Erster Gerichtstermin

Kino-Amokläufer verweigert jegliche Aussage

Amerika steht noch immer unter dem Schock des Kino-Amoklaufs. Bis das Tatmotiv klar ist, könnten Monate vergehen: Holmes schweigt.

Foto: REUTERS

Amerika steht immer noch unter Schock und rätselt: Warum? Was hat den jungen Mann dazu veranlasst, sich in eine bis hoch zum Kinn gepanzerte, urböse Ein-Mann-Privatarmee zu verwandeln, die in einem Kinosaal wild um sich schießt, zwölf Menschen ermordet und 58 Leute verletzt? Seine Mitarbeiter sagen, der junge Mann habe nie geisteskrank gewirkt; auch habe er nie Neigungen zur Gewalttätigkeit gezeigt. Aber warum hat seine Mutter dann sofort gesagt „Sie haben den Richtigen“, als sie am Telefon von der Bluttat erfuhr? Der 24-jährige James Eagan Holmes sitzt mittlerweile in Einzelhaft – um ihn vor den anderen Häftlingen zu schützen.

Batman-Maske in der Wohnung

Sein Termin bei William Sylvester, dem Haftrichter, der für den Landkreis Arapahoe zuständig ist, dauerte nur kurz. Dabei trug Holmes rote Gefängniskleidung und orange gefärbte Haare, er war an Händen und Füßen gefesselt. Er wirkte wie weggetreten, seine Augen rollten hin und her, der Kopf drohte ihm wegzusacken. Beim Aufstehen musste ihn seine Pflichtverteidigerin stützen. Er verweigerte jegliche Aussage, ließ die Anwältin für sich sprechen. Der Richter verfügte, dass er in Untersuchungshaft bleiben muss und keinen Kontakt zu Zeugen und Opfern haben darf. Nach Angaben der Behörden verweigert der Verdächtige bislang jede Zusammenarbeit. Bis das Tatmotiv klar ist, könnten daher Monate vergehen. Die Ermittler fanden in der mit Sprengfallen gesicherten Wohnung des 24-Jährigen eine „Batman“-Maske.

Sturmgewehr hatte Landehemmung

Wie mehrere US-Zeitungen berichteten, hätte das Massaker noch schlimmer ausgehen können. Das Sturmgewehr, mit dem der Täter um sich geschossen hatte, habe eine Ladehemmung gehabt. Dabei gehe es um eine halbautomatische Waffe, die 50 bis 60 Schüsse pro Minute abfeuern könne, hieß es unter Berufung auf namentlich nicht genannte Justiz-Mitarbeiter. Holmes habe rund 6000 Schuss Munition, das Trommelmagazin für 100 Patronen sowie eine schusssichere Weste vor wenigen Wochen im Internet bestellt, berichtete unter anderem die „New York Times“.

Die Anklage gegen ihn soll nächsten Montag erhoben werden. Bis der Prozess eröffnet werde, könne bis zu einem Jahr dauern, sagte die Staatsanwältin Carol Chambers. Es wird allgemein erwartet, dass sein Anwalt im Prozess auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädieren wird.

In Europa kennt man diese Frage von Anders Breivik, dem Massenmörder aus Norwegen; zwei Gutachter haben ihm Unzurechnungsfähigkeit attestiert. Dabei hatte Anders Breivik ein politisches Programm, er hasste Muslime und Linke. Bei James Holmes ist ein solches politisches Programm nicht zu erkennen.

Erklärung der Geisteskrankheit unwahrscheinlich

Er scheint sich für den „Joker“ zu halten, den Bösewicht, der mit teuflischen Plänen gegen Batman antritt (aber auch das ist nicht sicher). Trotzdem ist sehr unwahrscheinlich, dass James Holmes - sollte er bei diesen Aussagen bleiben - für geisteskrank erklärt wird. Im Bundesstaat Colorado gilt die sogenannte McNaghten-Regel; sie heißt so nach Daniel McNaghten, der 1843 versuchte, den damaligen britischen Premierminister Robert Peel zu erschießen.

