Indien

Nach Vergewaltigung – Zwei Täter hoffen auf milde Strafen

Die fünf mutmaßlichen Mörder einer 23-Jährigen stehen in Neu Delhi vor Gericht. Zu Beginn schloss die Richterin die Öffentlichkeit aus.

Foto: Manish Swarup / dapd

Nach chaotischen Szenen in einem völlig überfüllten Gerichtssaal sind am Montag in Indien fünf Männer, die der brutalen Massenvergewaltigung einer jungen Studentin beschuldigt werden, erstmals vor den Richtern erschienen. Die zuständige Juristin Namrita Aggarwal schloss die Öffentlichkeit wegen „Platzmangel“ von der Verhandlung aus, wie die indische Nachrichtenagentur PTI meldete. Gleichzeitig forderte die Polizei in der indischen Hauptstadt Neu Delhi die Medien in einer Leitlinie auf, nicht über den Prozess zu berichten.

Die fünf Männer zwischen 18 und 35 Jahren müssen sich wegen Mordes, Kidnapping, Raub und Vergewaltigung verantworten. Sie sollen am 16. Dezember 2012 die junge Frau in einem Bus über eine Stunde vergewaltigt und mit Eisenstangen gefoltert haben. Auch den Begleiter der Frau verletzten sie schwer. Danach warfen sie das Paar unbekleidet aus dem Bus auf die Straße und versuchten, die Frau zu überfahren. Die Studentin starb zwei Wochen später an ihren schweren inneren Verletzungen.

Der Fall der jungen Frau hatte in Indien wochenlang für wütende Proteste gesorgt. Demonstranten und Polizei lieferten sich in der Innenstadt Delhis Straßenschlachten. Am Montag sorgte eine Massenvergewaltigung einer 21-jährigen Frau in Noida, einem Vorort von Delhi, erneut für Demonstrationen.

Zwei der Angeklagten bieten sich als Kronzeugen an

Die zuständige Polizeibehörde will für die Angeklagten die Todesstrafe fordern, die in Indien laut Verfassung immer noch „bei besonders grausamen und seltenen Verbrechen“ verhängt werden kann. Ein sechster Verdächtigter ist möglicherweise erst 17 Jahre alt sein und muss vor ein Jugendgericht gestellt werden. Zwei der Beschuldigten könnten allerdings mit milden Strafen davon kommen, weil sie sich bereit erklärt haben, gegen ihre vier Komplizen als Zeugen auszusagen. Die Familie der getöteten Studentin kritisierte, dass eine Kronzeugen-Regelung in diesem Fall nicht angemessen sei. Es sei nur ein Versuch, der Todesstrafe zu entkommen, sagte der Bruder der Studentin laut PTI. Unklar war, ob die Anklage sich auf den „Deal“ einlässt.

Jedem der fünf Angeklagten im Alter zwischen 19 und 35 Jahren sei eine Anklageschrift übergeben worden, sagte Richterin Namrita Aggarwal nach der Räumung des Gerichtssaals im Hauptstadtbezirk Saket. Sie setzte für Donnerstag die nächste Anhörung an.

Das indische Innenministerium ordnete am Montag zudem eine Untersuchung an, nachdem der 28-jährige Begleiter der getöteten Studentin die Polizei schwer kritisiert hatte. Der Mann hatte in einem Interview die Untätigkeit der Polizei beklagt, die fast eine Stunde damit verbrachte, Zuständigkeiten zu klären, ohne Anstalten zu machen, Hilfe für die schwer verletzte Frau zu rufen, und sie und den ebenfalls schwer verletzten Freund in ein Krankenhaus zu bringen. Die Polizei erstattete Anzeige gegen den Fernsehsender, der das Interview ausgestrahlt hatte.

Die Anklage wird vor einem neu eingerichteten Gericht erhoben, das sich vor allem mit Sexualverbrechen befassen soll und eine zügigere Rechtsprechung für die Opfer garantieren soll. Indiens Justiz ist oft langsam und korrupt. Der Mehrheit der Vergewaltigung wird gar nicht erst angezeigt, weil nur in den seltensten Fällen der Täter verurteilt wird. Laut amtlicher Statistik kamen im Jahr 2011 nur 15 Prozent der über 95.000 anhängigen Anklagen wegen Vergewaltigung überhaupt vor ein Gericht.

Am Montag forderte der Vorsitzende des Obersten Gerichts, Altamas Kabir, die Einsetzung von Sondergerichten, um die Verfahren zu beschleunigen. Die gängige Verschleppung von Prozessen gegen Sexualstraftäter könne dazu beigetragen haben, dass die Zahl der Fälle in den jüngsten Jahren wieder deutlich zugenommen habe, heißt es in einem Schreiben des Obersten Richters.

Der Vater der Studentin gab unterdessen deren Identität preis. „Wir möchten, dass die Welt ihren wahren Namen erfährt“, sagte er der britischen Boulevardzeitung „Sunday People“. Er wolle damit anderen Opfern von Vergewaltigungen Mut machen, die überlebt hätten.