Fahndung

Neuss unter Schock - Das Ende einer Familie

Fellah S. soll seine Frau und seine beiden Kinder in Neuss erschossen haben. Die Polizei fahndet nach dem bewaffneten Ehemann.

Vor dem Acht-Parteien-Haus erinnern Blumen und brennende Kerzen an das Familiendrama, das sich am Montagabend in der Neusser Nordstadt ereignet hat. „Warum?“ steht auf einem bemalten Bild, ein aufgeklebter Zettel gedenkt der getöteten Saskia S. (26) und ihrer beiden Kinder Samara (8) und Ismail (4): „Ihr werdet in unseren Herzen bleiben. Wir hoffen, ihr findet jetzt euren Frieden.“

Friedlich sei es in der Vierzimmerwohnung im ersten Stock nur selten zugegangen, berichtet eine junge Frau aus der Nachbarschaft, die häufiger in dem Haus zu Besuch war. „Der Mann hat seine Frau angeschrien und auch geschlagen.“

Mehrfach sei die Polizei geholt worden, auch das Jugendamt habe jemanden geschickt. Offenbar hatte der aus dem Irak stammende Fellah S. seine Frau beschuldigt, ein Verhältnis mit einem gleichfalls im Haus lebenden türkischen Familienvater gehabt zu haben. Der sei schließlich weggezogen, nachdem Fellah S. gedroht habe, ihn zu erschießen. „Man hätte viel früher eingreifen sollen“, sagt die junge Frau.

„Seine eigenen Kinder erschießen – wie kann man so etwas tun?“

Zum Ehemann der erschossenen Frau heißt es aus der Nachbarschaft, er habe in einem Imbiss am Neusser Hauptbahnhof gearbeitet. Laut einem älteren türkischen Mann nahm Fellah S. Tabletten gegen Depressionen, auch von Drogen und Besuchen in Spielhallen sei in der Nachbarschaft die Rede gewesen. „Aber das weiß ich nicht genau, das hat man mir erzählt.“

Wenn man Probleme mit seiner Frau habe, könne man sich ja trennen. „Aber seine eigenen Kinder erschießen – wie kann man so etwas tun?“ Obwohl das Haus an der stark befahrenen Kaarster Straße einen etwas ungepflegten Eindruck macht, gilt die Neusser Nordstadt nicht als sozialer Brennpunkt. Gleich gegenüber steht ein China-Restaurant namens „Neu-Shanghai“, auf einem kleinen Platz findet gerade ein Wochenmarkt statt.

Das Haus, in dem die Leichen gefunden wurden, gehört Anwohnern zufolge dem Neusser Bauverein. Die Wohnungen seien begehrt und würden nur an Familien mit Kindern vergeben. „Eigentlich kann man hier gut leben“, sagt eine 25-Jährige, die die Blumen und Kerzen am Tatort betrachtet. Auch sie kannte das Opfer und die Kinder vom Sehen. „Sie tat mir leid. Sie war eine typische unterdrückte Frau, die geschlagen wird.“

Haftbefehl wegen dreifachen Totschlags gegen Fellah S.

Am Nachmittag wurden auf einer Pressekonferenz in Neuss die ersten Ermittlungsergebnisse mitgeteilt. Laut Staatsanwalt Christoph Kumpa ist ein Haftbefehl wegen dreifachen Totschlags gegen Fellah S. erlassen worden. Die Ermittlungen könnten auch auf den Vorwurf des Mordes erweitert werden, so Kumpa. Da am Tatort keine Waffe gefunden wurde, gehen die Ermittler davon aus, dass der Mann noch bewaffnet ist.

Für Hinweise zur Ergreifung des 35-Jährigen wurde eine Belohnung von 1500 Euro ausgesetzt. Fellah S. sei zwar bereits wegen häuslicher Gewalt und Körperverletzung gegen Dritte aktenkundig geworden, sagte der Leiter der Mordkommission, Guido Adler. Als ausgewiesener Gewalttäter sei er aber nicht einzustufen.

Die Delikte seien „an der unteren Schwelle“ gewesen. Die Kinder habe er nicht geschlagen. Das Jugendamt war eingeschaltet, weil sich die Eltern mehrfach trennen wollten. Zuletzt lebte der Mann der Polizei zufolge wieder in der Wohnung.

Häusliche Gewalt lange bekannt gewesen

Es gibt Hinweise auf eine Auseinandersetzung am Tag vor der Tat. Das Paar war etwa acht Jahre zusammen. Seit zwei Jahren sei die häusliche Gewalt bekannt gewesen, hieß es. Den Ermittlern habe sich am Tatort des Familiendramas ein Bild geboten, wie er selbst es in seiner 16-jährigen Karriere noch nicht erlebt habe, sagte der Hauptkommissar.

Nach Angaben der Ermittler war die Polizei am Montagabend von Verwandten gerufen worden, nachdem diesen bei einem Besuch trotz Radio- oder Fernsehgeräuschen nicht geöffnet worden war. Die Beamten hätten zunächst keine Hinweise auf ein Gewaltverbrechen gehabt und deshalb den Schlüsseldienst gerufen, um die Tür öffnen zu lassen.

Der ermittelnde Staatsanwalt Kumpa sieht das Motiv für die Bluttat in den schon länger andauernden Auseinandersetzungen über eine Trennung des Paares. In den vergangenen Wochen hatten mehrere Familiendramen für Aufsehen gesorgt, darunter drei in Nordrhein-Westfalen. Anfang August waren in Dortmund nach einem Wohnungsbrand zwei tote Kinder entdeckt worden, ein drittes starb im Krankenhaus.

Die Ermittler gehen davon aus, dass die 29-jährige Freundin des Vaters die beiden Jungen und das Mädchen getötet hat. Knapp eine Woche später hatte ein 27 Jahre alter Mann in Oberhausen einen achtjährigen Jungen mit einem Messer erstochen. Zwei Tage später kam in Essen ein siebenjähriges Mädchen um – seine Mutter soll zuerst das Mädchen und dann sich selbst getötet haben. „Gewalt ist in der Regel ein Beziehungsdelikt“, sagt der Kriminologe Andreas Ruch von der Ruhruni Bochum.