Fährunglück

Angehörige attackieren Südkoreas Präsidentin

Bei dem Fährunglück vor Südkorea sind inzwischen mindestens 25 Menschen ums Leben gekommen. 270 Passagiere werden immer noch vermisst. Die Angehörigen werden immer wütender.

Foto: Ahn Young-joon / AP

Nach dem schweren Fährunglück vor Südkorea schwindet die Hoffnung, Überlebende zu finden. Bis zum späten Donnerstagabend (Ortszeit) wurden 25 Todesopfer bestätigt, wie die Küstenwache mitteilte. Etwa 270 Menschen wurden demnach noch vermisst. Zornige Angehörige hunderter verschollener Schüler stellten die südkoreanische Präsidentin Park Geun Hye während einer tumultartigen Begegnung auf der Insel Jindo nahe dem Unglücksort zur Rede.

Mit Flutlicht suchten Boote der Marine und der Küstenwache die ganze Nacht weiter nach Überlebenden. Schlechtes Wetter, starke Strömungen und eingeschränkte Sicht erschwerten die Arbeiten. Neben mehr als 500 Tauchern waren auch fast 170 Schiffe und 30 Flugzeuge beteiligt. Ein Sprecher der Küstenwache sagte aber, die Chancen, Überlebende zu bergen, lägen bei „fast Null“. Die Rettungskräfte rechneten mit einem dramatischen Anstieg der Opferzahl.

Aufgebrachte Angehörige konfrontierten Südkoreas Staatschefin Park in einer Turnhalle auf Jindo mit ihrer Wut. „Was tun sie, wenn Menschen sterben? Die Zeit läuft davon!“, schrie eine Frau. Park versuchte zu beschwichtigen und sagte: „Geben Sie die Hoffnung nicht auf, und warten Sie bitte auf die Nachrichten der Rettungsaktion!“ Doch einige Eltern entgegneten lautstark, sie würden nicht unterrichtet und bekämen Informationen nur häppchenweise.

Beschimpft, angerempelt und beworfen

Als der Kommandeur der Küstenwache, Kim Suk Kyoon, darauf verwies, dass 550 Taucher im Einsatz sein, wurde er ausgebuht. Ein erboster Vater rief: „Im Wasser ist aber keiner von ihnen“. Regierungschef Chung Hong Won war es zuvor nicht besser ergangen: Er wurde beschimpft, angerempelt und mit Wasserflaschen beworfen. Als er kehrtmachen wollte, rief eine Mutter: „Laufen sie nicht fort, Herr Ministerpräsident! Sagen Sie uns, was Sie zu tun gedenken!“

Weshalb die Fähre am Mittwoch unterging, ist weiter unklar. Der Kapitän zögerte nach Aussage eines Besatzungsmitglieds die Anordnung zur Evakuierung hinaus. Demnach lauteten die ersten Anweisungen des Kapitäns, dass die Passagiere sich Rettungswesten anziehen und sich nicht vom Fleck bewegen sollten. Erst rund 30 Minuten, nachdem das Boot zu kippen begonnen habe, habe der Kapitän eine Evakuierung angeordnet, sagte das Besatzungsmitglied Oh Yong Seok der Nachrichtenagentur AP. Der Verlust dieser halben Stunde könnte vielen Passagieren die Chance genommen haben, von der sinkenden Fähre zu fliehen. Die Küstenwache teilte mit, es werde ermittelt, ob der Kapitän einer der ersten gewesen sei, der die sinkende „Sewol“ verlassen habe.

Passagiere hörten Anordnung nicht

Nach der ersten Ankündigung des Kapitäns sei verzweifelt versucht worden, das in Schlagseite geratene Schiff in eine aufrechte Position zurückzubringen, sagte Oh. Als die Manöver nichts gebracht hätten, habe der Kapitän entschieden, dass die Passagiere die Fähre verlassen sollten. Zu diesem Zeitpunkt sei es den Besatzungsmitgliedern unmöglich gewesen, zu dem Passagierraum zu gelangen, um den Menschen dort zu helfen. Oh erklärte das damit, dass das Schiff bereits in einem spitzen Winkel im Wasser gelegen habe.

Oh, dem die Flucht gelang, war sich nicht sicher, ob die Evakuierungsanordnung über die Lautsprecheranlage überhaupt an die Passagiere weitergegeben worden sei. Mehrere Überlebende sagten der AP, dass sie von einer solchen Anordnung nichts mitbekommen hätten.

Mit Rettungswesten über Bord gesprungen

Die Fähre sank nicht weit von der südkoreanischen Stadt Mokpo entfernt. Unter den 475 Menschen an Bord befanden sich mehr als 300 Schüler, die sich auf einem Schulausflug zur Urlaubsinsel Jeju befanden. Es wurde befürchtet, dass viele der Vermissten im Inneren des Schiffs eingeschlossen worden sein könnten und dass daher die Opferzahl noch drastisch steigen könnte. Unter den bislang bestätigten Toten waren laut Küstenwache ein weibliches Besatzungsmitglied, mindestens fünf Schüler und zwei Lehrer.

Die Geretteten wurden auf die nahe gelegene Insel Jindo gebracht. Fotos zeigten einige der durchnässten Schüler, in Decken gehüllt und ohne Schuhe. Sanitäter versorgten sie. Lim Hyung Min, einer der geretteten Schüler, sagte YTN, einige von ihnen seien mit Rettungswesten über Bord gesprungen und zu einem Rettungsboot in der Nähe geschwommen. Das Wasser sei kalt gewesen. „Ich habe mich beeilt und gedacht, dass ich leben will“, sagt Lim.

Die Ursache ist nach wie vor unklar. Aussagen von Besatzungsmitgliedern ließen vermuten, dass eine plötzliche Kursänderung vor der Insel Jindo zu der Katastrophe geführt haben könnte. Möglich ist auch, dass die Auto- und Personenfähre auf einen Felsen auflief. Überlebende hatten von einem großen Knall vor dem Sinken des Schiffes gesprochen. Untersucht wurde auch, ob das Schiff von der vorgesehenen Route abgewichen sei.

Foto: YONHAP / REUTERS