Germanwings-Absturz

Lufthansa-Chef Spohr will psychologische Tests verbessern

Offenbar mit voller Absicht hat der Co-Pilot der Germanwings-Maschine den Airbus zum Absturz gebracht. Die Motive des 28-Jährigen sind unklar. Sein Lebenslauf war unauffällig.

Der Co-Pilot der verunglückten Germanwings-Maschine hat den Airbus mit 150 Menschen an Bord offensichtlich mit Absicht in die Katastrophe gesteuert. „Es sieht so aus, als ob der Co-Pilot das Flugzeug vorsätzlich zum Absturz gebracht und so zerstört hat“, sagte Staatsanwalt Brice Robin am Donnerstag in Marseille.

Der 28-Jährige sei zu dem Zeitpunkt allein im Cockpit gewesen, der eigentliche Pilot sei aus der Kabine ausgesperrt gewesen.

Die Motive des 28-Jährigen aus dem rheinland-pfälzischen Montabaur sind unklar. Der Co-Pilot kam im September 2013 zu Germanwings und hatte 630 Flugstunden. In Motabaur war er Mitglied im örtlichen Luftsportclub, der auf seiner Internetseite mitgeteilt hatte, er sei entsetzt, dass eines seiner Mitglieder zu den Toten bei dem Absturz in den französischen Alpen gehört. Der 28-Jährige sei nach den “Standards der Lufthansa” trainiert worden, hieß es.

Verkehrspiloten werden nach Einschätzung des Luftverkehrsexperten Gerold Wissel nur zu Beginn ihres Berufslebens intensiv auf ihre psychische Eignung und Stabilität getestet. Später folgten regelmäßige medizinische Checks, in denen auch Gespräche über die allgemeine Lebenssituation der Piloten geführt würden, sagte Wissel am Donnerstag. Regelmäßige Persönlichkeitstests gebe es aber nicht.

Kollegen sollen bei Depressionen und Alkoholismus Alarm schlagen

Es gebe bei der Lufthansa wie auch bei anderen Fluggesellschaften klare Vorgaben an die Crews, auffälliges Verhalten bei Kollegen zu melden, was auch anonym geschehen könne, berichtete der Experte. Die Beschäftigten seien gehalten, schon bei kleinsten Anzeichen etwa von Alkoholismus, Depressionen oder psychischer Instabilität Alarm zu schlagen. „Das geschieht auch. Selbst beim Briefing vor dem Start kann der Kapitän noch jedes Besatzungsmitglied vom Flug ausschließen, wenn es sich auffällig verhält.“ Auch habe der Co-Pilot das Recht, den Kapitän abzulehnen.

Nach seiner Kenntnis gebe es bei Lufthansa in dieser Beziehung sehr hohe Sicherheitsstandards, sagte Wissel. Das Unternehmen müsse aber nachweisen, dass dies in gleicher Weise auch für die Tochtergesellschaften gelte.

Bei einer Pressekonferenz von Germanwings und Lufthansa am Donnerstagnachmittag sagte Lufthansa-Chef Carsten Spohr: „Wir werden uns hinsitzen und sehen: Was können wir besser machen bei der Ausbildung?“. Das Unglück könne jedoch nicht sein Vertrauen in seine Piloten erschüttern. „Trotz dieses fürchterlichen Einzelfalles haben ich und meine Kollegen im Vorstand und bei der Germanwings festes Vertrauen in dieses seit Jahren erprobte Verfahren.“

Lufthansa-Chef: „Ein viele Jahrzehnte erprobtes Auswahlverfahren“

Zur psychologischen Eignung von Piloten sagte Spohr: „Es gibt ein viele Jahrzehnte erprobtes Auswahlverfahren, dem auch eine psychologische Auswahl obliegt.“ Einmal pro Jahr gebe es Untersuchungen. Explizite psychologische Tests gebe es nach der Ausbildung nicht mehr.

Der Lufthansa-Chef sagte weiter, es habe in der Ausbildung des Copiloten eine längere Unterbrechung gegeben. „Er war 100 Prozent flugtauglich. Ohne jede Auffälligkeit.“

Es ist nicht das erste Mal, dass Piloten ihre Maschinen willentlich zum Absturz bringen. Eine Übersicht.

8. März 2014: Flug 370 der Malaysia Airlines verschwindet auf dem Weg von Kuala Lumpur nach Peking. Weil die Maschine Tausende Kilometer in eine andere Richtung flog, bevor sie offenbar abstürzte, wurde über eine mögliche Absicht der Piloten spekuliert. 239 Menschen an Bord sterben, das Flugzeug ist aber noch nicht gefunden.

29. November 2013: Eine Maschine der Mozambique Airlines stürzt auf dem Weg von Maputo nach Luanda in Namibia ab. Nach einem Untersuchungsbericht der Ermittler aus Mosambik hatte der Pilot die „klare Absicht“, das Flugzeug zum Absturz zu bringen. 33 Menschen sterben.

31. Oktober 1999: Eine Boeing 767 der EgyptAir stürzt auf die Insel Nantucket im US-Staat Massachusetts. Nach einer Untersuchung der US-Flugsicherheitsbehörde schaltete der Co-Pilot von Flug 990 den Autopiloten aus und leitete den Sinkflug ein. Vor dem Aufprall sprach er demnach elfmal die Worte „Ich verlasse mich auf Gott“. Die ägyptischen Behörden schlossen im Gegensatz zu den US-Ermittlern einen Selbstmord aus und vermuteten ein technisches Problem. 217 Menschen sterben.

19. Dezember 1997: Eine Boeing 737 der Fluggesellschaft SilkAir stürzt auf dem Weg von Jakarta nach Singapur in einen Fluss. Nach dem Ergebnis der US-Ermittler brachte sie der Kapitän absichtlich zum Absturz. Die indonesischen Behörden kommen zu keinem schlüssigen Ergebnis. Alle 104 Menschen an Bord sterben.