Rostock –

Sandsturm-Crash: Unfallfahrerin verwarnt

54-Jährige setzte bei Zusammenstoß eine verhängnisvolle Kette in Gang. Mildes Urteil

Rostock –. Ein Sandsturm fegt über die Autobahn. 80 Autos rasen ineinander, acht Menschen sterben. Mehr als vier Jahre später spricht ein Gericht das Urteil gegen eine Autofahrerin. Und es sieht dabei Gründe für Milde. Deshalb kommt die 54-Jährige mit einer Verwarnung davon. Das Amtsgericht Rostock blieb damit am Mittwoch unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die eine neunmonatige Bewährungsstrafe für die Frau aus Brandenburg verlangt hatte. Die Geldstrafe in Höhe von 9000 Euro setzte der Richter zur Bewährung aus.

Das Gericht kam zu dem Schluss, die Frau habe den Tod eines Ehepaars mitverursacht und sich der fahrlässigen Tötung schuldig gemacht. Das Unglück, bei dem auf der Autobahn 19 in Mecklenburg-Vorpommern insgesamt acht Menschen starben, sei vorhersehbar und vermeidbar gewesen.

Außerdem sah es das Gericht als erwiesen an, dass die Fahrerin am 8. April 2011 zu schnell in den Sandsturm gefahren war und ein Auto gerammt hatte. Die Frau sei der Anfang einer Kausalkette gewesen, an deren Ende der Tod des Ehepaars stand. Die Frau war einem Gutachter zufolge mit einer Geschwindigkeit von 78 bis 94 Stundenkilometern auf das mit Tempo 25 bis 30 fahrende Auto des Paars gefahren. Dieses Auto prallte gegen die Leitplanke, wurde dort noch von zwei weiteren Autos gerammt und brannte schließlich aus.

An dem Unfall südlich von Rostock waren in beiden Fahrtrichtungen mehr als 80 Fahrzeuge beteiligt. Acht Menschen kamen ums Leben, etwa 130 wurden verletzt. Die Bilder der schwersten Massenkarambolage der letzten 25 Jahre in Deutschland mit vielen verbrannten Autos waren um die Welt gegangen.

Die im Gericht äußerst angeschlagen wirkende Frau war mit fünf Freundinnen in einem Transporter zu einem Wochenendausflug nach Warnemünde unterwegs. Sie hatte angegeben, dass die Sandwolke urplötzlich vor ihr aufgetaucht sei und sie nicht hätte reagieren können. Sichtlich bewegt beteuerte sie jetzt nach dem Urteilsspruch: „Ich habe die Sandwolke als Wolke nicht gesehen.“ Während des Prozesses hatten mehrere Zeugen unterschiedliche Angaben zur Sichtbarkeit der Wolke gemacht. Die Frau sagte, sie habe sich ein anderes Urteil ohne Schuldspruch gewünscht.

Das Gericht schloss sich den Gutachtern an, wonach die riesige Wolke aus mindestens 650 Metern Entfernung vor der Unfallstelle zu sehen war. Die Autofahrerin hätte demnach reagieren und das Tempo ihres Wagens reduzieren müssen. „Sie haben gegen das Sichtfahrtgebot verstoßen“, warf ihr der Richter vor. Er räumte allerdings ein, dass es sich bei dem Sandsturm um ein bis dahin unbekanntes Wetterphänomen gehandelt habe, was sich strafmildernd ausgewirkt habe.

Die Frau selbst hatte schwerste Verletzungen erlitten, als sie aus ihrem Auto ausstieg und von einem Lastwagen erfasst wurde. Sie leide noch heute stark unter den physischen und psychischen Folgen, sagte der Richter. Er bezeichnete es angesichts des dramatischen Unfallgeschehens und der Schwere der Verletzungen als ein Wunder, dass sie noch Erinnerung an den Unfall habe. „Es ist geradezu tragisch, dass sie diese Erinnerung hat, denn diese wird sie ein Leben lang mit sich tragen müssen.“

Ende August soll noch der Prozess gegen einen Lastwagenfahrer folgen, der ebenfalls für den Tod eines Menschen in der Massenkarambolage auf der A19 verantwortlich sein soll.

Als Konsequenz aus der Massenkarambolage im Sandsturm 2011 werden gefährdete Straßenabschnitte in Mecklenburg-Vorpommern inzwischen überwacht. Falls notwendig werden sie abgesichert, über den Verkehrsfunk werden Warnmeldungen verbreitet, wie das Agrarministerium mitteilte. In einem speziellen Kataster werden Sandstürme erfasst. Mit dem Kartenmaterial könnten auch kleinste erosionsgefährdete Flächenbereiche erfasst werden. Betroffene Landwirte werden beraten.

Den größten Schutz bewirke die flächenhafte Bodenbedeckung. Der Boden werde daran gehindert, „überhaupt erst in die Luft zu gehen“, hieß es vom Landwirtschaftsministerium. Die von Umweltschutzorganisationen geforderte Anpflanzung von Hecken bildeten nur einen Teil der möglichen Maßnahmen. Allerdings seien Hecken aus Laubsträuchern im Frühjahr, also zur Zeit der höchsten Verwehungsgefährdung, noch sehr durchlässig und böten allein keinen hinreichenden Schutz. Daher sollten auch dauergrüne Anpflanzungen integriert werden.

Nach dem spektakulären Unfall hatten Experten bemängelt, dass das Feld neben der Fahrbahn im Erosionskataster des Landes nur in der zweitniedrigsten Gefahrenstufe eingetragen war. Danach mussten keine Schutzmaßnahmen ergriffen werden. Auf dem Feld habe es ein lockeres Gemisch aus mehreren Sandarten gegeben. Zudem sei die Fläche sehr groß und eben gewesen – und damit besonders windanfällig. Auf der Strecke gilt inzwischen ein Tempolimit von 100 km/h.