Kino-Massaker

Amokläufer von Aurora im Gefängnis kaum zu bändigen

Der mutmaßliche Täter James Holmes soll einem Richter vorgeführt werden. Im Gefängnis führe er sich wie ein Schauspieler auf, heißt es.

Der Massenmörder in Aurora (Colorado) wollte nicht nur die Besucher der mitternächtlichen Vorführung des „Batman“-Filmes töten. Bevor der 24-Jährige zu seinem penibel geplanten Massaker aufbrach, hatte er sein wenige Blocks entferntes Appartement in eine gefährliche Falle umfunktioniert, die offenkundig Nachbarn anlocken und töten sollte.

Präsident Barack Obama steuerte am Sonntag Colorado an (er wird dort gegen Mitternacht MESZ erwartet), um dort mit Angehörigen von Opfern und mit Überlebenden eines der schlimmsten Amokläufe in der Geschichte der USA zu sprechen. In seiner wöchentlichen Radioansprache hatte er am Sonnabend von einer „bösen“ Tat gesprochen, und versichert, „alle möglichen Schritte“ zu ergreifen, um die Sicherheit der US-Bürger zu garantieren.

Zu Forderungen nach schärferen Waffengesetzen äußerte er sich vorerst aber nicht. New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg, der als entschiedener Waffengegner bekannt ist, hatte Obama und den republikanischen Präsidentschaftsbewerber Mitt Romney aufgefordert, sich in der Debatte zu positionieren. Beide Politiker hatten kurz nach dem Amoklauf ihren Wahlkampf ausgesetzt.

Unterdessen wurden weitere Details der Tat bekannt. Zudem veröffentlichten die Behörden die Namen aller zwölf Toten. 58 Menschen wurden verletzt. Nach Angaben von CNN lagen 26 von ihnen auch am Sonntag in Krankenhäusern.

Sechsjähriges Mädchen stirbt

Das jüngste Opfer ist die sechsjährige Veronica. Das „großartige kleine Mädchen, gerade ins Leben hinausgegangen“, wie ihre Großtante Annie Dalton sagt, hatte das Kino zusammen mit ihrer Mutter Ashley Moser besucht. Die 25-Jährige wurde durch Kugeln in den Nacken und den Magen schwer verletzt. Sie liegt im Krankenhaus und fragte immer wieder nach ihrer Tochter. Wegen ihres kritischen Zustandes wurde ihr die schlimme Nachricht zunächst vorenthalten. Erst am Sonntag erfuhr die Frau, dass ihre Tochter getötet wurde.

Bei einer Totenwache von Opferangehörigen und Anwohnern am Wochenende gegenüber dem Kinos wurde auf selbst gefertigten Plakaten vielfach an Veronicas Schicksal erinnert. Das Kind wurde zu einem zweiten Gesicht der Tragödie, neben Jessica Ghawi.

Die 24 Jahre alte Sportjournalistin, die mit einem Freund das Kino besucht hatte, war erst am 2. Juni um ein Haar in eine Schießerei mit Toten und Verletzten in einem Einkaufszentrum im kanadischen Toronto geraten. Wegen eines „eigentümlichen“ Gefühls, das „fast ekelhaft“ war, hatte Jessica das Einkaufszentrum unmittelbar vor den Schüssen verlassen. In ihrem Internet-Blog berichtete sie später, sie sei durch diese Nähe zum Tod daran erinnert worden, dass wir nicht wissen, wann oder wo unsere Zeit auf Erden endet. Wann oder wo wir unseren letzten Atemzug tun.“

Wohnung zur Festung ausgebaut

Der Täter, James Holmes, ein als intelligent und extrem zurückhaltend beschriebener Doktorand der Neurowissenschaften der Universität von Colorado, der seine Forschungstätigkeit im Juni ohne Angaben von Gründen abbrach, hat das Massaker offenkundig über Monate vorbereitet. Das schließt die Polizei aus Paketlieferungen, die er sich sowohl an die Universität als auch an seine Privatadresse schicken ließ.

