Wirbelsturm „Sandy“

New Yorker auf der verzweifelten Suche nach Strom

Nur langsam normalisiert sich das Leben in New York: die Straßen verstopft, die U-Bahn oft noch immer dicht - und die Handy-Akkus leer.

Foto: Mark Lennihan / dapd

Wie Flüchtlinge um ein Lagerfeuer drängen sich ein paar Leute an einer Hausecke an der Third Avenue zusammen. Doch nicht um prasselnde Flammen schart sich das Häuflein, sondern um eine Steckerleiste – zum Aufladen der Handys. Seit Supersturm „Sandy“ Teile der Stadt ins Dunkel getaucht hat, sind viele New Yorker geradezu verzweifelt hinter einer funktionierenden Steckdose her.

In der Runde steht auch Patrick Dugan, der tatsächlich eine Telefonzelle benutzt hat, als er am Mittwoch auf der Suche nach Strom durch die Straßen stiefelte. „Was kostet ein Anruf aus einer Telefonzelle so?“, erkundigt sich Steve Breslawski, der seit beinahe einer Stunde seinem Mobiltelefon beim Laden zusieht. „Immer noch 25 Cent für ein Ortsgespräch, 75 Cent für ein Ferngespräch“, klärt ihn Dugan auf.

Findig und unverdrossen schlagen sich die meisten in der Weltstadt durch, in der derzeit weder Ampeln noch U-Bahn funktionieren. Viele Einwohner finsterer Viertel im Süden Manhattans, schlüpfen bei Freunden im Norden unter, wo die Elektrizitätsversorgung funktioniert. Andere bleiben bei Dosensuppe und Kerzenschein zuhause und streifen durch die Straßen auf der Suche nach einer Mahlzeit, einer Steckdose und einer warmen Dusche. Die Linie zwischen Licht und Finsternis verläuft manchmal mitten auf der Straße.

Chaos im Süden Manhattans

In den nördlichen Stadtteilen geht es recht normal zu, wenn auch gemächlicher und ruhiger mangels öffentlichen Nahverkehrs. Im Süden dagegen herrscht Chaos an den Straßenecken, wo die Leute vergebens nach einem Taxi winken. Ohne Ampeln oder Verkehrspolizisten leben Fußgänger auf den meisten Kreuzungen gefährlich.

Vor einem wasserspeienden Hydranten stehen Anwohner mit Eimern Schlange, auch die neunjährige Shiyin. „Bei uns im Haus gibt es kein Wasser“, erklärt die Kleine mit ihrem Plastikeimerchen. In einer Bäckerei gibt es kein Licht, aber Kuchen und Kekse vor der Tür.

In einem mit Taschenlampen und Kerzen erhellten Lädchen kauft Nancy Yates eine Dose Hühnernudelsuppe. Ihr Mietshaus ist weitgehend dunkel, doch der Hausmeister hat in jedem Stock Mehrfachsteckdosen ausgelegt, die an einem Generator hängen. „Die Gefriertruhe ist hinüber“, berichtet Yates. „Ich mache mir Sorgen wegen der kommenden Tage. Ich lebe allein.“ Ihre Nachbarin Norma Fontane, die sich ein Verlängerungskabel vom Hausflur zur Leselampe in die Wohnung gelegt hat, beruhigt: „Wir wohnen alle schon lange hier, wir kümmern uns schon um einander.“

Viele Supermärkte noch immer geschlossen

Nick Maenhout wohnt in einem Viertel ohne Stromausfall und hat Freunde einquartiert. Im Supermarkt holt er noch mehr Orangensaft und Hühnchen: „Damit etwas im Kühlschrank ist, falls noch Leute vorbeikommen und etwas zu essen haben wollen.“

Viele Supermärkte und Lokale sind noch geschlossen, aber wer Vorräte hat, teilt freigiebig. Vor der Kirche der Heiligen Apostel haben Ehrenamtliche Tische auf dem Gehweg aufgebaut und geben Tunfischsandwichs und Äpfel aus. Tische stehen auch vor einem Steakhaus; hier grillt Greg Sherry Sirloin-Steaks und Lammkoteletts für zehn Dollar (7,70 Euro) die Portion. „Das würde sonst weggeworfen. Also haben wir uns überlegt, wir machen die Tür auf und bekochen damit die Nachbarschaft“, erklärt Sherry. „Den New Yorkern etwas zurückgeben eben.“ Fast 700 Gäste kamen.