NRW

Arbeitsloser ersticht Mitarbeiterin eines Jobcenters

Ein 52-Jähriger hat im Jobcenter in Neuss seine Betreuerin getötet. Nun wird wieder über Sicherheit in Behörden diskutiert.

Es war um kurz vor 9 Uhr am Mittwochmorgen, als ein 52 Jahre alter Mann aus Neuss das Gebäude 4b des Bürocenters an der Stresemannallee betrat. Sein Ziel war die vierte Etage, in der sich eine der vier Zweigstellen des Jobcenters Rhein-Kreis Neuss befindet. Obwohl er keinen Termin hatte, marschierte er in das Büro seiner Sachbearbeiterin. Was sich hinter der verschlossenen Tür abspielte, muss nun die Kriminalpolizei klären. Bekannt ist bislang nur, dass es zu einem Streit zwischen der 32 Jahre alten Jobcenter-Mitarbeiterin aus Düsseldorf und dem 52-Jährigen kam, in dessen Verlauf der Mann ein Messer zückte und die Frau niederstach.

Mit schweren Verletzungen sackte die Frau zusammen und verstarb wenig später im Krankenhaus. Sie hinterlässt ihren Ehemann und ein kleines Kind. Der mutmaßliche Täter wurde in der Nähe der Einrichtung festgenommen, er leistete keinen Widerstand. „Er wird nach den ersten Vernehmungen dem Haftrichter vorgeführt werden“, sagte Britta Zur von der Staatsanwaltschaft Düsseldorf.

Der Mann hatte an dem Programm „Perspektive 50plus“ des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales teilgenommen, das ältere Menschen zurück in ein Beschäftigungsverhältnis führen soll. Offenbar war der Tatverdächtige bereits seit längerer Zeit auf der Suche nach einem neuen Job. Ob er seine Sachbearbeiterin, die seit 2008 in dem Neusser Jobcenter beschäftigt war, aus Frust oder Existenzangst niederstach, ist unklar. „Zum Motiv können wir noch nichts sagen“, so Staatsanwältin Zur. Erst am Donnerstag sollen weitere Einzelheiten bekannt gegeben werden.

Getötete arbeitete in einem Einzelbüro

Die Tatsache, dass die Getötete in einem Einzelbüro arbeitete, macht die Arbeit für die Ermittler schwierig. „Es gibt keine direkten Tatzeugen. Allerdings befanden sich Kollegen und Kolleginnen des Opfers auf demselben Flur. Eine dieser Personen hat auch den Notruf getätigt. Anfangs hieß es nur, dass jemand bedroht wird“, sagte Staatsanwältin Zur. Die Kollegen der Getöteten wurden nach der Tat von Polizisten vernommen. 15 Personen hatten einen Schock erlitten und mussten von Notärzten und Notfallseelsorgern betreut werden.

Die Situation muss sehr schnell eskaliert sein, da die Frau nicht einmal mehr dazu kam, einen der beiden Alarmknöpfe unter ihrer Computertastatur zu drücken. „Die Technik haben wir für alle Mitarbeiter installiert, damit diese reagieren können, wenn sie sich bedroht fühlen“, erklärte Wendeline Gilles, die Geschäftsführerin des Jobcenters.

Außerdem organisiere das Jobcenter in Zusammenarbeit mit der Polizei regelmäßig Schulungen, in denen die Mitarbeiter lernen, wie Eskalationen durch Kommunikation vermieden werden können, erklärte Gilles. An einem solchen Training hatte die Getötete noch einen Tag vor der Tat teilgenommen.

Nun wird wieder über die Sicherheit von Behördenmitarbeitern diskutiert – auch weil der Angriff in Neuss kein Einzelfall ist. Zuletzt zündete ein 41 Jahre alter Arbeitsloser im August 2011 in einem Berliner Jobcenter einen Brandsatz. Drei Monate zuvor hatte eine 39-Jährige in einer Frankfurter Einrichtung randaliert und mit einem Messer einen Polizisten verletzt. Dessen Kollegin feuerte einen Schuss aus ihrer Dienstwaffe ab und traf die Frau tödlich. Im April 2011 hatte ein 34-Jähriger in einem Berliner Jobcenter mit einer Axt das Büro einer Sachbearbeiterin beschädigt.

Freier Zugang in Berliner Ämtern

Wie in anderen Bundesländern haben die Bürger freien Zugang zu den insgesamt zwölf Jobcentern in Berlin. In der Hauptstadt beziehen knapp 580.000 Menschen in mehr als 300.000 Bedarfsgemeinschaften Hartz-IV-Leistungen. Zum Schutz der Mitarbeiter wird meist im Eingangsbereich Wachpersonal eingesetzt. Darüber hinaus haben die Sachbearbeiter die Möglichkeit, über eine Tastenkombination an ihrem Computer einen Alarm auszulösen, wenn sich ein Kunde bedrohlich verhält. Auf den Bildschirmen der Kollegen erscheint dann automatisch eine entsprechende Meldung, damit sie dem gefährdeten Mitarbeiter in seinem Büro aufsuchen und helfen können.

Grundsätzlich sind die Sachbearbeiter mit ihren Kunden alleine im Büro. Andreas Ebeling von der Arbeitsagentur Mitte sieht keine Möglichkeit, die vorhandenen Sicherheitsvorkehrungen zu verschärfen. „Wir sind eine offene Behörde, in der die Mitarbeiter eine Vertrauensbasis schaffen müssen.“ Dies sei nicht möglich, wenn man sie hinter Panzerglas verschanze. Körperliche Übergriffe seien in den Jobcentern in Mitte die absolute Ausnahme. Verbale Attacken gebe es dagegen regelmäßig.