Apokalypse in Berlin

So überleben Sie den Weltuntergang garantiert

An diesem Freitag endet der Maya-Kalender und mit ihm angeblich unser Planet. Doch es gibt viele Strategien, dem möglichen Ende zu trotzen.

Heute ist Schluss mit unserem Planeten. Daran halten trotz Spott und Gegendarstellungen immer noch ein paar Menschen fest. Falls Sie jedoch keine Raumfähre gebucht und keinen untergangssicheren Bunker gebaut haben, dann haben wir hier ein paar Tipps von Menschen, die Mittel und Wege gegen die Katastrophe kennen.

Großes Kino

Wie wird es aussehen, wenn unser Planet sich verabschiedet? Gibt es eine Überschwemmung? Stürzen die Alpen ein? Bislang hat ja niemand einen Weltuntergang erlebt. Wie kann man sich vorbereiten? In der Realität gibt es kein Vorbild, bleibt nur eine Möglichkeit: die Fiktion. Bei der ist ja schon Tausende Male das All explodiert. Von ihr kann man lernen. Eine Frau, die Erfahrungen im Umgang mit Katastrophen hat, ist Eva-Maria Fahmüller. Sie hat über postmoderne Erzählkunst eine Doktorarbeit verfasst, sie hat bei der Polizeiserie „Alarm für Cobra 11“ mitgearbeitet, und seit 2009 ist sie Inhaberin der Master School Drehbuch in Kreuzberg, an der unter anderem gelehrt wird, wie man einen Katastrophenfilm entwirft.

Nach der Logik der Inszenierung hätte Berlin gute Chancen, erst gar nicht beim Weltuntergang dabei zu sein – falsche Lage. „Ein wichtiges Prinzip des Katastrophenfilms ist, dass man etwas überhöht, ohne dass die Glaubhaftigkeit verloren geht“, erklärt Fahmüller. Die Fluten, in denen die Hochhäuser einstürzen, müssen also irgendwo herkommen. Aber dass die Spree das schaffen würde, kann man sich beim besten Willen nicht vorstellen.

Köln ist da deutlich gefährdeter, die Stadt könnte in wiedererwachten Lavaströmen aus der Vulkaneifel verglühen – allerdings wurde das bereits 2008 in dem TV-Zweiteiler „Vulkan“ verarbeitet und wäre somit wenig originell. Außerdem wissen wir nicht, ob es sich beim Dramaturgen des Weltuntergangs um einen Ästheten handelt. Vielleicht kümmert er sich gar nicht um das große Bild. Und Berlin wird einfach verschluckt. Immerhin gibt es in Brandenburg Braunkohleabbau.

Größere Chancen, einen Weltuntergang zu überleben, hat man, wenn man auf der Seite der Guten steht. Nach den Regeln der Dramaturgie nämlich gibt es im Katastrophenfilm immer ein Happy End. Allerdings hat in dieser Frage die Maya-Prophezeiung einen Nachteil. Es fehlt das moralische Element. „Die Katastrophe ist eine Reinigung etwa von einem Zuviel an Technik oder einer zerstörten Natur, die sich im Film selbstständig macht und zurückschlägt“, erklärt Fahmüller, „sonst funktioniert die Geschichte nicht.“

Weil in den Aufzeichnungen der Maya aber nicht überliefert ist, was 2012 der gravierendste Fehler der Menschheit sein wird, müsste man sich folglich selber für einen entscheiden und dann Stellung gegen ihn beziehen, damit die Katharsis eingeleitet werden kann. Das Böse ist übrigens im Katastrophenfilm fast immer personifiziert. Man muss sich also im selben Schritt für einen Gegner entscheiden. Meist wird im Film dieser Part von einem Wissenschaftler übernommen. Vor der Darstellung des Forschers als bösem Stereotyp warnt Fahmüller allerdings. Zumal ohnehin bereits Fachkräftemangel in Deutschland herrscht.

Kluge Reden

Wie aber organisiert man die Gruppe der Überlebenden? Zu diesem Punkt wiederum kann man auf einen großen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Die Geschichte zeigt, dass man bei großen Ereignissen das Ruder mit großen Reden rumreißen kann. Der Frohnauer Christoph Schlegel ist für diese Fragen der Fachmann. In der Politik ist die Apokalypse, die eintritt, wenn die Forderungen der gegnerischen Partei umgesetzt werden, ja ein Lieblingsmotiv. Aber wer ein Desaster schönen will, der braucht dazu mehr rhetorisches Feingefühl. Auch dabei kennt sich Schlegel aus, er arbeitet schließlich nicht nur für Politiker.

Er hat bereits auch einige Reden zu schwierigen Anlässen geschrieben. Zum Beispiel die Hochzeitsrede für einen Brautvater, der nicht wirklich begeistert von der Wahl der Tochter war. Dem hat er geholfen, dennoch die passenden Worte zu finden. Wie also schafft man durch Reden, dass trotz einer aussichtslosen Situation, die Menschen weiter Hoffnung haben? „Das Wichtigste ist, Zuversicht zu verbreiten“, erklärt Schlegel.

