Schneesturm

„Nemo“ wütet über US-Ostküste - Hunderttausende ohne Strom

Vor drei Monaten tobte „Sandy“, jetzt legt Schneesturm „Nemo“ die Ostküste lahm. Tausende Flüge wurden gestrichen. Autos dürfen nicht fahren.

Hunderttausende Haushalte ohne Strom und tausende gestrichene Flüge: An der US-amerikanischen Ostküste haben starke Schneefälle und hohe Windgeschwindigkeiten einen heftigen Wintersturm eingeläutet. In Boston könnte nach Angaben des nationalen Wetterdienstes bis zu ein Meter Schnee fallen, so viel wie selten zuvor. Bis zum Freitagabend (Ortszeit) fielen laut dem Sender CNN innerhalb weniger Stunden in Teilen Rhode Islands bereits 30 Zentimeter Neuschnee.

Im Staat Massachusetts wurde der Ausnahmezustand ausgerufen, 5000 Nationalgardisten wurden alarmiert, einige Küstenstädte sollten evakuiert werden. Auch in New York, Connecticut, Maine und Rhode Island riefen die Gouverneure den Ausnahmezustand aus.

Erster Toter

Der Schneesturm forderte bereitsein Todesopfer. Eine 18 Jahre alte Autofahrerin habe auf schneebedeckter Straße in Poughkeepsie (US-Staat New York) die Kontrolle über ihren Wagen verloren und einen Fußgänger überfahren, berichtete der TV-Sender CNN in der Nacht zum Samstag. Der 47 Jahre alte Mann sei nach dem Unfall ins Krankenhaus gebracht worden und dort gestorben.

In Boston gibt es bereits Fahrverbot. Der Bürgermeister von Boston ordnete an, dass von Freitagnachmittag an keine Fahrzeuge mehr auf den Straßen sein dürften. Auch das öffentliche Nahverkehrssystem stand still. Die große Mehrheit der Fahrer hielt sich daran: Auf den Straßen waren während der Hauptverkehrszeit am frühen Freitagabend nur vereinzelt Fahrzeuge zu sehen. Den Fahrern droht bis zu 500 Dollar (375 Euro) Strafe.

Der Blizzard zog auch über Gegenden hinweg, die Ende Oktober der Wirbelsturm „Sandy“ stark getroffen hatte. Damals gab es allein in den USA mehr als 100 Tote, Hunderttausende waren wochenlang ohne Strom. Der Schneesturm könnte in diesen Regionen auch zu neuen Überflutungen führen – den Vorhersagen zufolge sollten die Schäden aber kleiner bleiben als bei „Sandy“.

Stromversorger rüsteten sich mit Notfallteams für Stromausfälle. Vielerorts ließ der Schneesturm die Stromversorgung bereits zusammenbrechen. Allein im Bundesstaat Massachusetts würden 255.000 Haushalte und Unternehmen nicht mehr mit Elektrizität versorgt, berichtete die Tageszeitung „Boston Herald“.

Flüge und Zugverbindungen gestrichen

Bereits im Vorfeld wurden in der Region mehr als 3500 Flüge am Freitag und 1500 Verbindungen für Samstag sowie alle Zugfahrten gestrichen. Mehr als 60 Flughäfen seien betroffen, meldete die Webseite „Flight Aware“. Auch Flüge aus Deutschland an die Ostküste, etwa von Frankfurt/Main, wurden annulliert. Viele Schulen blieben geschlossen.

„Wir sind kräftige Neu-Engländer und sind solche Stürme gewohnt, aber ich möchte die Menschen daran erinnern, ihren Verstand zu benutzen und von den Straßen fernzubleiben“, sagte Bostons Bürgermeister Thomas Menino. Für New Hampshire erwarteten die Meteorologen Windgeschwindigkeiten bis zu 160 Stundenkilometer. An einigen Orten falle die gefühlte Temperatur wegen des Windes auf bis zu 32 Grad unter Null.

New York bereitet sich auf den Sturm vor

Am frühen Samstagmorgen werde der Sturm jedoch abflauen, erklärten die Wetterforscher. Der TV-Sender Weather Channel taufte das Unwetter „Nemo“ – ein Name, bei dem der Sender klarstellte, dass er entgegen erster Assoziationen mit dem Fisch im Disney-Film auf Jules Vernes Kapitän Nemo zurückgehe.

Der Blizzard könnte auch die Millionenmetropole New York treffen, die diesen Winter bislang eher wenig Schnee sah. Die Stadt sei aber gut vorbereitet, sagte Bürgermeister Michael Bloomberg. Die Straßen könnten mit rund 250.000 Tonnen Streusalz präpariert werden, es gebe keinen Grund zur Panik. „Bleiben sie zu Hause und lesen sie ein gutes Buch“, riet er den New Yorkern. Die New York Fashion Week ging am Abend wie geplant weiter, sagten die Organisatoren und auch Broadwayshows liefen wie angesetzt.

Vor Tankstellen und Supermärkten im Nordosten hatten sich dennoch zuvor Schlangen gebildet. Elizabeth Fraser aus der Stadt Reading in Massachusetts sagte dem Lokalsender WHDH: „Die Regale sind leer. Ich glaube, ich habe alle Flaschen Wasser gekauft, die sie noch hatten.“ In Connecticut sei den Tankstellen teilweise das Benzin ausgegangen, berichteten Medien. Der Gouverneur des Bundesstaats Massachusetts sagte, die Menschen sollten von zu Hause aus arbeiten. Außerdem: „Seien Sie gute Nachbarn. Sehen Sie nach den älteren Menschen.“