Transsexualität

Balian Buschbaum und der Tanz seines Lebens

Der 32-Jährige wurde als Frau bekannt: Als Yvonne Buschbaum war sie eine der weltbesten Stabhochspringerinnen, holte zweimal EM-Bronze. Nun tritt er in der TV-Show „Let’s Dance“ an.

Foto: Fredrik von Erichsen / dpa

Balian Buschbaum hat mal wieder Lob bekommen. „Er ist wirklich engagiert – und gut“, sagt seine Tanzlehrerin. Buschbaum lächelt seine Partnerin an. Und blickt ihr in die Augen.

In einer Mainzer Tanzschule trainieren Sarah Latton und er für ihren großen Auftritt. Dreimal wöchentlich, jeweils sechs Stunden. Ab 5. April 2013 werden sie bei der RTL-Show „Let’s Dance“ (ab 21.15 Uhr) an den Start gehen.

Buschbaum sagt, er suche „die sportliche Herausforderung“. Aber ihn reizt wohl auch noch etwas anderes: sich den Leuten beweisen zu können, womöglich gar sie zu inspirieren.

Bei Sarah Latton hat das schon funktioniert. Die 34 Jahre alte Profitänzerin sitzt am Rande des Parketts und blickt verträumt durch den Saal. „In Sachen Tanzen werde ich Balian einiges beibringen“, sagt sie. „Aber auch ich werde sehr viel von ihm lernen. Er ist ein sehr interessanter Mensch“, genauer Mann.

Das war nicht immer so. Der 32-Jährige wurde als Frau bekannt: Als Yvonne Buschbaum war sie eine der weltbesten Stabhochspringerinnen, holte zweimal EM-Bronze.

Dann stellten Mediziner seine Transsexualität fest. Im November 2007 erklärte er das Karriereende und das Ende seiner Existenz als Yvonne. Im Fernsehen sprach er offen über seine Entscheidung. „Ich konnte diese Schauspielerei keinen Tag länger ertragen. Ich wollte endlich das sein, was ich wirklich bin. Und: Ich wollte endlich glücklich sein.“

Vorname aus einem Film

Buschbaum ließ sich Hormone spritzen – er wird sein Leben lang damit behandelt werden – und unterzog sich einer geschlechtsangleichenden Operation. Er gab sich einen neuen Vornamen, den er im Film „Königreich der Himmel“ entdeckt hatte. Darin geht es um einen Menschen, der alles verliert, auf Reisen geht und sich selbst findet: Balian.

Wer ihn fünf Jahre danach trifft, begegnet einem Mann, der wirkt, als sei er mit sich im Reinen. Der ständig lacht und Witze reißt. Das liegt – da will er gar nicht drum herum reden – nicht zuletzt an seinem Penis. „27 Jahre lang habe ich mir vorgestellt, wie gerne ich mit einer Frau schlafen würde. Und dann habe ich immer wieder gemerkt, dass mir leider ein Penis fehlt.“

Das Problem ist erledigt, über seinen ersten Sex sagt er: „Es war die Erfüllung, meine ganz persönliche Auferstehung.“ Er hat gerade sein zweites Buch veröffentlicht, es trägt den Titel „Frauen wollen reden, Männer Sex.“ Darin stellt er Geschlechter-Klischees auf den Prüfstand und erörtert Fragen wie: Sind Frauen und Männer unterschiedlich eifersüchtig? Können Frauen und Männer lernen, miteinander zu reden? Eine für ihn wichtige Frage lautet: Ist Monogamie lebbar?

Die Antwort gibt Buschbaum, der nicht verraten will, ob er eine feste Freundin hat, auch gern im Gespräch: „Monogamie ist die größte Lüge der Menschheitsgeschichte.“ Buschbaum sagt das so laut, dass sich selbst die Dame an der Rezeption zum Tisch umdreht und ziemlich entgeistert dreinschaut.

Er verdient jetzt Geld mit seiner Überzeugungskraft

Bei vielen Leuten aber kommt Buschbaum sehr gut an. Er verdient jetzt Geld mit seiner Überzeugungskraft. Er ist Autor, Coach, Redner, Mentaltrainer, Veranstalter von Reisen in die Wüste zum Zweck der Selbstfindung und Berater von Großfirmen. Was ist das für ein Beruf? Buschbaum zuckt mit den Schultern. Man bezeichnet ihn wohl am besten als eine Art Menschenfänger.

„Ich helfe den Menschen dabei, auf sich selbst zu hören und das Beste aus ihrem Leben zu machen“: Wenn er über seine Arbeit spricht, fallen Schlagworte wie „Horizonterweiterung“, „Mut“ und „Aufklärung“. Buschbaum ist eine Mischung aus Motivator und Möchtegern-Messias. Er predigt: „Das Schubladendenken muss aufhören. Wer in einer Schublade steckt, ist tot.“ Er will die Menschen von ihren Zwängen und Lasten befreien.

Balian Buschbaum hat mal über ein Psychologie-Studium nachgedacht, aber das war ihm zu trocken. Er hat stattdessen Bücher über Gehirnströme gelesen, das war’s. Es mag also Leute geben, die sich fragen, wem dieser Typ bitteschön weiterhelfen soll. Aber gibt es ein besseres Studium als dieses Leben, das Buschbaum gelebt hat?

Ärger mit Leichtathletik-Verband

Fünfeinhalb Jahre ist es jetzt her, dass er seine Stabhochsprung-Karriere beendet hat. Dem Sport ist er trotzdem erhalten geblieben. Am Bundesstützpunkt Mainz ist er als Trainer tätig. Noch. Womöglich scheidet er bald aus, es gibt Meinungsverschiedenheiten mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband. Buschbaum sagt, das Problem sei, „dass ich zu ehrlich bin“. Im Verband gibt es Leute, die der Meinung sind, das Problem seien eher seine zahlreichen Betätigungsfelder.

Jetzt also „Let’s Dance“. Möglich, dass es schwierig ist, alle Aktivitäten unter einen Hut zu bekommen. Für Balian ein Luxusproblem: „Ich werde jeden Morgen wach und freue mich auf den Tag. Ich bin glücklich.“ Wie es ihm heute ohne die Geschlechtsanpassung ginge? Buschbaum schließt die Augen, seine Miene verfinstert sich zum ersten und letzten Mal an diesem Tag: „Dann wäre ich nicht mehr.“