Germanwings-Absturz

Lufthansa überrascht von Erkrankung des Todespiloten

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Foto: FOTO TEAM MUELLER / AFP

Von angeblichen schweren Depressionen sei der Fluggesellschaft nichts bekannt. Bevor der zweite Flugschreiber nicht gefunden ist, wollen Ermittler auch einen technischen Defekt nicht ausschließen.

Die Lufthansa weiß nach eigenen Angaben nichts von einer angeblichen psychischen oder anderen Erkrankung des Piloten, der eine Germanwings-Maschine in Südfrankreich zum Absturz gebracht haben soll. „Wir haben da keine eigenen Erkenntnisse“, sagte ein Firmensprecher am Sonntag auf die Frage, ob das Unternehmen als Muttergesellschaft von Germanwings von angeblichen schweren Depressionen des 27-jährigen Andreas Lubitz wusste. Weder sei das Unternehmen von Psychiatern oder Psychologen informiert worden, die einer Schweigepflicht unterlägen, noch von dem Mann selbst. „Deswegen war uns das nicht bekannt“, sagte der Sprecher.

Auch von Augenproblemen, über die mehrere Zeitungen berichteten, wisse die Lufthansa nichts. „Nein, das kann ich nicht bestätigen“, sagte der Sprecher. Grundsätzlich werde die Seefähigkeit beim jährlichen Medizintest der Piloten geprüft. Wenn dabei festgestellt werden, dass die Sehkraft nicht mehr ausreiche, könnte das zur Aberkennung der Flugtauglichkeit führen. Bei dem Germanwings-Piloten sei aber offenbar beim letzten Check nichts festgestellt worden, sonst hätte er den Flugtauglichkeitsvermerk nicht bekommen, sagte der Sprecher.

Keine Kenntnis hatte die Lufthansa darüber hinaus von einem etwaigen massiven Medikamenten-Gebrauch des Mannes. Generell müssten die Betreffenden Informationen dazu beim turnusmäßigen Medizin-Check angeben.

Bergung geht vor

In den französischen Alpen ging die Bergung von Absturzopfern und die Suche nach dem Flugschreiber weiter. Bevor dieser nicht gefunden und ausgewertet ist, wollen die französischen Ermittler auch einen technischen Defekt nicht ausschließen. Chefermittler Jean-Piere Michel und weitere französische Spezialisten waren am Wochenende in Düsseldorf, um ihre Erkenntnisse mit denen der deutschen Ermittlungsbehörden abzugleichen. Zu Ermittlungsergebnissen wollten die deutschen Behörden am Wochenende ebenso nichts sagen wie auch zu den verschiedenen Medienberichten über die angeblichen Krankheiten des Todespiloten.

Die Bergung sterblicher Überreste hat am Ort des Germanwings-Absturzes in den französischen Alpen absoluten Vorrang. „Es gibt die Hoffnung, das bis Ende kommender Woche zu machen, das ist für uns die Dringlichkeit“, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Sonntag Wenn die Leichen und Leichenteile wie erhofft binnen sieben Tagen geborgen seien, wollten die Ermittler in einer zweiten Phase dann Wrackteile sichern, die für die Recherchen nötig seien.

Große Trauerfeier in Köln

Für die 150 Opfer des Absturzes vom vergangenen Dienstag soll es am 17. April eine Trauerfeier im Kölner Dom geben. Neben Bundespräsident Joachim Gauck und Bundeskanzlerin Angela Merkel werden Repräsentanten aus Spanien, Frankreich und weiteren betroffenen Ländern erwartet. Auch der gesamte Lufthansa-Vorstand und die Geschäftsführung von Germanwings dürften teilnehmen. Die Airlines brachten ihre Anteilnahme in ganzseitigen Traueranzeigen in großen überregionalen Zeitungen in Deutschland und Frankreich zum Ausdruck. „Der unfassbare Verlust von 150 Menschenleben erfüllt uns mit tiefster Trauer“, heißt es in der von Lufthansa-Chef Carsten Spohr und Germanwings-Chef Thomas Winkelmann unterzeichneten Anzeige. Den Hinterbliebenen zahlt die Airline bis zu 50.000 Euro je Opfer als erste Entschädigung.

Angeblich Medikamente gefunden

Nach Erkenntnissen der französischen Staatsanwaltschaft brachte der 27-jährige Copilot die Unglücksmaschine absichtlich zum Absturz, nachdem der Flugkapitän das Cockpit verlassen hatte. In einer Erklärung der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft war danach von Hinweisen auf eine „bestehende Erkrankung und entsprechende ärztliche Behandlungen“ die Rede.

Bei der Durchsuchung der Düsseldorfer Wohnung von Andreas L. wurden nach einem Bericht der „Welt am Sonntag“ Medikamente zur Behandlung einer psychischen Erkrankung sichergestellt. Aus persönlichen Aufzeichnungen des jungen Mannes gehe seine depressive Erkrankung hervor, zitierte die Zeitung Ermittler. Der Co-Pilot der verunglückten Maschinen sei vom 19. bis zum 26. März krankgeschrieben gewesen, habe die ärztliche Bescheinigung aber nicht bei seinem Arbeitgeber eingereicht. Mehrere Zeitungen berichteten zudem von Augenproblemen des Piloten.

Airbus-Chef: Da wird „fantasiert“ und „gelogen“

Der Chef des Flugzeugherstellers Airbus, Tom Enders, dessen Unternehmen die Unglückmaschine gebaut hat, kritisierte heftig die vielen Mutmaßungen zu dem Unglück, die Experten über die Medien in Umlauf gebracht hätten. Da sei „fantasiert“ und „gelogen“ sowie „hanebüchener Unsinn“ erzählt worden, sagte er der „Bild am Sonntag“.

( Reuters/dpa/ap )

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