Germanwings-Absturz

„Depressive sind keine typischen Täter“

| Lesedauer: 5 Minuten
Uta Keseling

Foto: Stefan Straube

Kann eine psychische Erkrankung des Copiloten der Hintergrund für den absichtlichen Flugzeugabsturz gewesen sein? Die Morgenpost hat den Psychiater Ulrich Hegerl gefragt.

Psychiater Ulrich Hegerl ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, die sich für die Prävention einsetzt, und Direktor der psychiatrischen Klinik an der Universität Leipzig.

Berliner Morgenpost: Kann es sein, dass der Copilot das Flugzeug aus einer Depression heraus abstürzen ließ?

Ulrich Hegerl: Ausschließen kann man es nicht. Tatsächlich geschehen 90 Prozent aller Suizide im Zusammenhang mit psychiatrischen Erkrankungen. Häufigste Ursache dabei sind auch Depressionen. Dass aber dabei fremde Menschen mit in den Tod gerissen werden, ist äußerst ungewöhnlich.

Warum?

Wenn sich Menschen in einer akuten Depression das Leben nehmen, kommt es nur sehr selten vor, dass sie glauben, dabei andere mit in den Tod nehmen zu müssen. Dies geschieht paradoxerweise aus einem fürsorglichen Gedanken heraus. Sie meinen, ihnen nahestehende Menschen in dem schrecklichen Elend nicht zurücklassen zu können. Auch andere Erkrankungen können mit Suizid einhergehen.

Was für Erkrankungen?

Es gibt Psychosen, zum Beispiel auch durch Drogen induziert, bei denen die Wahrnehmung der Realität extrem verzerrt ist. Dabei kann es zu völligen Fehleinschätzungen der Situation kommen. Die Betroffenen hören zum Beispiel Stimmen, die ihnen etwas befehlen, oder glauben an eine Verschwörung, vor der sie die Welt retten müssen. Hier kann es auch zu schrecklichen Fehlhandlungen kommen.

Was sind Anzeichen einer akuten Depression?

Alle negativen Dinge im Leben werden vergrößert und ins Zentrum gerückt. Die Betroffenen können nicht mehr schlafen, haben keinen Appetit mehr. Sie sind komplett hoffnungslos und haben das Gefühl, sie kommen aus ihrer Situation nie wieder heraus. Bei sehr schweren Depressionen kommen katastrophierende Gedanken dazu. Das führt zu so hohem Leidensdruck, dass die Betroffenen glauben, der einzige Ausweg sei, sich etwas anzutun.

Halten Sie eine Depression als Hintergrund der Tat für unwahrscheinlich?

Eine schwere wahnhafte Depression kann man nicht völlig ausschließen. Es wäre aber äußerst untypisch. Und selbst bei einem erweiterten Suizid wären nicht Menschen betroffen, die in keiner Beziehung zum Täter stehen, so wie etwa Fluggäste. Depressiv Erkrankte sind eher verantwortungsvolle, fürsorgliche Menschen.

Sie sehen die aktuelle Diskussion des Themas Depression kritisch …

Man sollte von diesem extremen Einzelfall keine Rückschlüsse auf die Depression allgemein ziehen. Menschen mit Depressionen sind keine potenziellen Täter oder gefährlich. Von dieser Krankheit sind mehrere Millionen Menschen in Deutschland betroffen, viele arbeiten ein Leben lang in hohen verantwortungsvollen Positionen. Mehr als zehn Prozent der Bevölkerung haben im Laufe des Lebens einmal oder mehrmals Depressionen. Im Prinzip kennt jeder jemanden, dem es so geht.

Nehmen Depressionen zu?

Nein, Untersuchungen zeigen, dass nicht die Erkrankungen zugenommen haben, sondern die Zahl der Depressionsdiagnosen. Und das ist eine gute Nachricht. Es zeigt, dass Menschen mit Depressionen sich nicht mehr zurückziehen, sondern Hilfe holen, und dass sie häufiger behandelt werden. Dies dürfte auch erklären, warum die Zahl der Suizide in Deutschland von jährlich 18.000 vor 30 Jahren auf jetzt 10.000 zurückgegangen ist.

Sie haben die Folgen des Suizids des Fußballers Robert Enke 2009 untersucht. Die Zahl der Selbstmorde stieg danach stark an. Welche Rolle spielen die Medien?

Viele Menschen mit schweren Depressionen haben Suizidgedanken. Wenn ihnen ein Prominenter sozusagen auf dem Weg vorausgeht, kann dies bei einigen den Weg zu der schrecklichen, sinnlosen Tat ebnen. Wenn dann noch bestimmte Methoden diskutiert werden, verleitet das zusätzlich.

Worauf sollten Medien achten?

Um Nachahmer abzuhalten, sollten eine emotionalisierende Berichterstattung mit Bildern vom Ort oder die Beschreibung der Methode vermieden werden. Wichtig ist, dass klar wird, dass dem Suizid eine Erkrankung vorherging und durch eine konsequente Behandlung der Suizid hätte vermieden werden können. Und man sollte auf vorschnelle Erklärungen verzichten. Also etwa, dass jemand durch Stress im Beruf in den Tod getrieben wurde.

Führt Jobstress zu Depressionen?

Nein. Der naheliegende Schluss, dass Menschen mit vielen Problemen dazu neigen, depressiv zu werden, trifft nicht zu. Es ist umgekehrt: Eine Depression macht sich zunächst an naheliegenden Problemen beispielsweise mit der Arbeit fest, vergrößert diese und rückt sie ins Zentrum des Lebens.

Was sind die Ursachen einer Depression?

Wer Verwandte ersten Grades hat, die an Depressionen leiden, läuft selbst zwei- bis dreimal höhere Gefahr, zu erkranken. Eine Rolle spielen aber auch erworbene Faktoren wie Traumatisierungen und Missbrauchserlebnisse im frühen Kindesalter. Diese können das Risiko, später zu erkranken, erhöhen. Ohne solche Vorbedingungen bleiben auch Menschen in schlimmsten Lebensumständen ohne Depressionen.

Was kann getan werden?

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe geht mit Unterstützung der Deutsche Bahn Stiftung mit sogenannten Bündnissen gegen Depressionen an die Öffentlichkeit. Dabei werden unter anderem Multiplikatoren wie etwa Altenpfleger oder Apotheker im Erkennen von Depressionen geschult.

Infotelefon der der Deutschen Depressionshilfe : 0800 3344533

www.deutsche-depressionshilfe.de

Neueste Panorama Videos

Neueste Panorama Videos