Ex-First-Lady

Bettina Wulffs Buch - Das PR-Desaster einer PR-Expertin

| Lesedauer: 9 Minuten
Ulrich Exner und Heike Vowinkel

Bettina Wulff spricht in ihrer Lieblingskneipe über Zufälle, Gerüchte, Dementis - und zieht das Interview urplötzlich zurück.

Wir treffen uns in ihrem Lieblingscafé, gleich hinter Hannovers Opernhaus. Sie hat den Ort ausgesucht. Der Barkeeper duzt sie und stellt auch gleich ein paar Hocker zwischen den Gastraum vorn und die Lounge hinten. Weiße Ledersofas zum Rumlümmeln, am Kopfende ein Aquarium mit einem Hirschkopf oben drüber. Den hat Jägermeister spendiert; vermutlich kann man nachts ganz gut und ungeniert abstürzen hier im "Café HeimW". Aber davon kann jetzt natürlich keine Rede sein, mittags um zwölf.

Der Fotograf schießt schon mal ein paar Probefotos. Wir warten. 20 Minuten. Hat sie es sich vielleicht anders überlegt? Und dann kommt sie endlich – mit einer halben Stunde Verspätung: Bettina Wulff. Jeans, beige Bluse, noch ein bisschen schlanker, als man sie aus ihrer Zeit als First Lady in Erinnerung hat. Jovial, aufgeräumt, allein. Kein Berater, kein Sprecher, auch keine Verlagsaufpasserin an ihrer Seite. Man fragt sich gleich wieder, ob das nun unprofessionell ist oder ein bisschen naiv. Oder doch einfach nur ziemlich stark, selbstbewusst und unverstellt, wie die kleiner werdende Fanschar Bettina Wulff gern beschreibt.

Andererseits: Rausgehen aus dem Café, mit Fotograf, Scheinwerfer und Kamera, will sie dann doch nicht. Noch mehr Blicke, Getuschel, Sprüche mag sie sich nicht antun. Also bleiben wir lieber drin. Sprechen mit einer 38-jährigen Mutter von zwei Kindern über die vergangenen zweieinhalb Jahre, in denen sie aus den Niederungen der niedersächsischen Provinz einmal an die Spitze der Republik und wieder zurück katapultiert wurde. Im Zeitraffer von Rossmanns Drogeriewarenladen über "Bild" und Bellevue zurück ins "Café HeimW", Hannover, Theaterstraße, Jägermeister-Kopf.

Make-up dick aufgetragen

Ja, sagt sie, ihrer Haut, die so etwas wie ein Stress- und Unglücksseismograf gewesen ist in den vergangenen Monaten, der gehe es jetzt wieder etwas besser. Das Make-up ist dick aufgetragen, so richtig gut scheint es ihr dann auch nicht zu gehen.

Man versucht sich ein bisschen ranzutasten, durchzudringen durch diese Mischung aus Unbedarftheit und Unschuldigkeit, mit der Bettina Wulff in diesen Tagen durch die Medien marschiert ist, um ihre Sicht der Dinge darzulegen. Das ist ja nicht ganz leicht angesichts des Meinungsorkans, den sie mit Google-Klage, Gerüchtedementi und Buchveröffentlichung ausgelöst hat. Ungewollt natürlich, sagt sie und schwört gleich Stein auf Bein, dass die zeitliche Koinzidenz zwischen juristischer und publizistischer Attacke reiner Zufall sei. Und nicht jenes eiskalte Kalkül, das ihr jetzt alle unterstellen, die pure Geschäftemacherei.

Das ist ja ohnehin so ein Drama im Drama. Dass alle möglichen Leute, alle möglichen Medien ihr in dieser Woche schon wieder Dinge unterschieben, die sie später weit von sich weist. Interpretationen, Halbwahrheiten, unautorisierte Gesprächsfetzen, so nennt sie das. Bettina Wulff ist nicht nur im "Café HeimW" allein unterwegs gewesen; ihr fehlte auch im Vorfeld der Buchveröffentlichung eine einigermaßen professionelle Begleitung. Anders sind die chaotischen Begleitumstände, das Trommelfeuer an Agenturmeldungen, die Vielzahl an sogenannten Exklusivinterviews nicht zu erklären. "Jenseits des Protokolls", das ist auch das PR-Desaster einer PR-Expertin.

Eine gemeinsame Zukunft

Also, neuer Versuch: Nein, sagt Bettina Wulff, sie habe ihren Mann mit "Jenseits des Protokolls" nicht am Nasenring durch die Manege führen wollen, wie es ihr einige Kritiker jetzt vorwerfen. Das entspreche nicht im Geringsten ihrer Intention, auch nicht dem Inhalt ihres Buches, sondern entspringe der Fantasie von Journalisten, die einzelne Halbsätze des Buches aus dem Kontext gerissen und zu einem neuen Ganzen zusammengesetzt hätten. Er liebe sie "abgöttisch", wird er zitiert. Sie stelle sich lieber etwas weiter weg. Man gewinnt den Eindruck, Bettina Wulff findet das, was jetzt mit ihr passiert, sei so etwas wie ein zweiter Rufmord.

