Eurovision Song Contest

Welche Botschaft Conchita Wurst für Wladimir Putin hat

Mit einer bombastischen Ballade und Bart triumphierte Vollbart-Dragqueen Conchita Wurst beim Eurovision Song Contest 2014. Wir haben Reaktionen auf den Sieg der Österreicherin zusammengefasst.

Mit der vollbärtigen Dragqueen Conchita Wurst und einer pompösen Popballade hat Österreich den Eurovision Song Contest 2014 gewonnen. Das Siegerlied mit dem Erweckungstitel „Rise Like A Phoenix“ (Wie Phönix aus der Asche auferstehen) erinnert an einen James-Bond-Song. Deutschland landete in Kopenhagen mit Elaiza und dem Polka-Poplied „Is It Right“ abgeschlagen auf Rang 18.

„Diese Nacht widme ich allen, die an Frieden und Freiheit glauben. Wir sind eine Einheit“, schluchzte Wurst, deren Name zu Wortspielen einlädt, im figurbetonten, bodenlangen, goldfarbenen Abendkleid. „Ich habe hier soviel mehr bekommen als nur eine Trophäe.“ Ihr Auftritt war eine Gänsehaut-Show voller Dramatik mit Lichtstrahlen und Flammenmeer-Optik. Österreichs Rundfunkanstalt ORF hatte Wurst alias Tom Neuwirth (25) ohne Vorentscheid nach Dänemark geschickt.

Viele deuteten den Dragqueen-Sieg als Zeichen gegen Ausgrenzung und für ein tolerantes, schwulenfreundliches Europa. Die Politik blieb auch beim Thema Ukraine-Konflikt nicht außen vor. Russland wurde, beim Auftritt der Tolmatschewy Sisters und bei der Punktevergabe, gnadenlos ausgebuht.

„Wir sind nicht aufzuhalten“

Wurst sagte nach ihrem Sieg, sie hoffe, schwule, lesbische, Bi- und Transsexuelle in aller Welt würden nun in ihrem Kampf für Menschenrechte stärker. Auf die Frage, ob sie etwas zum russischen Präsidenten Wladimir Putin zu sagen habe, der vergangenes Jahr sogenannte homosexuelle Propaganda gesetzlich verbieten ließ, sagte Wurst: „Ich weiß nicht, ob er jetzt zusieht, aber falls ja, würde ich sagen: 'Wir sind nicht aufzuhalten.'“

Der ESC wird somit nächstes Jahr, wenn er zum 60. Mal über die Bühne geht, in Österreich ausgetragen. Gleich nach der Show regte Wursts Agent René Berto an, dass die Dragqueen nächstes Jahr den ESC moderieren könnte. „„Ich wäre gerne Teil von Eurovision 2015 – vielleicht als Gastgeberin?“, sagte Conchita. Der nächste Grand Prix solle „glamourös“ werden.

„Pop-Papst“ ruft zu Respekt für Sieger Wurst auf

Nach scharfer Kritik aus Russland an der ESC-Teilnahme von Conchita Wurst hat die Delegation des Riesenreichs um Respekt geworben. „Ob er einen Bart hat oder keinen Bart, ob er Mann ist oder Frau – das ist unwichtig, es ist ein Wettbewerb“, sagte „Pop-Papst“ Filipp Kirkorow am Sonntagmorgen im Staatsfernsehen. Das Siegerlied sei sehr schön, sagte Kirkorow. Der 47-Jährige hat den russischen Beitrag für den Eurovision Song Contest (ESC) mitgeschrieben.

Die Teilnahme von Conchita Wurst hatte in Russland hitzige Debatten ausgelöst. Konservative Politiker und Kirchenkreise hatten kritisiert, eine Übertragung des ESC mit dem Transvestiten bedeute „eine eindeutige Propaganda für Homosexualität und geistliche Verderbnis“. In Russland ist es gesetzlich untersagt, positiv vor Minderjährigen über „nicht-traditionelle sexuelle Orientierung“ zu sprechen. Kirkorow hatte das Verbot öffentlich kritisiert.

Reaktionen auf Twitter und Facebook

Zahlreiche Prominente äußerten sich in sozialen Netzwerken.

Hape Kerkeling schrieb „Heute sind wir alle Österreicher“ bei Facebook.

Thomas D twitterte „Ich hab Tränen in den Augen, so schön war das! Gratulation Conchita Wurst!“

TV-Satiriker Oliver Kalkofe schrieb: „Gratulation an Lady Sausage aus Österreich! Ein klares Statement mit Stil hat gewonnen, das ist überaus erfreulich und war dabei nicht einmal peinlich (wie es leicht hätte werden können)!
Chapeau!“

Weitere Glückwünsche kamen von Sänger Adel Tawil und dem Grünen-Politiker Volker Beck:

Das Frauentrio Elaiza zeigte sich von Platz 18 nicht allzu sehr enttäuscht. Der ESC sei „so ein Erlebnis“ gewesen, sie hätten „so eine lustige Zeit“ gehabt, sagte Sängerin Ela direkt nach dem Finale in der ARD. Diese Erfahrung, auf dieser Bühne in Kopenhagen zu stehen, könne ihnen keiner nehmen.

Am Sonntag um 18 Uhr steht für Elaizia schon der nächste Auftritt an: beim Hamburger Hafengeburtstag.

>>> Das ESC-Finale in Kopenhagen im Minutenprotokoll <<<

Am Montag beginnen Vorbereitungen für ESC 2015

Der 60. Eurovision Song Contest soll nach vorläufigen Angaben der European Broadcasting Union (EBU) am 16. Mai 2015 stattfinden, die Halbfinals am 12. und 14. Mai.

„Jetzt, da wir gewonnen haben, wollen wir auch gute Gastgeber sein“, versprach der TV-Unterhaltungschef des Österreichischen Rundfunks (ORF), Edgar Böhm. Bereits am Montag sollen die Vorbereitungen für den 60. ESC beginnen, sagte Böhm der österreichischen Nachrichtenagentur APA. „Da gibt es einen ganz strikten Zeitplan.“

Ob die Hauptstadt Wien der Austragungsort sein wird, steht nach Angaben von ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz noch nicht fest: „Wien wäre eine wunderbare Möglichkeit, aber man sieht, dass ein Song Contest unglaubliche Unterstützung der jeweiligen Stadt benötigt.“ Österreich sei ein Land, „das für Musik steht und mehrere Möglichkeiten hat, den Song Contest auszurichten.“

Rund acht Millionen in Deutschland am TV

Die Show war relativ bescheiden, vor etwa 10.000 Zuschauern in einer alten Werfthalle, allerdings mit beeindruckender High-Tech-Bühne. Geschätzt 120 bis 180 Millionen Zuschauer verfolgten das Spektakel. In Deutschland waren 2013 etwa 8,2 Millionen Menschen am TV dabei.

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