Schiffsunglück

Wie die „Costa Concordia“ Überlebende weiter verfolgt

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Christine Kensche

Foto: FILIPPO MONTEFORTE / AFP

Vor einem Jahr rammte die „Costa Concordia“ vor Giglio einen Felsen, 32 Menschen starben. Zum Jahrestag kommen Überlebende zurück.

Er ist unter den Letzten, die es gerade eben noch ins Rettungsboot geschafft haben. Der Himmel ist schwarz wie die See, der Wind pfeift. Langsam ruckt das Boot Richtung Wasser, da hört er plötzlich einen Knall. Das Boot sackt unkontrolliert ab, schrammt an der Außenwand der „Costa Concordia“ hinunter ins dunkle Nichts. Es ist immer dieser Moment in seinem Traum, in dem Herbert Greszuk aus dem Schlaf hochschreckt. Tagsüber, wenn er in Recklinghausen die Kunden in seinem Blumenladen mit angeschlossenem Café bedient, hat er sich mittlerweile einigermaßen im Griff. „Aber nachts kommen die Bilder zurück.“ Und sie besuchen ihn jetzt wieder häufiger, jetzt, wo im Fernsehen wieder die Amateuraufnahmen gezeigt werden vom Kentern und der Panik an Bord.

Es war Freitag der 13. Januar 2012, als die „Costa Concordia“ vor der italienischen Insel Giglio einen Felsen rammte, der die Flanke des 300 Meter langen Kreuzfahrtschiffs aufschlitzte. 4200 Menschen waren an Bord, 32 von ihnen starben. Rettungsmaßnahmen wurden nicht rechtzeitig eingeleitet, auf der Brücke herrschte Chaos, Kapitän Francesco Schettino floh von seinem Schiff. Gegen ihn und sieben weitere Crewmitglieder sowie Vertreter der Reederei Costa Crociere läuft in Italien ein Strafverfahren, der Prozess wird voraussichtlich in ein paar Monaten beginnen. Fahrlässige Tötung, Havarie des Schiffes und das Verlassen Schutzbefohlener wird dem Kapitän vorgeworfen. Daneben klagen Hunderte Passagiere auf Schadenersatz und Schmerzensgeld.

Rund 50.000 Euro, das hat Greszuks Anwalt ausgerechnet, könnte sein Mandant von der Reederei bekommen. Ein Psychologe hat dem 63-Jährigen ein Trauma bescheinigt. Immer wieder übermannt ihn die Todesangst dieser Nacht, er erinnert sich daran, wie er aus dem Rettungsboot, das schräg über dem Wasser in den Seilen hängen bleibt, an Deck zurückklettert. Wie Männer Frauen mit kleinen Kindern auf dem Arm beiseiteschubsen, um einen Platz in einem anderen Boot zu ergattern. Wieder und wieder sieht er das blaue, aufgedunsene Gesicht eines toten Matrosen, der auf einer Bahre an ihm vorbeigetragen wird.

Medikamente zum Einschlafen

Damit er besser schlafen kann, nimmt er Medikamente, und auch damit er morgens wieder fit wird. Eigentlich ist er krankgeschrieben, trotzdem schließt Herbert Greszuk jeden Morgen sein Café gegenüber dem Nordfriedhof auf.

Angelika Blank will sich ihren Erinnerungen noch einmal stellen. Heute bricht sie mit ihrem Auto auf, rund 1000 Kilometer fährt sie von Franken in die Toskana. Am Sonntag wird die 58-Jährige wieder im Hafen von Giglio ankommen und in die kleine Kapelle gehen, die noch immer von dem Wrack der Concordia überragt wird. Der Pfarrer des Dörfchens wird dann ein volles Haus haben: Die Angehörigen der Opfer sind zum Trauergottesdienst eingeladen. Angelika Blank will sich von ihrer Freundin verabschieden. „Versprich, wir bleiben zusammen“, hatte Gabriele zu ihr gesagt. Angelika Blank konnte das Versprechen nicht halten. In jener Nacht laufen sie von Rettungsboot zu Rettungsboot. „Voll, voll voll“, ist jedes Mal die Antwort, bis sie am Heck ankommen. Angelika Blank und Gabriele Gruber sind auf dem vierten Deck auf der Backbordseite die zum offenen Meer zeigt, stetig höher steigt, während die andere Seite immer weiter unter Wasser sinkt. „Sollen wir springen?“, fragt die Freundin. Blank schüttelt den Kopf. „Dann knallen wir auf das nächste Deck.“

Entschädigung angenommen

Ratlos blicken sie den letzten Rettungsbooten hinterher, bis ein Crewmitglied sie anschreit: „Forza, forza“ (schnell, schnell), sie sollen ihm zur anderen Seite folgen, quer durch das dunkle Bordrestaurant. In dem Gedränge entgleitet ihr die Hand der Freundin. Als sie aus einer Tür auf das andere Deck tritt, schwappt ihr kaltes Wasser entgegen. Sie hört noch, wie die Freundin sie ruft, doch von hinten drängen immer mehr Leute. Blank stößt sich ab, schwimmt ins Schwarz hinein. Nur die Lichter der Rettungswesten funkeln wie kleine Sterne auf den Wellen. Sie hat keine Orientierung, wähnt sich auf hoher See. Erst nach ein paar Minuten stößt sie an einen Fels, merkt, wie nah das Festland die ganze Zeit über war. Erleichtert klettert sie eine glitschige Klippe hoch. Greift hinunter, zieht die nächsten an Land. Hält Ausschau nach ihrer Freundin. Gabriele Gruber kommt nicht mehr.

Angelika Blank hat die 11.000 Euro Entschädigung angenommen, die die Reederei jedem Passagier angeboten hat. Auf eine höhere Summe klagen wird sie nicht. An diesem Sonntag auf Giglio will Angelika Blank einen Schlussstrich ziehen. „Danach soll ein bisserl mehr Normalität einkehren.“