Sprache

Kachelmanns „Opfer-Abo“ zum Unwort 2012 gekürt

Das von Wettermoderator Jörg Kachelmann geprägte "Opfer-Abo" ist Unwort des Jahres. Als Favorit hatte eigentlich ein anderes gegolten.

Foto: dpa

Das Unwort des Jahres 2012 lautet „Opfer-Abo“. Eine unabhängige Jury aus Sprachwissenschaftlern, Journalisten und Schriftstellern habe den Begriff aus 2000 verschiedenen Vorschlägen aus dem In- und Ausland ausgewählt, sagte Jury-Sprecherin Nina Janich am Dienstag in Darmstadt vor Journalisten. Insgesamt hatten sich 2232 Einsenderinnen und Einsender an der Wahl beteiligt.

Der Ausdruck stelle Frauen unter den pauschalen Verdacht, sexuelle Gewalt zu erfinden, kritisierte die Jury. Dies sei sachlich grob unangemessen, ein Verstoß gegen die Menschenwürde.

Der Fernsehmoderator Jörg Kachelmann, der unter Vergewaltigungsverdacht stand, hatte in Interviews erklärt, dass Frauen ein „Opfer-Abo“ hätten. Unter anderem gebrauchte ihn Kachelmann in einem Interview mit dem Magazin „Spiegel“ (Ausgabe 41/2012, Titel: „Kollektiver Blutrausch“) über sein Buch „Recht und Gerechtigkeit“, das er gemeinsam mit seiner Frau Miriam im Oktober 2012 veröffentlichte und in dem er seinen monatelangen Prozess wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung seiner Ex-Freundin aufarbeitete:

„Das ist das Opfer-Abo, das Frauen haben. Frauen sind immer Opfer, selbst wenn sie Täterinnen wurden. Menschen können aber auch genuin böse sein, auch wenn sie weiblich sind.“

Bei den Einsendungen war „Schlecker-Frauen“ am häufigsten genannt worden. Die Bezeichnung stammt aus der Krise der inzwischen pleitegegangenen Drogeriemarktkette Schlecker.

Doch auf Platz zwei rügte die Jury das Wort „Pleite-Griechen“ und auf Platz drei den Begriff „Lebensleistungsrente“. In Zusammenarbeit mit der Börse Düsseldorf lautet das Börsenunwort 2012 „freiwilliger Schuldenschnitt“.

Überrascht hat der Direktor des Instituts für Deutsche Sprache (IDS) auf die Wahl des Unworts des Jahres reagiert. Der gekürte Begriff „Opfer-Abo“ habe bei ihm zunächst nichts „klingeln“ lassen, sagte Ludwig Eichinger in Mannheim. „Ich kannte das Wort nicht.“ Erst nach dem Lesen der Jury-Begründung verstehe er, was mit der Wahl kritisiert werde. „Aber bei aller Wichtigkeit des Gender-Diskurses, war dieses Detail nicht so präsent“, fügte der Sprachwissenschaftler hinzu.

Die „Unwörter“ der vergangenen Jahre

Das „Unwort des Jahres“ wird seit 1991 von einer unabhängigen sprachkritischen Initiative gekürt.

„Unwörter“ waren zuletzt „Döner-Morde“ (2011), „alternativlos“ (2010), „betriebsratsverseucht“ (2009), „notleidende Banken“ (2008), „Herdprämie“ (2007), „Freiwillige Ausreise“ (2006), „Entlassungsproduktivität“ (2005), „Humankapital“ (2004), „Tätervolk“ (2003), „Ich-AG“ (2002) und „Gotteskrieger“ (2001).

Die sprachkritische Aktion wurde 1991 vom Frankfurter Germanistikprofessor Horst Dieter Schlosser initiiert. Schlosser war bis 2010 Vorsitzender und Sprecher der Jury. Seit 2011 ist die Sprach- und Literaturwissenschaftlerin Nina Janich von der Technischen Universität Darmstadt Sprecherin.

Weitere Jury-Mitglieder sind die Sprachwissenschaftler Jürgen Schiewe (Universität Greifswald), Kersten Sven Roth (Universität Zürich), Martin Wengeler (Universität Trier) sowie Stephan Hebel von der „Frankfurter Rundschau“. Als externes Jury-Mitglied für das Unwort 2012 fungierte der Fernsehmoderator Ralph Caspers.

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