Das Gegenteil dessen, was berichtet wird, ist aus ihrer Sicht richtig: Einvernehmen. Christian Wulff habe viele Kapitel als Erster gegengelesen. Er habe jeden Schritt der Buchveröffentlichung verfolgt und gutgeheißen, auch wenn dieses Buch in erster Linie natürlich ihr Buch, ihr Projekt sei, ihre Art, das Vergangene aufzuarbeiten. Aber ihr Mann habe diesen Prozess nun mal konstruktiv begleitet. Und im Übrigen plane man, damit das ganz klar ist, eine gemeinsame Zukunft. Auch das ist ein Konter. Ein Gegenangriff auf jene weiteren Gerüchtefetzen, die ihr und ihrer Familie jetzt schon wieder um die Ohren fliegen und nach denen ihre Ehe bedroht, wenn nicht schon ganz und gar am Ende sei. Bettina Wulffs kämpferischer Solo-Auftritt im "Café HeimW" ist ein ebenso starkes Dementi dieser Endzeiterzählungen wie das gemeinsame Auftreten des Ehepaares Wulff bei Peter Maffays Duderstädter Kinderprojekt in der vergangenen Woche. Ein klares Bekenntnis zu ihm, bei dem man sich automatisch fragt, warum es eigentlich schon wieder so viele gibt, die ihr das partout nicht abnehmen.

„Tagebuch eines Teenies”

Bettina Wulff versucht sich in ihrer Antwort auf diese Frage an einer Erklärung, die viel mit ihrem Aussehen zu tun hat, mit ihrer Haarfarbe, auch mit der Unbeschwertheit, mit der sie seit je versucht, durch das Leben zu rauschen. Ohne Berater, ohne Einflüsterer, ohne Umwege. Auch ohne Hintertüren. Einfach so. Das habe schon in der Schule dazu geführt, das ihr alles Mögliche hinterhergetuschelt wurde, weit jenseits von Gut und Böse, aber nicht der Wirklichkeit, ihrer Wirklichkeit, entsprechend.

Als "Tagebuch eines Teenies" hat ZDF-Moderator Wulf Schmiese Bettina Wulffs Buch in seiner Rezension tituliert. Das passt. Aber ist das am Ende tatsächlich vorwerfbar? Darf nur First Lady werden, wer entweder einen Harvard-Abschluss hat oder aber gar nichts zu sagen hat? Darf nur Bücher schreiben über das Leben in Bellevue, wer vorher zehn Semester Staatsrecht studiert hat? Und wenn dann alles so den Bach runtergeht mit allem Drum und Dran – muss man dann dauerhaft schweigen als ehemalige First Lady?

Es ist zumindest erlaubt, diese Fragen mit Nein zu beantworten, weiter auf Ungestüm zu setzen. Auf Bücher, Interviews, Talkshows, mit denen man versucht, das Geschehene zu verarbeiten und dem Gerücht die eigene Sicht der Dinge entgegenzusetzen. Auf Anwälte, die versuchen, der Diffamierungsmaschine Internet wenigstens ein Minimum von Anstand zu implementieren. Auf öffentliche Lautstärke, wenn man fürchtet, anders nicht gehört zu werden. Man darf das.

Man muss allerdings darauf gefasst sein, dass fiese Häme, berechtigte Kritik und stete Besserwisserei einem dabei über die Schulter schauen. Und dass es mit der Zeit immer schwieriger wird, den frommen Wunsch von der ernüchternden Wirklichkeit zu unterscheiden. Christian Wulffs Bundespräsidentschaft wird keine Erfolgsgeschichte mehr. Und wenn die Beteiligten 150 Bücher schreiben.

Keine politische Bewertung

Bettina Wulff mag nicht urteilen über die Amtszeit ihres Mannes, die unter dem Strich ein Desaster war. Für die Familie Wulff, für den CDU-Politiker Wulff, für die Bundeskanzlerin. Wenn man auf diese Dinge zu sprechen kommt, macht die frühere First Lady die Schotten sofort dicht. Die politische Bewertung möge man doch bitte bei ihrem Mann abfragen, wenn der sich denn eines schönen Tages wieder einlasse. Nach der "Befreiung", die sich die Wulffs von jenem Tag erhoffen, an dem das Ermittlungsverfahren gegen den früheren niedersächsischen Ministerpräsidenten eingestellt wird. Wenn es denn eingestellt wird. Eine Entscheidung darüber soll im Laufe des Herbstes fallen.

Es kommt dann auch nicht mehr viel. Bettina Wulff hat gesagt, was zu sagen war. Sie hat sich achtbar geschlagen im Angesicht der Bösen, die wir Journalisten für sie nach alledem natürlich auch sind. Sie hat noch gesagt, dass man sie selbst mit Sicherheit nicht eines Tages in der Politik wiedersehen werde.

Dann hat Bettina Wulff sich verabschiedet, jovial, freundlich, allein. Man weiß am Ende immer noch nicht so ganz, ob dieser Solo-Auftritt nun naiv war oder einfach nur tapfer. Sie hat die Handtasche genommen, Ton in Ton zur Bluse, hat ihren Kaffee bezahlt an der Bar und ist gegangen, etwas unsicherer vielleicht, als sie gekommen ist. Ob das wohl ein gutes Interview war oder ein schlechtes? Man weiß das ja immer nicht auf Anhieb. Sie wolle das Interview freigeben bis zum nächsten Abend, versprochen.

Aber dann ist sie doch noch umgefallen. Einen Tag nach dem Gespräch ruft Bettina Wulffs Verleger in der Redaktion an. Sie ziehe das Interview zurück. Zur Begründung verweist er auf das negative Presseecho der vergangenen Tage.

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