Himalaya-Beben

In Nepal kämpfen sich die Retter mühsam auf das Dach der Welt

| Lesedauer: 4 Minuten
Th. Burmeister, A. Clasmann, P. Tuladhar, S. Sen und D. Fiedler

Die Zahl der Toten steigt nach dem Erdbeben in Nepal auf rund 4100. Im Himalaya treffen die ersten Hilfsgüter ein. Doch nicht immer erreichte die Hilfe die Bedürftigen.

Nach dem gewaltigen Erdbeben im Himalaya kommen Hilfsgüter aus aller Welt in Nepal an. Auch aus Deutschland haben Hilfsorganisationen tonnenweise Unterstützung geschickt: Zelte, Nahrungsmittel, Medikamente, Wasseraufbereitungsanlagen, dazu Mediziner und Nothilfeexperten.

Doch nicht immer erreichte die Hilfe bis Montag die Bedürftigen, weil die Retter wegen der zerstörten Infrastruktur nur schwer vorankommen. Noch immer sind viele Bergdörfer vor allem im Bezirk Gorkha nicht erreichbar. Hilfsorganisationen berichten, dass Erdrutsche und armbreite Risse viele Straßen unpassierbar machten. Die wenigen Helikopter im Land werden auch zur Rettung der Bergsteiger am Mount Everest verwendet – was auf Kritik stößt. Das Erdbeben der Stärke 7,8 am Sonnabend war das heftigste in Nepal seit mehr als 80 Jahren.

Es ist nur eingeschränkt möglich, die dringend benötigten Hilfsgüter über den ebenfalls zerstörten Flughafen in Nepals Hauptstadt Kathmandu einzufliegen. So mussten vier indische Militärmaschinen sowie ein israelisches Hilfsflugzeug unverrichteter Dinge abdrehen. Sie sollten es später erneut versuchen, teilte das indische Verteidigungsministerium mit. In Kathmandu gibt es kaum Strom und Benzin, auch Trinkwasser und Nahrungsmittel seien knapp. Die meisten Bewohner der Stadt campieren unter Planen im Freien, weil ihre Häuser zerstört sind.

Messner kritisiert den Hype

Die nepalesische Regierung gab die Zahl der Toten am Montagabend mit etwa 4100 an, davon 4010 in Nepal selbst, die anderen in Indien und China. Es müsse aber mit weit mehr Opfern gerechnet werden. Am Montag seien massenhaft Leichen verbrannt worden, um Seuchen zu verhindern. Die Regierung sprach von rund 7500 Verletzten durch das Beben. Krankenhäuser seien heillos überfüllt, Ärzte arbeiteten rund um die Uhr. Viele Verletzte müssten auf der Straße versorgt werden. Die Regierung rief die Bürger am Montag zu Blutspenden auf. Fast die gesamten Streitkräfte von 100.000 Soldaten seien bei den Rettungsarbeiten dabei.

Nepal verfügt nur über sechs Helikopter, hinzu kommen 20 private. Drei wurden bei Rettungsaktionen am Mount Everest eingesetzt. Dort starben mindestens 18 Menschen, als infolge des Bebens eine Schneelawine über das Basislager hinwegfegte. Sie wurde in einem spektakulären Video eines Bergsteigers festgehalten. Zum Unglückszeitpunkt waren etwa 1000 Menschen im Basislager.

Reinhold Messner sprach indes von einer „Zwei-Klassen-Rettung“. Im Interview mit HR-Info warnte der Südtiroler Alpinist vor falscher Prioritätensetzung. In erster Linie müsse man den Menschen in der Hauptstadt Kathmandu helfen. Er nannte es „zynisch“, dass man „um die Bergsteiger am Mount Everest, die sich für 80.000 bis 100.000 Dollar diese Besteigung kaufen können, einen solchen Hype macht“. Die Bergsteiger benötigten natürlich auch Hilfe, aber nicht in erster Linie. Am Mount Everest gebe es genügend Ärzte und Essen. In erster Linie müsse man nun den Menschen in Kathmandu helfen. Unterdessen trauen sich die Menschen aus Angst vor weiteren Erdstößen nicht in ihre Häuser zurück. Parks und öffentliche Plätze in Kathmandu gleichen Zeltstädten – Hunderttausende schlafen im Freien.

Viele Staaten und Organisationen entsandten Helfer. Indien war besonders aktiv: 400 Tonnen Material seien eingetroffen, teilte die indische Botschaft in Nepal mit. Auch Deutschland schickte Experten. Das Deutsche Rote Kreuz belud einen Hilfsflug mit 60 Tonnen Hilfsgütern wie Zelten, Decken, Hygienepaketen, Küchensets und Wasserkanistern. Die Katastrophenhilfe I.S.A.R. schickte Rettungshundeführer, Ärzte und Experten für die Suche nach Verschütteten.

Gefahr von Krankheiten

Nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks Unicef ist die Katastrophe besonders für Kinder eine Gefahr. „Selbst diejenigen, die nicht selbst verletzt sind, stehen jetzt vor der Situation, dass zum Beispiel die Wasserversorgung nicht funktioniert“, so Unicef-Sprecher Rudi Tarneden. Es drohten Krankheiten. „Es gibt die Gefahr, dass es zu einer schleichenden Katastrophe nach diesem dramatischen Ereignis kommt.“ Die Weltgesundheitsorganisation bat um zusätzliche Mittel für Hilfseinsätze. Für die weitere Nothilfe brauche man dringend rund fünf Millionen Dollar.

Ein Experte der auf die Einschätzung von Erdbebengefahren spezialisierten Firma GeoHazards International sagte, das Beben vom Sonnabend sei noch nicht einmal das größte gewesen, das Nepal drohe. An der indisch-nepalesischen Grenze baue sich weiter ein ungeheurer seismischer Druck auf, ein Erdbeben der Stärke 8 sei irgendwann zu erwarten.

( dpa )

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