Attentat bei Premiere

Kino-Amokläufer ist ein schüchterner Einzelgänger

Bekannte beschreiben den Verdächtigen James Holmes als nett, schüchtern und zurückgezogen. Die Bluttat hat er offenbar lange geplant.

Foto: AFP

Nach dem Amoklauf von Aurora rätseln die USA über die Motive und Hintergründe des jungen Mannes, der bei einer Premiere zum neuen „Batman“-Film zwölf Menschen erschossen und fast 60 weitere verletzt hat. Nachbarn und Bekannte beschreiben den 24 Jahre alten Verdächtigen James Holmes als nett, schüchtern und zurückgezogen – ein typischer Einzelgänger.

Offensichtlich hat der Student seine Tat wochenlang vorbereitet: Er besorgt sich ganz legal vier Waffen und mehr als 6000 Schuss Munition. Seine Wohnung präpariert er mit Sprengfallen. Kurz nach dem Amoklauf wird er auf dem Parkplatz hinter dem Kino festgenommen - mit Schutzkleidung und einer Gasmaske.

Die Angaben der Bundespolizei FBI verraten nicht viel über den mutmaßlichen Amokschützen: Er ist männlich, weiß, 1,90 Meter groß und wurde am 13. Dezember 1987 geboren. Vorbestraft ist er nicht. Der Polizei in Aurora bei Denver im US-Bundesstaat Colorado fiel er nur einmal wegen überhöhter Geschwindigkeit auf.

Aufgewachsen ist Holmes in San Diego in Kalifornien. Tom Mai, ein Nachbar seiner Eltern, erinnert sich an einen schüchternen Teenager, der keinen Kontakt zu anderen Jugendlichen in der Nachbarschaft hatte, wie er der Zeitung „San Diego Union-Tribune“ erzählte. Die Eltern seien „nett“ und in einer presbyterianischen Kirchengemeinde aktiv.

Nach der Schule studierte Holmes Neurowissenschaften an der Universität von Kalifornien in Riverside, wo er nach Angaben der Hochschule 2010 seinen Abschluss machte. Seit Juni 2011 war er an der medizinischen Fakultät der Universität von Colorado in Aurora für ein Aufbaustudium im selben Fach eingeschrieben. Er war offenbar aber gerade dabei, das Studium abzubrechen.

Auf dem Foto, das die Universität nach der Tat veröffentlichte, ist ein junger Mann mit einem orangefarbenen T-Shirt und einem freundlichen Lächeln zu sehen. Auch auf einem zweiten Foto, das aus dem Jahrbuch seiner Highschool in San Diego stammt, lächelt er. Diesmal trägt er einen dunklen Anzug.

Ein Nachbar aus Aurora erinnert sich jedoch, dass Holmes „immer eine Hose in Tarnfarben und einen Hut“ getragen habe. Außerdem habe er beobachtet, wie der junge Mann Schusswaffen und Waffenkoffer in seine Wohnung gebracht habe, sagt Gabriel Macias, der im selben Häuserblock wohnt. „Wir haben ihn nicht gut gekannt, weil er mit niemandem geredet hat“, sagt der Mexikaner.

Melvin Evans, der als Wachmann in einem Gebäude in der Nähe arbeitet, hat Holmes öfter in einer Bar getroffen. „Er war immer alleine“, erinnert sich der 33-Jährige. Er habe ihn aber für einen „netten Jungen“ gehalten und von Zeit zu Zeit mit ihm über das Wetter geplaudert. Holmes selbst hat sich Anfang 2011 bei der Suche nach einer Wohnung in einer Anzeige als „ruhigen und unkomplizierten Studenten“ beschrieben, wie die „Denver Post“ schreibt.

In Online-Netzwerken wie Facebook oder Twitter war der mutmaßliche Amokschütze offenbar nicht aktiv. „Niemand hat ihn gekannt. Niemand“, zitiert die „Denver Post“ einen Pharmaziestudenten namens Ben, der mit ihm im selben Haus wohnt. Holmes habe nicht einmal Hallo gesagt, wenn er anderen Bewohnern im Hausflur begegnet sei. Freitagnacht rief der Student um Mitternacht bei der Polizei an, weil in Holmes' Apartment immer derselbe Song in Endlosschleife lief. Etwa zur selben Zeit stürmte der Attentäter den vollbesetzten Kinosaal.

Steve Albrecht, ein früherer Polizist und Experte für Gefahrenanalyse, meint, es sei nutzlos nach einer solchen Tat über die Motive des Attentäters zu spekulieren. Zwar schätze er den 24-jährigen als „notorischen Versager“ ein. Letztlich bringe es den Opfern aber wenig, die Motive zu kennen. Viel wichtiger sei es, verdächtiges Verhalten frühzeitig zu erkennen und eine Tat so möglicherweise noch zu verhindern. Albrecht geht davon aus, dass nach Aurora viel über den Attentäter bekannt werden wird – „und dass die Leute sehr beunruhigt über diesen Kerl waren, aber nicht wussten, was sie tun sollen.“