Gerichtsverhandlung

Dutroux zeigt keine Reue, will aber entlassen werden

Bis 1996 tötete und vergewaltigte der Belgier mehrere Mädchen. Noch immer ist er sich keiner Schuld bewusst und hofft auf die Freiheit.

„Das Monster soll im Knast bleiben!“ Vor dem Justizpalast in Brüssel marschieren am Montag empörte Belgier mit Plakaten wie diesem, während leichter Regen auf sie herabnieselt. 120 Polizisten sind im Einsatz, um für Sicherheit zu sorgen. Dabei ist fraglich, wer hier vor wem beschützt werden muss.

In einem Saal des ehrwürdigen Gebäudes wird der Antrag eines Mannes verhandelt, dessen Verbrechen das kleine Belgien bis ins Mark erschüttert haben. Marc Dutroux, mittlerweile 56 Jahre alt, ist ein verurteilter Kinderschänder und in diesem Land der Inbegriff des Bösen.

Seit 1996 sitzt er dafür im Gefängnis, 2004 wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Deren Ende will Dutroux aber nicht abwarten, er hat deshalb einen Antrag auf vorzeitige Entlassung gestellt. Und erklärt, dass er bereit wäre, eine Fußfessel zu tragen. Seit Montag tagen die Richter in Brüssel und müssen darüber befinden, ob der pädophile Serientäter freikommt. In zwei Wochen, am 18. Februar 2013, werden sie über seinen Antrag entscheiden.

Schlechte Chancen für Dutroux’ Antrag

Die Chancen dafür stehen eher schlecht, denn seine Taten sind ungeheuerlich – und noch immer hat er keine Reue gezeigt. „Er hat sich nicht geändert“, räumt selbst Dutroux’ Anwalt Ronny Baudewijn ein. „Er ist im Kopf auf der Entwicklungsstufe eines Kindes stehen geblieben“, sagt sein Psychologe Michel Matagne der Berliner Morgenpost.

Die Liste der Verbrechen, die Dutroux bedauern könnte, ist lang. Schon 1989 war der Belgier das erste Mal wegen Entführung und Vergewaltigung minderjähriger Mädchen zu 13 Jahren Haft verurteilt worden. Weil er sich im Gefängnis mustergültig verhielt, ließ man ihn nach nur drei Jahren wieder laufen.

Es dauerte nicht lange, bis der Pädophile wieder auf Mädchenjagd ging. 1995 verschwanden die damals achtjährigen Julie Lejeune und Melissa Russo spurlos auf einem Spaziergang. Die Polizei gab die Suche nach den vermissten Mädchen schon bald auf. Wenig später verlor sich jede Spur der Freundinnen An Marchal, 17, und Eefje Lambrecks, 18. Den verzweifelten Eltern erklärten die Gendarmen, dass die Mädchen vermutlich nur ausgebüxt seien. Erst als Sabine Dardenne, zwölf, und Laetitia Delhez, 13, im Sommer 1996 nicht mehr zu ihren Eltern zurückkehrten, zog sich die Schlinge zu.

Ermittler finden im Kellerverlies völlig traumatisierte Mädchen

Ein Passant hatte am Tatort im kleinen Dorf Bertrix einen weißen Lieferwagen beobachtet und sich die ersten drei Ziffern des Kennzeichens gemerkt. Die Spur führte zu Marc Dutroux, der wenige Tage später verhaftet wurde. Nach zwei Tagen im Verhör brach er schließlich sein Schweigen und führte die Beamten in sein Haus in Marcinelle.

In einem Kellerverlies fanden die Polizisten die völlig traumatisierten Mädchen Sabine und Laetitia. Vor laufenden Kameras führte die Polizei die beiden nach ihrer Befreiung aus dem Haus, Bilder, die damals um die Welt gingen. Als die Ermittler dann begannen, die verschiedenen Grundstücke von Dutroux zu durchkämmen, wurde das Ausmaß des Verbrechens deutlich. Sie fanden insgesamt fünf Leichen, darunter die vier vermissten Mädchen. Julie Lejeune und Melissa waren kläglich verhungert, als Dutroux für einen Lastwagendiebstahl drei Monate im Gefängnis saß. Und die älteren Mädchen An und Eefje mussten ebenfalls sterben, nachdem Dutroux sie monatelang gefoltert und missbraucht hatte.

Prozess mit 400.000 Seiten Akten und 500 Zeugen

Der Prozess gegen Marc Dutroux begann im März 2004, acht Jahre nach dessen Verhaftung. Die Ermittler hatten rund 400.000 Seiten Akten zusammengetragen, knapp 500 Zeugen gehört. Neben Dutroux war auch seine Ehefrau Michelle Martin angeklagt, mit der er drei gemeinsame Kinder hat. Die Staatsanwaltschaft warf der Grundschullehrerin vor, Julie und Melissa in ihrem Kellerverlies verhungert haben zu lassen, während Dutroux im Gefängnis saß.

Martin gab vor Gericht zu, das Haus in dieser Zeit mehrfach besucht zu haben. Aber das Leid der Mädchen lindern oder sie gar befreien, das wollte oder konnte sie offenbar nicht. Martin wusste von den Entführungen, wusste, dass ihr Mann die Mädchen regelmäßig missbrauchte. Was aber lässt eine Frau zur Komplizin solcher Grausamkeiten werden? „Dutroux war mein Gott“, sagte Martin später vor Gericht. Sie sei ihm hörig gewesen und habe aufgehört, selbstständig zu denken.

2004 Verurteilung zu lebenslanger Haft

2004 wurde Dutroux als Einzeltäter zu lebenslanger Haft verurteilt. Schon in seinem ersten Geständnis hatte er aber erklärt, Teil eines größeren Netzwerks gewesen zu sein und lediglich im Auftrag mächtiger Hintermänner gearbeitet zu haben. Noch immer hüllt er sich allerdings in Schweigen darüber, wer diese einflussreichen Personen sind.

Seine inzwischen geschiedene Frau Michelle Martin wurde wegen Mittäterschaft zu 30 Jahren Haft verurteilt. Im vergangenen Sommer entließ man sie vorzeitig aus der Haft, seither lebt sie in einem Nonnenkloster bei Namur. Der öffentliche Aufschrei nach ihrer Freilassung war schon groß gewesen – der Antrag ihres Ex-Mannes aber sendet Schockwellen durch das Land.

Dutroux ist überzeugt, nichts Böses getan zu haben

Dutroux reklamiert für sich das Recht, in die Gesellschaft zurückkehren zu dürfen. „Er ist davon überzeugt, nichts Böses getan zu haben“, sagt sein Arzt, Michel Matagne, der Berliner Morgenpost. Schließlich habe ihn der eigene Vater ebenfalls eingesperrt und misshandelt.

Voraussetzung für Dutroux’ Freilassung sind psychologische Gutachten, die belegen, dass von ihm keine Gefahr mehr ausgeht. Bei allem Verständnis, das der Arzt für seinen Patienten aufbringt – so weit würde er nicht gehen.