Nervenkrieg in NRW

Polizei überwältigt Geiselnehmer in Kölner Kita

Eine Spezialeinheit der Polizei hat nach zehn Stunden eine Kita in Köln gestürmt und die Geisel aus der Gewalt des Täters befreit. Bei dem Drama gab es zwei Verletzte.

Foto: Marius Becker / dpa

Das Geiseldrama dauerte zehn Stunden. Dann befreite die Polizei den Leiter einer Kölner Kindertagesstätte. Spezialkräfte stürmten am Freitagabend die Kita in der Hochhaussiedlung Köln-Chorweiler, nachdem es über Stunden Verhandlungen mit dem zunächst unbekannten Mann gegeben hatte.

Bei dem Zugriff traf den Geiselnehmer ein Schuss in die Schulter. Den Kita-Leiter hatte der mit einem Messer bewaffnete Mann zuvor durch einen Stich ins Bein verletzt.

17 Kinder und ihre Gruppenleiterinnen konnten schon am Vormittag ins Freie flüchten. Die Erzieherinnen waren auf einen Tumult aufmerksam geworden und hatten die Kinder in Sicherheit gebracht.

Um kurz vor 9 Uhr war der Mann in die städtische Kita eingedrungen. Dort kam es nach Erkenntnissen der Polizei zu einem Streit mit dem 51 Jahre alten Leiter– worum es dabei ging, blieb bis zum Abend offen. Nach dem Streit folgte dann die Geiselnahme: Mit dem Messer bewaffnet hielt der Täter den Kita-Leiter fest und forderte Bargeld sowie ein Fluchtauto.

Am Ende eine Detonation

Eine Detonation beendete um kurz vor 19 Uhr den Nervenkrieg. Anscheinend hatten die Spezialkräfte eine Blendgranate gezündet. Auch ein Lichtblitz war zu sehen, als die Polizei die Kita stürmte. Minuten später brachten Rettungskräfte den Geiselnehmer und dessen Opfer auf Tragen aus dem Gebäude. Tücher verhüllten die Gesichter der Männer.

Die Identität des Geiselnehmers war lange Zeit unklar. Am Abend teilte die Polizei dann mit: Nach derzeitigen Ermittlungen handle es sich bei dem Täter um einen 47 Jahre alten, in Köln lebenden Mann. Zum Motiv konnte die Polizei weiter nichts sagen. Die Hintergründe der Tat seien noch nicht geklärt, sagte Polizeisprecher Lutz Flaßnöcker am Ort des Geschehens. Den ganzen Tag über habe man mit dem Mann verhandelt – zum Inhalt der Gespräche äußerte sich Flaßnöcker indes nicht.

„Die Einsatzleitung hatte von Anfang an darauf gesetzt, die Geiselnahme gewaltfrei zu beenden, gleichzeitig aber auch alles für einen Zugriff vorbereitet“, hieß es in einer Mitteilung.

Zum Zeitpunkt der Geiselnahme hielten sich wohl wegen der Osterferien weniger Kinder als sonst in der Einrichtung auf– normalerweise werden in der Kita 85 Kinder bis zu sechs Jahren in vier Gruppen betreut. Nach dem Eintreffen der Polizei befanden sich noch drei Kinder mit drei Erzieherinnen in der ersten Etage des Gebäudes. Sie verließen das Gelände über eine äußere Sicherheitstreppe.

Die Kita – ein Klinkerflachbau im Schatten mehrerer Wohnhochhäuser – war über Stunden weiträumig abgeriegelt. Eine Flucht sei dem Täter unmöglich gemacht worden. Man stehe in Kontakt zu dem Geiselnehmer, hieß es von der Polizei, noch kurz bevor sie das Gebäude stürmte. Auch zu der Geisel habe es Kontakt gegeben.

„Die Eingangstür der Kindertagesstätte ist nur während der Zeiten, in denen Kinder abgegeben und auch abgeholt werden können, geöffnet – und zwar morgens von acht bis neun Uhr“, erläuterte die Stadt Köln. In dieser Zeit konnte der Mann eindringen. Was er dort wollte – auch das blieb bis zum Abend unklar.

Vermutung über Motiv

Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ berichtete, eine Vermutung sei, dass der Mann keinen Kita-Platz für sein Kind bekommen habe und deshalb ausgerastet sei. Beweise gebe es dafür allerdings nicht. Die Polizei habe keine Hinweise darauf, dass es im Vorfeld Streitigkeiten zwischen Kita-Leitung und Eltern gegeben habe, sagte ein Ermittler der Zeitung. Der Leiter arbeite erst seit knapp einem Jahr in der Kita.

Die Einsatzleitung hatte für die Eltern eine Sonderauskunftsstelle eingerichtet. Das Kölner Jugendamt als Träger der Kindertagesstätte befand sich am frühen Abend immer noch mit Betreuern und Fachkräften vor Ort.