Aufruhr

Schwere Jugendkrawalle erschüttern Norden Frankreichs

Eine Polizeikontrolle hat in der Stadt Amiens zu den schwersten Ausschreitungen seit Jahren geführt. 16 Polizisten wurden verletzt.

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Rund 100 Tage nach Amtsantritt von Frankreichs neuem Präsidenten Francois Hollande schockiert ein Deja-vu der schweren Jugendkrawalle vergangener Jahre das Land. Der in vielen Vororten französischer Städte schwelende Konflikt mit der Polizei eskalierte in der Nacht zum Dienstag in Amiens im Norden des Landes. Dort zündeten etwa 100 Jugendliche Autos an und schossen auf Polizisten. Den Behörden zufolge wurden 16 Beamte verletzt, einer von ihnen schwer. Der Sozialist Hollande entsandte seinen Innenminister nach Amiens und kündigte an, mit allen Mitteln für Ruhe und Ordnung zu sorgen. 2005 hatte die konservative Vorgängerregierung angesichts besonders schwerer Ausschreitungen den Ausnahmezustand verhängt.

Beamte wurden durch Schrotkugeln verletzt

Auslöser der jüngsten Zusammenstöße war offenbar die Verärgerung der Bewohner über Polizeikontrollen. Einige Beamte wurden durch Schrotkugeln verletzt, wie die Behörden weiter mitteilten. Die Randalierer hätten zum Teil Autofahrer aus ihren Fahrzeugen gezerrt und die Autos dann in Brand gesetzt. Schon in der Nacht zuvor hatte es Krawalle gegeben. Zunächst wurde niemand festgenommen. Die Regierung verstärkte die Polizeikräfte.

In dem Viertel im Norden von Amiens kommt es regelmäßig zu Zwischenfällen, doch die Zusammenstöße seien „noch nie so schwerwiegend gewesen“, fügte die Präfektur hinzu. Drei öffentliche Gebäude seien teils zerstört worden, darunter eine Vorschule, die nach Angaben der Stadt teilweise ausbrannte. Ein Sportzentrum sei völlig demoliert worden. Zudem wurden rund ein Dutzend Fahrzeuge und etwa 60 Mülleimer angezündet und die Scheiben einer Polizeistelle zerschlagen.

Der Bürgermeister von Amiens, Gilles Demailly, sprach von „trostlosen Szenen“. Die Schäden bezifferte er auf „Millionen Euro“. Er habe seit Monaten um Unterstützung gebeten, weil die Spannungen in dem Viertel gewachsen seien.

Hollande schickte Innenminister Manuel Valls in die Region. Für den Präsidenten gelten die Ausschreitungen als die erste Bewährungsprobe im Bereich der inneren Sicherheit, wo sich sein konservativer Vorgänger Nicolas Sarkozy mit seiner Politik der harten Hand nicht nur Freunde gemacht hatte.

Hollande will Etat für Polizei aufstocken

Hollande kündigte an, im Kampf gegen die Gewalt sämtliche Mittel zu mobilisieren. Konkret bedeute dies, dass im kommenden Haushalt zusätzliche Gelder für die Polizei eingeplant würden. „Die Gewalt gegenüber der Polizei, die ausgebrannten Gebäude und die Menschen in Angst sind inakzeptabel“, sagte Hollande. Der bei den Präsidentenwahlen im Mai über Sarkozy siegreiche Hollande hat mit einer Wirtschaft am Rande der Rezession, leeren Staatskassen und hoher Arbeitslosigkeit zu kämpfen.

Von der Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt besonders stark betroffen sind die Jugendlichen in den heruntergekommenen Vororten mehrerer Städte Frankreichs. Die Wut der Bewohner speist sich zudem aus einem Gefühl der Entfremdung von der übrigen Gesellschaft und dem latenten Dauer-Konflikt mit der Polizei. Die schwersten Krawalle gab es bisher 2005. Wegen der über Wochen anhaltenden Gewalt rief die Regierung damals den Notstand aus. Eine Debatte über die sozialen Brennpunkte in den Vororten und die Integration von Immigranten vor allem aus Afrika begann. Auch 2007 und 2010 gab es größere Zusammenstöße.