Kriminalstatistik

In Deutschland wird alle vier Minuten eingebrochen

Rund 145.000 Mal wurde in Deutschland im Jahr 2012 eine Wohnung oder ein Haus aufgebrochen. Der finanzielle Schaden wird auf 470 Millionen Euro beziffert. Die Täter kommen häufig am Tag.

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Die Zahl der Wohnungseinbrüche in Deutschland ist deutlich gestiegen. Nach der neuen Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2012 nahmen solche Delikte im vergangenen Jahr bundesweit um 8,7 Prozent auf 144.117 Fälle zu.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) stellt sie am kommenden Mittwoch in Berlin vor, das 70 Seiten umfassende Dossier liegt der Berliner Morgenpost schon jetzt vor.

Davon wurde in 61.200 Fällen tagsüber eingebrochen – ein Plus von 9,5 Prozent. Die höchsten Zuwachsraten beim Wohnungseinbruch hat Niedersachsen mit einen Anstieg um 24 Prozent. Deutlich über dem Bundesschnitt liegen auch Brandenburg (plus 17 Prozent) sowie die Stadtstaaten Hamburg (plus 9,4 Prozent) und Berlin (plus 11,7 Prozent). Es trifft in der Hauptstadt immer öfter wohlhabende Menschen. In der Extra-Rubrik „Villa/Einfamilienhaus“ steht ein satter Zuwachs von 32 Prozent.

Beim Wohnungseinbruch gehen die Zahlen seit 2009 kontinuierlich nach oben. Bezogen auf dieses Jahr beträgt die Steigerungsrate fast 30 Prozent. In Deutschland wird alle vier Minuten eine Wohnung oder ein Haus aufgebrochen.

Die Zahl der Raubüberfälle in Wohnungen nahm ebenfalls zu. Die Täter gehen teilweise immer brutaler vor. Manche Opfer werden geknebelt, gefesselt und geschlagen. Die Geschädigten leiden oft noch Monate nach der Tat an Panikattacken und Schlaflosigkeit. Einen Großteil der Einbrüche würden Banden verüben.

Rentnerin in ihrer Wohnung überfallen

So etwa klingelten an einem Dienstag um 15.30 Uhr zwei Männer bei Helene Kaiser*. Sie gaben sich als Mitarbeiter einer Wohnungsbaugenossenschaft aus und wollten nur mal den Wasserdruck überprüfen. Die 87 Jahre alte Rentnerin aus Schenefeld bei Hamburg öffnete die Tür. Ihre Gutgläubigkeit hat schwere Folgen: Die alte Dame wurde gefesselt und dann ausgeraubt.

Die Ganoven, die akzentfrei Deutsch sprachen, stahlen Schmuck und Bargeld. Dann flüchteten sie unerkannt. Helene Kaiser konnte sich erst nach zweieinhalb Stunden selbst aus ihren Fesseln befreien und die Polizei rufen. Sie steht noch immer Schock und leidet bis heute unter Panikattacken. Mittlerweile lebt sie in einem Pflegeheim. Sabine Zurlo, Präventionsbeamtin der Polizeidirektion Bad Segeberg, warnt deshalb: „Man sollte niemals Unbekannte in die eigenen vier Wände lassen.“

Helene Kaiser ist eines von insgesamt 3025 Opfern, die im vergangenen Jahr in ihrer Wohnung überfallen und beraubt worden sind. Solche Delikte häufen sich in Deutschland, sie nahmen um 3,9 Prozent zu. Die Täter gehen immer brutaler vor.

Das zeigt ein spektakulärer Fall aus Berlin, der kürzlich für Schlagzeilen sorgte. In der beschaulichen Villengegend Hermsdorf hatten zwei maskierte Täter nachts um 2 Uhr eine Leiter an die Hauswand gestellt und waren im ersten Stock eingestiegen. Der Mieter wurde aus dem Schlaf gerissen, es kam zum Kampf. Die Eindringlinge schlugen ihn nieder, knebelten und fesselten ihn an einem Sessel. Dann traten die Männer auch noch die Tür der Nachbarwohnung ein und überwältigten dort eine Seniorin. Als Nachbarn die Polizei holten, waren die Verbrecher längst weg.

Ein Experte für Schutz vor Einbrüchen erklärt HIER, wie Sie sich am besten schützen können.

Für Minister Friedrich ist die Vorstellung der Kriminaltrends der wichtigste Termin des Jahres. Allerdings hat er wenig Erfreuliches zu verkünden. Zwar stagniert die Gesamtkriminalität knapp unter der Marke von sechs Millionen polizeilich erfasste Straftaten. Aber wenn Friedrich bei der Präsentation der PKS ehrlich ist, wird er erklären müssen, dass der Staat das Eigentum der Bürger immer schlechter schützen kann. Während in anderen Deliktsgruppen die Kriminalität zurückgeht, ist das Plündern von Haus und Wohnung zu einer Plage geworden.

Aktuell ist die Zahl beim Einbruchsdiebstahl auf 144.117 Fälle in die Höhe geschnellt. In 61.200 Fällen davon kamen die Täter tagsüber, ein Plus von 9,5 Prozent. Beim Wohnungseinbruch gehen die Zahlen schon seit 2009 kontinuierlich nach oben. Bezogen auf dieses Jahr beträgt die Steigerungsrate fast 30 Prozent.

