Kommentar

Warum der Copilot Andreas Lubitz ein Täter ist

| Lesedauer: 3 Minuten
Diana Zinkler

Foto: Daniel Naupold / dpa

Häufig hören wir nun vom „erweiterten Suizid“. Doch das klingt falsch, meint Diana Zinkler. Der Copilot hat die Menschen auf Flug 4U9525 zu Opfern gemacht und ihren Angehörigen schweres Leid zugefügt.

In den vergangenen Tagen fühlten wir mit den Angehörigen und Freunden der 150 Menschen, die in der Germanwings-Maschine abgestürzt sind. Jeder musste das Schockierende dieser Tat irgendwie verarbeiten. Im Stillen, in den Kirchen, unter Freunden, indem man alle Artikel über den Unfall las oder in den sozialen Netzwerken. Manch einer schrieb nur „R.I.P.“ auf seiner Facebook-Chronik, ein Kürzel für Ruhe in Frieden, andere trugen sich in Kondolenzbücher ein.

Wir erfuhren, dass unter den Toten auch 16 Schüler aus Haltern am See sind. 16 Teenager, die vielleicht gerade erst die beste Woche ihres jungen Lebens erlebt hatten. Die eine Woche ohne Eltern bei Gastfamilien in Barcelona verbringen durften, die ausgingen, flirteten, die Sprache lernten. Und plötzlich ist für sie alles vorbei. Wir hörten von der jungen Wagner-Sängerin Maria Radner, die mit Mann und ihrem Baby in dem Airbus starb. Wer sich dieser Tage eine Aufnahme aus der konzertanten „Rheingold“-Aufführung im Jahr 2013 in der Berliner Philharmonie noch einmal anhört, dem treibt es die Tränen in die Augen. Sie singt die Rolle der Erda, an einer der höchsten Stellen heißt es: „Alles, was ist, endet.“

Der Copilot, der für dieses ganze Leid zu diesem Zeitpunkt offenbar verantwortlich ist, kann nicht mehr zur Verantwortung gezogen werden. Er soll in den acht Minuten des Sinkfluges, den er einleitete, nur ruhig geatmet haben. Er hörte nicht mehr auf die Worte seines Piloten und nahm alle mit in den Tod. Zerrissene Krankschreibungen und zahlreiche Medikamente in seiner Wohnung und die Äußerung seiner Ex-Freundin, der er einst drohte, dass jeder irgendwann seinen Namen kennen würde, deuten auf eine schwere psychische Erkrankung hin. Nun aber von erweitertem Selbstmord zu sprechen, klingt nicht nur falsch. Er hat die Menschen auf Flug 4U9525 zu Opfern gemacht und ihren Angehörigen unfassbares Leid zugefügt. Er ist ein Täter, dessen horrend verwirrte Drohung wahr geworden ist. Wir kennen jetzt alle seinen Namen.

Die Ingenieure haben den Faktor Mensch nicht wichtig genug genommen

Ein Täter, den unsere hochtechnisierte Welt mit Bordcomputern und Cockpittüren, die sich nicht mehr von außen öffnen lassen, nicht aufhalten konnte. Der Faktor Mensch, so viel ist zumindest in dieser Woche klar geworden, wurde von den Ingenieuren nicht gewichtig genug berechnet. Vor allem der versagende Mensch, einer, der nicht wie 99,9 Prozent der anderen zuverlässig funktioniert. Was sein Arbeitgeber und die verantwortlichen Stellen nun von seinen gesundheitlichen Problemen gewusst haben, wird zu klären sein.

Die Frage „Warum?“ wird bei Katastrophen gern gestellt und bleibt doch immer unbeantwortet. Es kann keine sinnvolle Antwort für den plötzlichen Tod von 150 Menschen geben. Nicht für den Tod von 16 Schülern, von sechs Crewmitgliedern, nicht von einer Sängerin auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Und es gibt auch keine Antwort für diejenigen, die nun ein Kind, einen Mann, eine Frau, einen Freund verloren haben. Wenn es eine Antwort für uns alle gibt, die wir eigentlich nichts mit den Verunglückten zu tun haben, dann das mehr zu schätzen, was wir haben. Und zwar jeden Tag. Das Leben.

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