Die McNaghten-Regel setzt fest, dass ein Angeklagter nur dann auf geistige Unzurechnungsfähigkeit plädieren kann, wenn er im Moment der Tat nicht wusste, was er tat – oder wenn er nicht wusste, dass das, was er tat, verwerflich war. In Colorado wird diese Regel noch durch eine zweite verschärft und ergänzt: den „Test des unwiderstehlichen Drangs“. Der Angeklagte muss glaubhaft machen, dass er im Moment der Tat der Ansicht war, er könne nicht anders, auch beim besten Willen nicht.

Fall Holmes und die Todesstrafe in Colorado

James Holmes hat seine Tat aber offenbar von langer Hand geplant. Er hat seine Waffen und seine Rüstung planmäßig im Internet zusammengekauft und seine Wohnung mit Sprengfallen ausgestattet. Der Verteidigung dürfte also schwerfallen, einer Jury glaubhaft zu machen, es habe sich hier um die Tat eines Geistesgestörten gehandelt.

Eine andere Frage lautet: Droht James Eagan Holmes die Todesstrafe? In Amerika ist es Sache der Bundesstaaten, ob es diese Form der Bestrafung gibt oder nicht. Ob es dazu komme, hängt vom Einverständnis der Opferfamilien ab. Die Todesstrafe muss innerhalb von 60 Tagen nach der Anklageerhebung beantragt werden. Colorado behält sich die Möglichkeit vor, Mörder hinzurichten, hat aber seit den späten Siebzigerjahren nur einen einzigen Menschen exekutiert und gehört damit zu jenen Bundesstaaten, in denen die Todesstrafe nur noch auf dem Papier steht, eigentlich aber nicht mehr angewandt wird. Craig Silverman, der früher in Denver als Staatsanwalt tätig war, sagte, in diesem Fall seien alle Elemente versammelt, die die Todesstrafe erfordern: Der Mord war geplant, es gab viele Opfer, und unter den Opfern befand sich ein Kind. „Wenn James Holmes nicht hingerichtet wird, kann Colorado sein Gesetz über die Todesstrafe in den Papierkorb werfen“, sagte Silverman.

Obama blieb länger als geplant

Ein weiterer Hinweis, dass Holmes die Todesstrafe droht, ist, dass seinen Fall wohl Staatsanwältin Carol Chambers übernehmen wird; zwei der drei Todeskandidaten, die derzeit im Gefängnis auf ihre Hinrichtung warten, sitzen ihretwegen dort. Allerdings muss in Wahrheit eben keiner jener drei Todeskandidaten die Hinrichtung fürchten. Es kann also sein, dass James Holmes zum Tode verurteilt wird und dann einfach lebenslänglich im Gefängnis sitzt. Es kann aber auch sein, dass man seinetwegen eine Ausnahme macht. Unterdessen hat John Hickenlooper, der Gouverneur von Colorado, in einer Ansprache gesagt: „Ich weigere mich, seinen Namen auszusprechen – für mich ist er nur ‚der Verdächtige A'.“ Damit traf er genau die Stimmung, die derzeit in Colorado herrscht: Trauer, aber auch eine Prise Trotz.

Auch Präsident Barack Obama nannte in einer Fernsehansprache den Namen des Mörders nicht. Mehr als zwei Stunden lang besuchte er die Verwundeten, die Familien der Opfer – eigentlich war nur ein Besuch von einer Stunde geplant. Der Stab des Präsidenten versuchte immer wieder, ihn zum Gehen zu drängen. Mitt Romney, der Präsidentschaftskandidat der Republikaner, hat unterdessen seine Angriffe auf Barack Obama eingestellt. Im Augenblick der Tragödie macht der Wahlkampf Pause.

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