Aufklärungsquote erschreckend niedrig

Erschreckend niedrig bleibt die Aufklärungsquote beim Einbruch. Alle Bundesländer haben zwar längst Beratungsstellen der Polizei eingerichtet, doch das bringt nicht viel. Während sie bei der Gesamtkriminalität 54,4 Prozent beträgt, liegt sie republikweit lediglich bei 15,7 Prozent.

Unter den wenigen gefassten Tätern sind häufig Drogenabhängige, die schnelles Geld für Rauschgift brauchen. Diese Gelegenheitsdiebe sind noch vergleichsweise leicht zu überführen. Nach Erkenntnissen des hessischen Landeskriminalamts reicht das Spektrum vom „örtlichen Einzeltäter bis zu mobilen, hoch organisierten und planvoll vorgehenden internationalen Gruppen.“ Banden würden häufig aus „Südosteuropa“ anreisen – aus Ex-Jugoslawien, Bulgarien und Rumänien. Sie setzen ganz bewusst auch strafunmündige Kinder und Jugendliche als Diebe ein. In Berlin sind immer wieder sogenannte „Kletterbanden“ unterwegs, die über die Regenrinnen in die oberen Etagen einsteigen.

Immer auch ein Eindringen in Privatsphäre

Über die psychische Verfassung der Opfer, denen die albtraumhaften Bilder noch lange im Gedächtnis haften, sagt die polizeiliche Statistik nichts aus. Viele leiden unter Schlafstörungen, Ohnmachtsgefühlen oder chronischer Nervosität. Studien zufolge würde jeder zehnte Geschädigte am liebsten sofort umziehen. Mancher muss sich sogar in psychologische Betreuung begeben. Eine traumatologische Erstberatung vermittelt zum Beispiel der Opferverein Weißer Ring. Einbruch ist immer auch ein Eindringen in die Privatsphäre.

Selbstverständlich ist auch der finanzielle Schaden enorm. Der Gesamtverband der Versicherer (GdV) beziffert ihn bundesweit auf 470 Millionen Euro, das sind 50 Millionen Euro oder zwölf Prozent mehr als im Vorjahr. „Die Kosten haben einen neuen Rekord erreicht. Im Durchschnitt hinterlassen Einbrecher 3300 Euro Schaden“, sagte Jörg von Fürstenwerth, der Vorsitzende der GdV-Hauptgeschäftsführung der Berliner Morgenpost. Das liege daran, dass sich in immer mehr Haushalten teure elektronische Geräte befänden. Bevorzugte Beute ist alles, was in den Rucksack passt: Geld, Schmuck, Kameras, Laptops, Tablet-PCs und Smartphones. Am Tatort sieht es fast immer gleich aus: Durchwühlte Schränke, demolierte Zimmer, aufgebrochene Türen und Fenster. Das Bild gleicht meist einem Schlachtfeld.

Wie kann man sich vor Wohnungseinbruch schützen? Türen und Fenster, die nicht speziell gesichert sind, lassen sich meist in nur zehn bis 20 Sekunden aufhebeln. Die im Auftrag der Innenministerkonferenz tätige Zentralstelle der Kriminalprävention (www.polizei-beratung.de) und die Kampagne „K-Einbruch“ (www.k-einbruch.de) raten vor allem erst einmal zu einem soliden mechanischen Einbruchsschutz. Oft hilft schon ein Querriegelschloss für etwa 300 Euro. Deutlich teurer sind „Pilzkopfverriegelungen“ für Balkontüren, die sich im Rahmen verkeilen.

Einbruchschutz verbessern

Wegen der hohen Kosten fordert Bernhard Witthaut, der scheidende Vorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), seit Langem verbesserte steuerliche Anreize für Mieter zur Sicherung der eigenen vier Wände. Er könnte sich auch ein Förderprogramm für den Einbruchsschutz mit zinslosen Darlehen vorstellen.

Doch für solche unkonventionellen Vorschläge reicht die Fantasie der Politiker offenbar nicht aus. Stattdessen wird in den Bundesländern gespart. Viele Einbruchskommissariate wurden personell ausgedünnt. „In einigen Ländern gibt es gar keine klassische Kripo mehr. Das wissen aber nur die wenigsten. Die Rechnung für diesen Irrsinn zahlen jetzt die Bürger“, sagt André Schulz, Vorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter. Es ist in der Tat irrsinnig, dass die Polizei bei den Alltagsdelikten oft nur machtlos zuschauen kann. Sie ist nur noch eine Sammelstelle für die nächste PKS.

* Name von Redaktion geändert

Die Kriminalpolizeiliche Beratungsstelle am Platz der Luftbrücke 5, 12101 Berlin, hilft bei der Wahl von Sicherungssystemen und ist montags von 10 bis 18.30 Uhr und von Dienstag bis Donnerstag zwischen 8 und 15 Uhr geöffnet. Termine können unter 030/4664-979999 vereinbart werden.