„Am wirkungsvollsten ist es, mit Anekdoten, beispielsweise vom eigenen Scheitern, einzusteigen.“ Dann muss man zeigen, dass es auch da weitergegangen ist. Gerade wenn man ein eher unbeliebterer Typ ist, sollte man eine Geschichte wählen, bei der man sympathisch erscheint. Effektvoll sei auch, Begegnungen mit jungen Menschen, die eine große Zukunft vor sich haben, zu schildern, sagt Schlegel. Eine gute Rede brauche zudem Energie. „Ich muss ein Ziel haben, auf das ich hinarbeite.“

Auf keinen Fall sollte man seinen Zuhörern etwas erzählen, was sie schon wissen. „Fangen Sie nicht mit Sätzen an wie: Wir haben uns heute hier versammelt…“ Von Zitaten oder Aphorismen rät Schlegel ebenfalls ab. Zu abgegriffen. Man solle lieber darauf hinarbeiten, dass man selber später zitiert wird. „Manche Reden werden nur auf den einen Satz hin geschrieben.“

Gute Gedanken

Man kann der Katastrophe aber auch durch eine innere Haltung begegnen. Wie das gehen kann, weiß Kerstin Helena Taubenheim. Sie leitet eine Glücksschule in Karlshorst. Auf ihrer Internetseite erklärt sie, dass Glück Stress, Depressionen und psychosomatischen Erkrankungen vorbeugt. Da wird es ja auch gegen ein globales Unglück helfen. Glück könne man lernen, sagt Taubenheim, ähnlich wie eine Sprache.

Sie ist so eine sympathische Erscheinung, dass man in ihrer Nähe gleich ein bisschen glücklicher wird. Taubenheim lacht. „Man spürt die Resonanz eines anderen Menschen in einem Radius bis zu drei Metern“, sagt die Pädagogin. Ihre Strategie gegen Katastrophen: „Die Synapsen im Hirn verstärken.“ Die funktionieren nämlich in etwas so wie Trampelpfade. Wenn man immer wieder drüber läuft, werden sie verfestigt.

Das Glück entsteht durch glückliche Gedanken. Gift für das Glück ist das Grübeln. Die meisten Menschen glaubten, dass man über seine Schwierigkeiten intensiv nachdenken sollte, aber genau das sei falsch. „Wenn man nicht drüber nachdenkt, dann lösen sich die meisten Probleme von selbst“, sagt Taubenheim.

Der Schlüssel zum Glück sei die Dankbarkeit, das gesündeste aller Gefühle. „Schreiben Sie einen Dankbarkeitsbrief an einen Menschen, und dann gehen Sie zu ihm und lesen Sie ihm den vor“, rät Taubenheim. „Und schreiben Sie jeden Abend drei Dinge auf, für die Sie dankbar sind.“ Und: „Meditieren Sie über etwas, was Sie dankbar macht.“ Für den aktuellen Weltuntergang dürfte es für Taubenheims Methoden vielleicht etwas spät sein, aber laut Esoterik-Experten ist der Eintritt der Maya-Vorhersage ja ohnehin nur falsch berechnet.

Südliches Frankreich

Und wenn sie nun morgen doch versinkt? Angeblich soll man ja vor dem Weltuntergang im südfranzösischen Dörfchen Bugarach sicher sein. Der vermeintlich magische Berg dort bietet Schutz. Statt der Apokalypse befürchtet der dortige Bürgermeister jetzt den Ansturm der Esoteriker und Verschwörungstheoretiker. Seit Tagen lässt er verlauten: „Ich richte einen Appell an die ganze Welt. Kommen Sie nicht nach Bugarach.“

Seifige Opern

Doch auch in Potsdam gibt es Rettung. Dort wird die tägliche Soap „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ gedreht, die seit mehr als 20 Jahren läuft. Das Gesetz der Vorabendserie besagt, dass nichts endet, noch nicht einmal das Universum. Denn das Geheimnis einer erfolgreichen Soap ist die fast schon penetrante Beständigkeit. „Auch wenn die Welt untergeht, in Babelsberg wird weitergedreht“, sagt die Soap-Dozentin Lena Filthuth. Eine Strategie, dem Weltuntergang zu entgehen, wäre also, ihn nach den Gesetzen einer täglichen Seifenoper außer Kraft zu setzen. Dort kennt man sich aus, wie man immer wieder neue Dramen durchlebt und trotzdem nie zu einem Ende kommt.

„Geschichte erzählen ist Konflikte erzählen“, sagt Filthuth. Eheleute stellen fest, dass sie Geschwister sind, Protagonisten sterben und tauchen ein paar Folgen später unversehrt wieder auf, Todfeinde werden zu Blutsbrüdern; Intrigen, Lügen, Enthüllungen – die Soap scheint keine Grenzen zu haben. Da lässt sich sicher auch ein Weltuntergang übertreffen.

Für eine gelungene Seifenoper sind etwa 20 Figuren nötig. Um über den Weltuntergang hinweg zu erzählen, muss schließlich genug Personal mit ausreichend Konfliktpotenzial da sein. Allerdings interessiert in der Soap das Globale nicht unbedingt, die Handlung ist auf wenige Drehorte beschränkt, dafür aber zeitlich unendlich ausgedehnt. „Die Autoren wollen am Anfang immer zehn Konflikte in einer Folge erzählen“, sagt Filthuth.

Aber das Geheimnis sei, eine Geschichte auszudehnen. „Holen Sie alles raus.“ Und: „Ein guter Konflikt muss ‚gemolken‘ werden.“ Einen Weltuntergang an einem Tag herunterzureißen widerspricht allen Regeln der Seifenoper und wäre ein Anfängerfehler. Insofern ist die Maya-Prophezeiung sehr amateurhaft. Aber man sollte nicht sauer auf die Maya sein, sie haben uns noch etwas viel Besseres als den Weltuntergang überliefert: die Schokolade. Dafür lohnt es sich doch, weiterzuexistieren.

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