Homesexualität

Rechtsanwältin Alice Nkom kämpft, damit andere lieben dürfen

Die 69-jährige Kamerunerin setzt sich seit zehn Jahren für die Belange von Homosexuellen in ihrer Heimat ein. Jetzt wurde Alice Nkoms Engagement von Amnesty International Deutschland ausgezeichnet.

Foto: Krauthoefer

Für Alice Nkom ist es immer ein Lebenstraum gewesen, nach Deutschland zu reisen. In ein Land, in dem es immer so ordentlich und aufgeräumt ist, in dem es keine Korruption gibt und in dem die Menschen so leben dürfen, wie sie wollen – egal ob schwul, lesbisch, transsexuell oder welche Lebensform auch immer sie für sich als richtige ansehen.

Eine Tatsache, die für die 69 Jahre alte Juristin, die 1969 als erste schwarze Frau Kameruns als Rechtsanwältin zugelassen wurde, keine Selbstverständlichkeit ist. In ihrer Heimat wird es eher als selbstverständlich angesehen, dass Menschen, die nicht in einer heterosexuellen Beziehung leben, bestraft werden sollten – im schlimmsten Fall mit einer Gefängnisstrafe von bis zu fünf Jahren. Ein Zustand, den die selbstbewusste Frau nicht hinnehmen will, obwohl sie weiß, dass sie dieser Kampf das Leben kosten könnte.

Am Dienstagabend wurde die Anwältin für ihr Engagement von Amnesty International Deutschland mit dem Menschenrechtspreis im Maxim Gorki Theater in Mitte ausgezeichnet. In Anwesenheit von zahlreichen Vertretern aus Politik und Gesellschaft, der deutschen Generalsekretärin Selmin Caliskan und Salil Shetty, dem Generalsekretär Amnesty International, nahm sie die Auszeichnung entgegen und hatte gleichzeitig die Chance, die anwesenden Gästen über die Situation in Kamerun zu informieren. Gekommen war auch Schauspieler Ronald Zehrfeld, Moderatorin Katty Salie führte durch den Abend, und die Band MIA sorgte für die Musik.

Alice Nkom eine Inspiration für Aktivisten in ganz Afrika

„Als ich von dem Preis erfahren habe, war ich wie in einem Freudentaumel“, sagt die Afrikanerin bereits vor der Verleihung. „Ich habe mich wie um zehn Jahre zurückversetzt gefühlt. Damals, als ich mich dazu entschlossen habe, mich für die Belange von Homosexuellen einzusetzen.“ 2003 gründete sie die Vereinigung ADEFO, eine Nichtregierungsorganisation, die sich in Kamerun für die Belange sexueller Minderheiten einsetzt. „Mir wurde gesagt, dass ich etwas legalisieren wolle, was ein Verbrechen sei“, erklärt sie. „Homosexualität wird in unserem Land angesehen wie Vergewaltigung, Diebstahl oder Mord.“ Abgeschreckt hat Alice Nkom der Widerstand der Behörden jedoch nicht, sagt sie heute. „Das ist eine Sache des Temperaments. Ich bin ein Mensch, der immer alles zu Ende führt, was er einmal angefangen hat.“

Eine Einstellung, die die Jury des Preises begeistert – und sie dazu bewogen hat, die Afrikanerin für mehrere Wochen nach Deutschland einzuladen. „Trotz Todesdrohungen hat sich Alice Nkom bisher nicht einschüchtern lassen“, betont Generalsekretärin Selmin Caliskan. „Sie ist eine Inspiration für Aktivistinnen und Aktivisten in ganz Afrika.“

Klienten vor dem Gefängnis bewahren

Ein Schlüsselerlebnis vor zehn Jahren war es, das Alice Nkom dazu brachte, sich des Tabu-Themas in ihrer Heimat anzunehmen. Vier junge Männer aus Paris waren zu Besuch nach Kamerun gekommen – „jung und lebenslustig“, wie die Anwältin sie aus ihrer Erinnerung heraus beschreibt. Da sie ahnte, dass diese „mehr als nur Freunde seien“, sah sie es als ihre Aufgabe an, sie zu warnen. Ihnen zu sagen, dass sie ihre Liebe nicht so frei ausleben dürften wie in Frankreich. „Die Traurigkeit, die ich in den Gesichtern gesehen habe, hat mich dazu motiviert, mehr zu tun“, sagt Nkom. „Ich habe beschlossen zu kämpfen, damit nie wieder jemand traurig ist, weil er glücklich ist.“

Heute, zehn Jahre nach der Gründung der Vereinigung, sei der gesellschaftliche Druck auf Homosexuelle in ihrem Land zwar weiterhin enorm. Jedoch gelinge es ihr, die Klienten vor dem Gefängnis zu bewahren, sollten sie wegen ihres Verhaltens in der Öffentlichkeit festgenommen worden sein. Tatsache ist nämlich, dass die Bestrafung nicht in der Verfassung verankert, sondern lediglich Auslegungssache der Regierung sei. „Wenn ich mit der Verfassung und dem Strafgesetzbuch unter dem Arm komme, dann wissen alle ganz genau, was wirklich rechtens ist – und dass sie etwas tun, was gegen das Gesetz verstößt, und nicht die Homosexuellen.“