Flug 4U2595

Germanwings - Co-Pilot testete den Absturz

| Lesedauer: 4 Minuten

Der Co-Pilot von Germanwings-Flug 4U2595 hat den Absturz des Airbus A320 bereits auf dem Hinflug nach Barcelona "geprobt". Seine medizinischen Probleme waren jahrelang bekannt.

Der Co-Pilot des abgestürzten Germanwings-Flugzeugs hat bereits auf dem Hinflug von Düsseldorf nach Barcelona eine viel zu niedrige Höhe eingestellt und so offenbar den Absturz geprobt. Zudem waren seine medizinischen Probleme seit Jahren bekannt.

Wie die Ermittler am Mittwochmittag mitteilten, habe Andreas Lubitz auf dem Flug mehrfach für einige Sekunden eine Flughöhe von nur 100 Fuß, also rund 30 Meter, eingestellt. Das sei während eines angeordneten Sinkflugs geschehen, deshalb wären Lotsen und Crew keine ungewöhnlichen Flugbewegungen aufgefallen. Er habe diesen Handgriff wiederholt. Der 27-Jährige war laut dem Zwischenbericht der französischen Luftfahrtermittlungsbehörde BEA zu der Zeit allein im Cockpit.

Bei dem Absturz der Maschine am 24. März waren alle 150 Menschen an Bord ums Leben gekommen. Darunter waren nach Angaben des Auswärtigen Amts 72 Deutsche. Der Airbus war auf dem Weg von Barcelona nach Düsseldorf, als es in den französischen Alpen zur Katastrophe kam. Der Co-Pilot wird verdächtigt, das Flugzeug absichtlich zum Absturz gebracht zu haben. Lubitz war zu dem Zeitpunkt ebenfalls allein im Cockpit und hatte dem Piloten nicht mehr die Tür geöffnet. Minuten später flog die Maschine in einen Berg.

Einsatzkräfte hatten Anfang April den Flugdatenschreiber gefunden. Lubitz hatte sich vor dem Absturz der Maschine mehrfach im Internet über Möglichkeiten der Selbsttötung informiert. Außerdem suchte er nach Sicherheitsmechanismen von Cockpittüren. Am Tag der Katastrophe war der Mann krankgeschrieben, was er aber offenbar verheimlichte.

Tauglichkeitszeugnis zweimal nicht erneuert

Allerdings hatte Lubitz einen Hinweis auf medizinische Untersuchungen in seiner Fluglizenz. Die Pilotenlizenz beinhaltete einen sogenannten SIC-Eintrag („Specific medical examinations“), heißt es im Zwischenbericht der französischen Untersuchungsbehörde Bea weiter. Dies bedeute, dass der Fliegerarzt vor einer regelmäßigen Beurteilung der Flugtauglichkeit die Behörde kontaktieren müsse.

In dem Bericht heißt es zudem, dass das Flugmedizinische Zentrum der Lufthansa das Tauglichkeitszeugnis des Mannes wegen seiner mit Medikamenten behandelten Depression im April 2009 nicht erneuert habe. Erst im Juli habe Andreas Lubitz dann ein neues Tauglichkeitszeugnis erhalten. Dies zeige, dass der Fall des Mannes damals aufmerksamer untersucht worden sei, sagte Bea-Direktor Rémi Jouty in Le Bourget bei Paris. Das medizinische Problem sei bekannt gewesen. Es sei untersucht worden, und es sei eine Entscheidung getroffen worden.

Die Flugschreiber bestätigen aus Sicht der Behörde eine bewusste Handlung des Co-Piloten beim Absturz auf dem Rückflug. „Man kann daraus schließen, dass er handlungsfähig war und dass alle seine Handlungen den gleichen Sinn hatten, nämlich das Flugzeug auf den Boden stürzen zu lassen“, sagte Jouty. Kurz vor dem Aufprall habe Lubitz leicht das Steuer des Airbus bewegt - jedoch nicht stark genug, um den Autopiloten abzuschalten. Zuvor hatte er den Autopiloten auf 30 Meter eingestellt und mehrfach das Tempo erhöht.

Deutschland hatte am 17. April eine Trauerfeier im Kölner Dom abgehalten.

Die Bea ist für die nach Flugzeugunfällen üblichen Sicherheitsuntersuchungen zuständig, die unabhängig von der strafrechtlichen Aufarbeitung läuft. Die jetzt vorgelegte Darstellung des genauen Ablaufs des Flugs ist dabei nur ein erster Schritt – der endgültige Bericht wird wohl erst nach einem Jahr vorliegen. Darin geht es dann auch um mögliche Konsequenzen für die Sicherheitsvorschriften in der Luftfahrt.

Die französische Behörde will insbesondere die Regeln zur medizinischen Untersuchung von Piloten und die „Balance zwischen ärztlicher Schweigepflicht und Flugsicherheit“ betrachten. Zudem steht die Frage der Cockpitsicherheit auf ihrer Agenda. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 waren die Cockpittüren mit neuen Sicherheitssystemen ausgestattet worden – im Fall des Germanwings-Flugs versuchte der Kapitän vergeblich, in das verriegelte Cockpit zu gelangen. Jouty: „Das Szenario einer psychologischen Untüchtigkeit des Piloten wurde damals nicht in Betracht gezogen.“

( dpa/mim )

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