mehr. Ich beschäftige mich mehr und mehr mit der kulturellen Dimension: der Berg und der Mensch. Ich baue ja meine Museen und will den Besuchern nicht nur erzählen, ich bin auf diesen und jenen Hügel gestiegen, ein anderer auf diesen anderen, das wäre zu wenig. Ich klettere, wenn mich mein Sohn mitnimmt.

Und Sie schreiben weiterhin Bücher. Warum jetzt übers Matterhorn – ist über diesen Berg nicht alles erzählt?

Erzählt wurde viel, aber niemand hat sich die Mühe gemacht, wirklich aufzuklären, was damals passiert ist. Die Erstbesteigung des Matterhorns 1865 inkludiert die gesamte Geschichte des Bergsteigens, das damit seine Unschuld verliert. Es ist der Schlüssel dafür, wie sich die Motivation verändert. Wie aus einem archaischen Unterwegssein ein Wettlauf wird.

Nicht nur am Matterhorn konkurrierten Rivalität und Kameradschaft. Auch in Ihrem Nanga-Parbat-Buch haben Sie davon erzählt – welche dieser Kräfte ist am Ende stärker?

Mit dem Wort „Kameradschaft“ habe ich meine Probleme. Dieser Begriff ist zu oft missbraucht worden. Von „Gutmenschen“! Natürlich ist jeder erst mal als Egoist unterwegs. Ich tu’s ja, weil mein Ego das will. Aber ich habe die größtmögliche Chance zu überleben, wenn ich in Empathie mit anderen agiere. Egoismus und Altruismus sind also zwei Werte, die ineinander verschraubt sind. Solange wir in großer Gefahr und Anstrengung unterwegs sind, teilen wir Angst, Hoffnung und Glück. Die anti-kameradschaftlichen Kräfte kommen hinterher, wenn Dritte sich der Geschichte bemächtigen, Neid und Willkür sich breitmachen. Eine triste Erfahrung.

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