Dogwalker & Co.

Wenn der Hund für das Gehalt seines Herrchens sorgt

Meist sorgt das Herrchen für seinen Hund. Doch es funktioniert auch andersherum: Unsere Autorin traf zwei Männer, denen die Vierbeiner für originelle Geschäftsideen Pate standen.

Foto: Reto Klar

Das Wetter passt zur Szene wie Sahne auf einen Hotdog: Die Sonne scheint, es ist 20 Grad und vor dem Berliner Ritz Carlton Hotel stehen acht Schlittenhunde. Über Geschirr und verknotete Leinen sind sie mit einem kleinem Wagen verbunden. „Hop“, feuert das auf dem Wagen stehende Herrchen seine Tiere an. Und sie gehorchen. Pfoten fliegen über den Asphalt, Passanten bleiben stehen. Statt Mauerüberbleibsel fotografieren die Touristen nun Hunde. Plötzlich aber droht Gefahr. „Recht, rechts, rechts“, fordert das Herrchen auf dem Wagen energisch. Die Hunde reagieren. Beinahe jedoch hätte sie ein ausgepacktes Wurstbrötchen vom Pfad abgebracht.

Daniel Hurst, der Mann im Wagen, ist eigentlich Krankenpfleger. Heute verdient er seinen Lebensunterhalt aber mit seinen Haustieren. Er bietet Husky-Rundfahrten durch Berlin an. „Ich war schon immer für Abenteuerreisen. Mit dem Rucksack durch Russland, wandern, zelten – und das am liebsten mit Hund“, sagt er am Steuer seines Vans, während wir durch den Grünheider Wald fahren. Hohe Tannen, nahe Seen. „Grünheide ist das Kanada Deutschlands“, wirft der 44-Jährige ein und entblößt lachend seine verfärbten Zahnreihen.

1997 kaufte sich Hurst einen Sibirischen Husky. Er war so begeistert von dem Tier, dass er sich einen zweiten und auch noch einen dritten Hund zulegte. Vor acht Jahren besaß der Krankenpfleger schließlich zehn Schlittenhunde. In einer Kurve rutscht ein hartes Brötchen über die staubige Ablage. Hurst wurde arbeitslos. „Ich wollte die Hunde aber nicht aufgeben. Also habe ich versucht, mir einen Job,um sie herum aufzubauen.“

Heute besitzt Hurst 38 Hunde. Viele von ihnen kommen aus Tötungsstationen, andere wurden von überforderten Besitzern bei ihm abgegeben. Ein schneeweißer Aktita Inu, Wristhöhe 74 Zentimeter, unerzogen, von seinem ehemaligen Neuköllner Besitzer als Statushund ist seine aktuelle Herausforderung. Gegen Bisse wehre er sich mit Schutzkleidung. Oder er beiße zurück. Hurst grinst breit. „Bei uns geht es zu wie auf einem Piratenschiff. Und ich bin der Käpt’n.“

Hauptberuflich Gassi gehen

Auch Thomas Bursch aus Zühlsdorf hat sein Hobby „Hund“ zum Beruf gemacht. Seit 16 Jahren geht der 43-Jährige hauptberuflich Gassi. Gut zwei Stunden fährt er wochentags durch Berlin und sammelt Hunde ein: von Rentnern, die nicht mehr so viel laufen können, wie ihr Hund gern würde. Hunde von ausgelasteten Studenten in der Endphase ihres Studiums. Und Familienhunde mit berufstätigen Herrchen.

Am Tegeler Wald kommt sein Vierbeinertransport zum Stehen. Vogelgezwitscher. Mücken schwirren im Sonnenschein. Kaum aber öffnet Bursch die Fahrertür, dringt aufgeregtes Bellen durch die Idylle. „Eigentlich wollte ich mal Veterinärmedizin studieren“, sagt Bursch: „Aber ich bin im Osten aufgewachsen und weder meine Eltern noch ich waren in der Partei. Ich habe keinen Studienplatz bekommen.“

Bursch Vater war Bauingenieur. Er hatte Kontakte. Der Sohn sollte nun in seine Fußstapfen treten. Aber Burschs Studium zog sich hin. Seine Freunde waren inzwischen berufstätig. Bursch nutzte seine studentischen Freiheiten, um ihre Hunde Gassi zu führen. Unterwegs wurden Fremde auf ihn aufmerksam. Ob er nicht auch mal mit ihrem Hund ausgehen könnte? Gegen Bezahlung?

