Wirbelsturm „Sandy“

New York auf dem langen Weg zur Normalität

Nach dem Abzug von „Sandy“ versuchen die New Yorker zum Alltag zurückzukehren. Doch das gelingt nur bedingt.

Nach den Zerstörungen durch den Supersturm „Sandy“ beginnt für New York der lange Weg zurück in die Normalität. Überflutete U-Bahn-Tunnel, massive Schäden am Stromnetz und verwüstete Straßenstriche machten deutlich, dass es noch Tage dauern wird, bis die Millionenmetropole wieder zu ihrer üblichen Hektik zurückkehren kann. Doch am Mittwoch begann für viele New Yorker wieder der Alltag.

Pendler fuhren am frühen Morgen mit Bussen durch die wegen des Stromausfalls immer noch dunklen und weitgehend leeren Straßen. Zur Rush Hour war der Verkehr bereits wieder dicht. Nach zwei Tagen Pause ging am Mittwoch auch der Handel an der New Yorker Börse weiter und auch der internationale Flughafen JFK war wieder geöffnet.

In Manhattan wurde die Stadtautobahnen wieder freigegeben und versank sofort wieder im üblichen Stau. Der 36 Stunden zuvor noch knietief mit Wasser bedeckte Franklin D Roosevelt Drive an der Ostseite der Insel war am Mittwochmorgen wieder auf allen sechs Spuren befahrbar. Auf den in Richtung Süden, also stadteinwärts, war die meiste Zeit zähflüssiger oder gar stockender Verkehr.

Außerdem kam erstmals seit Tagen wieder die Sonne zum Vorschein.

Doch anderswo ging es immer noch um die Rettung von Menschenleben. Suchmannschaften durchkämmten besonders schwer getroffene Gebiete wie den New Yorker Stadtteil Queens, wo ein Großbrand bis zu hundert Häuser zerstörte. Mindestens 55 Menschen kamen an der US-Atlantikküste durch den Wirbelsturm ums Leben, mehr als 8,2 Millionen waren zeitweise ohne Strom. Der wirtschaftliche Gesamtschaden wurde auf bis zu 50 Milliarden Dollar (38,7 Milliarden Euro) geschätzt.

„Wir werden durch die kommenden Tage kommen, indem wir das tun, was wir immer in schweren Zeiten machen“, sagte der New Yorker Bürgermeister Michael Bloomberg. „Indem wir zusammenstehen, Schulter an Schulter, bereit, unseren Nachbarn zu helfen, einen Fremden zu trösten und die Stadt, die wir lieben, wieder auf die Füße zu bringen.“

U-Bahn steht weiter still

Tatsächlich war dafür noch viel zu tun. Alle zehn U-Bahn-Tunnel unter dem East River waren überflutet und Bloomberg rechnete damit, dass es bis zum Wochenende dauern könnte, bis das U-Bahn-Netz, mit dem täglich fünf Millionen Menschen zur Arbeit oder in die Schule fahren, wieder in Betrieb ist. Allerdings konnten Inspektoren den genauen Schaden wegen des Hochwassers noch nicht begutachten.

Und auch der Stromversorger Consolidated Edison erwartet, dass die letzten seiner noch 337.000 vom Netz abgeschnittenen Kunden erst in einigen Tagen wieder Strom haben würden.

Präsident Barack Obama, der für New York und Long Island den Notstand ausgerufen hatte, wurde am Mittwoch im benachbarten New Jersey erwartet, wo „Sandy“ am Montag in der Nähe von Atlantic City auf Land getroffen war. Dort sollte er mit dem republikanischen Gouverneur Chris Christie zusammentreffen. Das Sturmtief zog inzwischen in Richtung Kanada weiter.

Obama sagte für den dritten Tag in Folge alle Wahlkampftermine ab, um sich um die Koordinierung der Aufräumarbeiten nach dem Sturm zu kümmern. Sein republikanischer Rivale Mitt Romney wollte seinen Wahlkampf am Mittwoch in Florida in vollem Umfang wieder aufnehmen.

Nach der zweitägigen Schließung der Wall Street wurde der Handel am Mittwoch wieder aufgenommen. Bürgermeister Michael Bloomberg läutete zum Jubel der Aktienhändler pünktlich um 9.30 Uhr (Ortszeit) die Glocke zum Handelsstart. Die New Yorker Börse startete mit einem Plus in den ersten Handelstag dieser Woche. Innerhalb der ersten Stunde legte der Dow-Jones-Index der 30 führenden Industriewerte um 18 Punkte zu. Der Index der Technologiebörse Nasdaq verlor hingegen 16 Zähler.

Ein Bild der Verwüstung in New Jersey

In New Jersey, wo der Sturm am Montagabend (Ortszeit) auf Land getroffen war, versuchten Einsatzkräfte Einwohner zu retten, nachdem dort eine Sturmflut zwei Städte unter Wasser gesetzt hatte. Mit schwerem Gerät kam die Nationalgarde am Dienstagabend in Hoboken an, wo Tausende in ihren Häusern festsaßen. Dort bot sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Stromleitungen hingen ins Wasser, aus den Kanälen drang das Abwasser nach oben. Über zwei Millionen Menschen waren in New Jersey immer noch ohne Strom.

Entwarnung kam derweil vom größten New Yorker Flughafen. Der Flugbetrieb am John F. Kennedy Airport sollte am Mittwoch mit Einschränkungen wieder aufgenommen werden. Auch am Newark International Airport in New Jersey sollten wieder Maschinen starten. Der zweite New Yorker Flughafen LaGuardia soll den Angaben zufolge weiterhin geschlossen bleiben. Fluggesellschaften mussten wegen „Sandy“ über 18.000 Flüge streichen.

Derweil rechnete der Informationsdienst IHS Global Insight im Nordosten der USA mit einem wirtschaftlichen Gesamtschaden von bis zu 50 Milliarden Dollar (38,7 Milliarden Euro) durch „Sandy“. Die direkten Schäden könnten sich auf rund 20 Milliarden Dollar belaufen, Gewinneinbußen auf bis zu 30 Milliarden Dollar. Nach Auffassung von Ökonomen dürfte der Sturm der Volkswirtschaft der USA langfristig allerdings keinen weiteren Schaden zufügen.