Darin befanden sich offenkundig Teile seiner bei der Tat getragenen Ausrüstung, zu der eine kugelsichere Weste und eine Gasmaske gehörten. Vier Handfeuerwaffen, darunter eine halbautomatische AR-15, hatte Holmes gänzlich legal in drei verschiedenen Geschäften gekauft. 6000 Ladungen Munition erwarb er im Internet. Vergleichbare Mengen werden dort für knapp über 3000 Dollar angeboten.

Seine Wohnung hatte Holmes mit verdrahteten Sprengsätzen, explosiven Flüssigkeiten und Teilen der Munition zu einer Festung umfunktioniert. In ihr sollten offenkundig weitere Unschuldige sterben. Holmes stellte laute Techno-Musik an, bevor er das Appartement in der Nacht auf Freitag verließ.

Die mörderische Musikanlage

Gegen Mitternacht hörte Kaitlyn Fonzi, eine 20 Jahre alte Biologie-Studentin in der Wohnung unter Holmes, die Musik. Sie ging in dem als ansonsten sehr ruhig beschriebenen Mehrparteienhaus die Treppe hinauf, um den Nachbarn zu bitten, die Anlage leiser zu stellen. Als auf ihr Klopfen niemand reagierte, griff sie an die Klinke und stellte fest, dass die Tür nicht verschlossen war.

Sie betrat das Appartement aber nicht, sondern ging wieder hinunter. Hätte sie die Wohnung betreten, hätten die Sprengsätze sie mutmaßlich getötet und möglicherweise das gesamte Haus zum Einsturz gebracht.

Gegen 1 Uhr morgens, so Kaitlyns Aussage, verstummte die offenkundig mit einer Zeitschaltuhr gesteuerte Musikanlage. Der Polizei, die das gesamte Gebäude am Freitag früh evakuiert hatte, gelang es erst am Samstagabend, in das Appartement des Täters vorzudringen.

„Dieses Appartment war darauf angelegt, jeden zu töten, der es betritt“, sagte der Polizeichef von Aurora, Dan Oates. Die Sprengfallen wurden inzwischen beseitigt, die Wohnung von Holmes wurde am Sonntag weiter untersucht. Nach Berichten der Zeitung „USA Today“ war das Wohnzimmer voll mit Feuerwerkskörpern, die so manipuliert waren, dass sie wie Granaten in die Luft gegangen wären. Die Bewohner der Nachbargebäude, die aus Furcht vor Explosionen die Häuser verlassen mussten, konnten in der Nacht zurückkehren.

Der aus Kalifornien stammende Holmes, der nach bisherigen Erkenntnissen nie Freundinnen hatte, stellte sein Profil samt einem Foto, das ihn mit rot gefärbten Haaren zeigt, vor der Tat auf einer Dating-Seite ein. Darin suchte er Kontakte zu Frauen, Paaren („Mann und Frau oder zwei Frauen“) für „erotischen Chat oder E-Mail“ und fragte: „Willst du mich im Gefängnis besuchen?“

Am Montag soll der Massenmörder einem Richter vorgeführt und in Anwesenheit eines Anwalts verhört werden. Nach Informationen der amerikanischen Zeitung „Daily News“, sei Holmes im Arapahoe Detention Gefängnis kaum zu bändigen. Er sei davon überzeugt, dass er der „Joker“ sei – der Gegenspieler Batmans. Er bespucke Wärter und führe sich wie ein Schauspieler auf.

Ähnliche Taten, wie Columbine 1999 oder Tucson 2011, haben im Bezug auf schärfere Waffengesetze in den USA so gut wie nichts verändert: Keines der Verbrechen konnte die Waffenverliebtheit der Amerikaner erschüttern. Die Macht der Nationalen Organisation der Waffenbesitzer (National Rifle Association, NRA) mit ihren vier Millionen Mitgliedern ist ungebrochen. Erst kürzlich setzte die NRA wieder Kongressmitglieder bei einer Abstimmung unter Druck – und war damit erfolgreich.