1997 entschied sich Bursch, sein Studium abzubrechen und hauptberuflich Hunde auszuführen. „Meine Eltern und Freunde haben mir den Entschluss nicht leicht gemacht“, sagt er, während er die Schiebetür seines Vans öffnet. Neun feuchte Nasen schnüffeln ihm entgegen. „Sie fanden das lächerlich. Haben gemeint, das sei doch kein Beruf.“

Unaufgefordert schießt ein Jack Russel Terrier aus dem bellenden Gefährt hervor. Er verschwindet im Wald. Bursch lächelt milde, zuckt mit den Schultern. „Das ist Elli“, sagt er. „Die läuft immer vorweg. Aber sie hilft mir damit. Denn wenn Wildschweine oder andere Hunde in der Nähe sind, schlägt sie rechtzeitig Alarm.“

Drei Stunden Auslauf ohne Leine

Die anderen Hunde wagen sich nicht ohne Aufforderung aus dem Auto. Interessiert blicken sie nach draußen. Warten. „Als ich mich damals für den Job entschied, war das auch noch nicht so populär, diese genaue Beschäftigung mit dem Thema Hund. Die ganzen Ratgeber, Dog Walker und Hundetrainer, die kamen erst gut zehn Jahre später“, sagt Bursch. Dann bittet er seine Klienten aus dem Auto. „Rüpel! Leo! Veronika!“ Ein Hund nach dem anderen steigt aus, und macht Sitz. Der Tegeler Wald ist ein ausgewiesenes Hundeauslaufgebiet. Den rund dreistündigen Spaziergang werden sie ohne Leine bestreiten.

Ein Zaun, eine Zwingeranlage, 3000 Quadratmeter Gelände und zwei Wohnwagen: Daniel Hurst ist angekommen. Jahre hatte er nach der perfekten Unterkunft für ihn und seine Tiere gesucht. Immer wieder habe er umziehen müsse, weil die Nachbarn sich beschwerten. Seit drei Jahren hat er nun keine Nachbarn mehr. Sein Zuhause ist ein ehemaliges Stasi-Gelände in Grünheide, die Zwinger seien ehemalige Grenzhundezwinger. Aber das einzige befestigte Haus auf dem Gelände gehört nicht Hurst. Es gehört der Gemeinde.

Der Huskyfan parkt seinen Van auf dem Gelände. Mal schläft er hier im Wohnwagen, mal bei der Freundin in Berlin. In dem Haus neben seiner Husky-Farm träfen sich freiwillige Müllsammler. Den Schrott, den sie im Grünheider Wald finden, lagern sie in den Zwingern, die Hurst noch nicht erworben hat. „Die hätten wir eigentlich gern noch dazu. Wir würden uns gerne noch vergrößern.“ Denn schon jetzt würden hin und wieder zahlende Gäste in einem seiner Wohnwagen übernachten. Aber da solle noch mehr passieren. „Meine Farm soll eine internationale Begegnungsstätte für Abenteuerurlauber und Hundefreunde werden“, sagt Hurst.

Fahrten mit dem Schlittenhunde-Wagen

Die Fahrten mit dem Schlittenhunde-Wagen biete er schließlich nicht nur durch Berlin, sondern auch durch den Grünheider Wald an. Auch könne man die Huskys auf einen geführten Kanu-Trip mitnehmen. Auf der Ladefläche von Hursts Vans liegen etliche Trockenfuttersäcke. Den Inhalt eines 25-Kilo-Trockenfuttersackes vertilgen seine Vierbeiner pro Tag. Bei den Hunden, die er über Tierschutzorganisationen bekommen hat, werden ihm die Tierarztrechnungen erstattet. Für alle anderen muss er selber aufkommen. Hurst nähert sich dem Gatter seiner Farm. Das Gebell beginnt. „Ist ja gut, ist ja gut“, beruhigt eine Frau in Leggins und T-Shirt die Vierbeiner am Gitter. Hurst lacht. Die Hunde springen an ihm hoch.

„Das Leben mit 38 Hunden ist sehr entspannt“, sagt Hurst – und eigentlich mag man ihm das nicht glauben. Aber nach ein paar Minuten Wiedersehensaufregung ist es tatsächlich totenstill. Ein laues Lüftchen weht weißes Unterfell in kleinen Ballen über den sandigen Boden. Die Schlittenhunde liegen wie von der Sonne erschossen auf den Wiesen und in den Zwingern. „Sie sind auch einfach ausgelastet“, sagt Hurst. Die Frau in Leggins serviert derweil Limonade mit Hundehaar-Beilage. „Da kommt man hier nicht drum herum“, sagt sie.

