QuakenbrücK –

Der Junge, der seine Abtreibung überlebte

| Lesedauer: 5 Minuten
Claudia Becker

Seine Mutter wollte ihn nicht, weil er das Downsyndrom hat. Jetzt wird Tim 18 Jahre alt

QuakenbrücK –. Damit hatte keiner gerechnet. Plötzlich stand er in der Küche. Tim. Der Junge, der lacht und traurig guckt und ärgerlich und verschmitzt. Der seiner Familie zeigen kann, wie er sich fühlt und was er braucht und will. Tim, der in seiner eigenen Welt lebt, sich vor allem mit Gesten und Lauten verständlich macht und kaum mit Worten. Und wenn, dann nur mit einem oder zwei. Tim stand also plötzlich da und sagte: „Hier bin ich!“ Wenn Simone Guido davon erzählt, dann wird ihre Stimme ganz hell. Dann schwingt in ihr diese Begeisterung, die man bei anderen Müttern hört, die berichten, dass die Tochter das Abitur bestanden oder der Sohn einen Preis bei „Jugend musiziert“ gewonnen hat. Wenn Simone Guido von Tims überraschendem Auftritt in der Küche in ihrem Haus im niedersächsischen Quakenbrück erzählt, dann hört man, wie nah sie ihm ist, wie stolz, wie selbstverständlich sie ihn liebt.

Tim ist vermutlich das berühmteste Pflegekind Deutschlands. Er ist als „Oldenburger Baby“ in die Geschichte gegangen und hat eine heftige Diskussion entfacht. Am 6. Juli feiert er seinen 18. Geburtstag. Der Sommertag im Jahr 1997, an dem er zur Welt gekommen ist, sollte sein Todestag sein. Tims Mutter hatte am 5. Juli 1997 erfahren, dass ihr Baby das Downsyndrom hat. Sie war schon im sechsten Monat. Am frühen Nachmittag stand sie in der Städtischen Frauenklinik Oldenburg. Sie sagte, sie würde sich das Leben nehmen, wenn die Schwangerschaft nicht beendet werde. Ein Abbruch nach der 14. Woche ist in Deutschland aufgrund einer medizinischen Indikation möglich. Ausschlaggebend ist die Gesundheit der Frau. Besteht für diese Gefahr, kann der Eingriff bis kurz vor dem Ent­bin­­dungstermin vorgenommen werden. 2014 wurden in Deutschland 584 Schwangerschaften abgebrochen, die bereits 22 Wochen und mehr bestanden haben. Häufig entscheiden sich Mütter zu einer Spätabtreibung, deren Kinder nicht lebensfähig wären. Zu einem großen Teil betrifft es aber auch Mädchen und Jungen mit Trisomie 21, dem Downsyndrom. Nach dieser Diagnose werden neun von zehn Schwangerschaften abgebrochen.

Tim wog 690 Gramm

Nachdem Tims Mutter mit Suizid gedroht hatte, stand auch dieser Abtreibung rechtlich nichts mehr im Weg. Nach der 14. Schwangerschaftswoche müssen die Mütter bei einem künstlich eingeleiteten Geburtsvorgang die Kinder jedoch selbst zur Welt bringen. Mittlerweile wird der Fötus in der Regel im Mutterleib durch die Injektion von Kaliumchlorid getötet. In Tims Fall hatte der Arzt keine Spritze gesetzt. Er hatte darauf vertraut, dass der Junge den Geburtsvorgang nicht überlebt. Aber Tim starb nicht.

„Tim lebt!“ (Adeo-Verlag, 272 S., 18,99 Euro) heißt das Buch, das Simone Guido und ihr Mann Bernhard gemeinsam mit der Journalistin Kathrin Schadt fast 18 Jahre nach den Ereignissen in der Oldenburger Frauenklinik über ihr Pflegekind geschrieben haben. Über seinen Alltag, seine Krankheit, sein Leiden und seine Lebensfreude. Über das Leben des Paares mit einem schwerstbehinderten Kind. Und über Tims erste Stunden in einer Welt, in die er nicht sollte und in die er unbedingt wollte. 690 Gramm wog er, 32 Zentimeter war er groß, als er gegen ein Uhr morgens da war. Die Mutter wollte ihn nicht sehen. Irgendjemand wickelte ihn in Tücher. Irgendwann würde er schon sterben. Es kam vor, dass ein Kind seine späte Abtreibung überlebte. Nach ein, zwei Stunden war es vorbei. Aber Tim hat auch am nächsten Morgen noch geatmet, als Schichtwechsel war. Nach neun Stunden entschieden die Ärzte, lebenserhaltende Maßnahmen einzuleiten.

Doch das Kind war durch die Abtreibung und die unterlassene Versorgung schwer geschädigt. Monatelang lag er auf der Intensivstation. Seine Zukunft stand in den Sternen. Bis kurz vor Weihnachten 1997 die Familie Guido in sein Leben trat. Die beiden diplomierten Lebensmitteltechnologen hatten zwei gesunde Söhne, Pablo, drei, und Marco, sechs. Sie wollten so gerne ein Pflegekind aufnehmen. Ein Mädchen sollte es sein. Nicht behindert. Dann rief das Jugendamt an. Ob sie sich nicht mal den kleinen Tim anschauen wollten? Eigentlich wollten die Guidos nur ihr Gewissen beruhigen, als sie ins Krankenhaus fuhren. Doch dann sahen sie ihn. „Wir haben gleich gedacht: ,Der gehört zu uns!‘“, erinnert sich Simone Guido. „Da waren diese strahlenden blauen Augen. Ja, das war wie Liebe auf den ersten Blick.

Simone Guido und ihr Mann wollen vor allem eines mit dem Buch vermitteln: Dass ein Leben mit einem Down-Kind nicht automatisch eine Katastrophe bedeutet, sondern auch bereichernd und sehr schön sein kann. Sie haben noch zwei weitere Kinder mit Downsyndrom aufgenommen, Melissa, 14, und Naomi, elf.

Simone Guido sagt, dass sie von Tim im Laufe der Zeit schon viel gelernt habe. Von ihm, dessen größte Freude die Anwesenheit eines Menschen sei, den er liebt. „Er zeigt uns, dass Glück nicht in erster Linie von materiellen Dingen abhängt. Tim ruht in sich.“ Von seiner Lebenseinstellung könnten andere etwas lernen.

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