Tara ist 41, Erzieherin aus Neukölln. Ihr Sohn traf Hurst, als dieser seine Huskys damals noch per S-Bahn zum Potsdamer Platz fuhr. Er sei sofort mit „Husky-Fieber“ infiziert gewesen. „Hat einen das befallen, muss man sich einen zulegen. Und meistens bleibt es nicht bei einem.“ Elf Schlittenhunde gehören heute zu ihrer Neuköllner Familie. Bis Ende des Monats sollen sie ihre Wohnung räumen. Hurst hat sie und ihre neun, ungeplanten Husky-Welpen vorerst auf dem Gelände aufgenommen. Als Gegenleistung hilft sie bei ihm aus. „Ich bin kaum noch zu Hause“, sagt Tara. „Da sind eigentlich nur noch meine Kinder.“

Thomas Burschs Augen sind überall. „Mit bis zu 18 Hunden kann ich ohne Leine losgehen“, sagt er ohne seinen Gegenüber dabei anzusehen. Er ist um den ständigen Rundumblick bemüht. Erst zwei Mal sei ihm ein Hund abhanden gekommen. Einer von ihnen, eine Beagle-Hündin, sei immer dann getürmt, wenn sie einen Grill gewittert habe. „Die haben wir dann in den Gärten wieder gefunden.“

Körpersprache ist wichtig

Das Verhalten von Hunden fasziniert Bursch. Immer wieder habe er sich gefragt: Was passiert hier gerade? Warum macht er das? Was will der Hund erreichen? Mit einem befreundeten Dog Walker habe er sich häufig zusammengesetzt und über Vierbeiner geredet. „Wir haben ihr Verhalten interpretiert und dann immer wiederkehrende Muster entdeckt, aus denen wir Formeln für uns ableiten konnten.“ Die Dog Walker reden über Hunde, wie Schulmädchen über Jungs. „Seit ich Hunde beobachte, bin ich auch in meinem Privatleben aufmerksamer“, sagt Bursch, der eine feste Lebenspartnerin hat: „Man achtet automatisch viel mehr auf Körpersprache.“

Um eine handfeste Ausbildung in der Tasche zu haben, habe Bursch sich schließlich zum Hunde-Physiotherapeuten ausbilden lassen. Rottweiler mit Beckenschiefstand, Husky-Mischlinge mit verspannten Rippenmuskeln und etliche Vierbeiner mit lahmenden Hinterlauf gehörten bisher zu seinen Patienten. Für 35 Euro macht Bursch Hausbesuche. Um das Vertrauen seiner Patienten zu gewinnen, kuschelt er mit ihnen. So lange, bis sie sich ruhig auf die Matte legen und er mit seiner Massage beginnen kann.

Janine aus Hellersdorf ist von Daniel Hursts Huksy-Farm fasziniert. Nächstes Jahr will die 20-Jährige hier ihre Ausbildung zur Tierpflegerin angehen. Schon jetzt verbringt sie mindestens drei Tage pro Woche auf dem Farm. „Ich schlafe auch hier“, sagt sie. Morgens kontrolliere sie die Hunde, gebe frisches Wasser und füttere. Gerade habe sie ihre Mittlere Reife auf der Abendschule nachgemacht. Eigentlich hatte sie den Kindheitstraum Tierpflegerin zu werden schon ad acta gelegt. Über Facebook sei sie dann aber auf Hurst gestoßen. Nun will sie später selbst einmal eine Husky-Farm aufmachen. Ihr eigener Husky döst neben denen ihres zukünftigen Chefs auf der Wiese.

„Es ist ohnehin schwer, mit einem Husky zu arbeiten“, sagt Janine. „Den kann man nämlich nicht zehn Stunden allein lassen.“ Auf einer Husky-Farm jedoch kann sie ihren Hund zum Beruf machen. Daniel Hurst sagt, er könne von seinem Job leben. Im Winter fahre er das Geld ein, im Sommer sei allein Temperatur bedingt schon weniger los. Sobald es über 23 Grad warm ist, können die Schlittenhunde nicht arbeiten. Hurst zuckt mit den Schultern.

Berufsverband für Hundebetreuer

„Immer mehr Menschen wollen heute Dog Walker oder Hundetrainer werden“, sagt Thomas Bursch im Tegeler Forst, während sich seine Klienten in kühlen Waldbodenmulden ausruhen. „Viele Arbeitslose entdecken den Job auch als ertragreichen Plan B.“ 20 Euro kostet Bursche dreistündiger Hundeauslaufservice pro Hund.

„Die denken, sie können mit mehreren Hunden spazieren gehen, aber sie gefährden die Hunde, andere und den Ruf des Jobs.“ Gemeinsam mit dem befreundeten Berliner Dog Walker hat Thomas Bursch nun einen Verband für Hundebetreuer gegründet. Sie wollen eine Zertifizierung des Jobs erwirken. Die Prüfungsbedingungen würden gerade mit dem Amtsveterinären abgestimmt.