Yahoo

Marissa Mayer - weiblich, schwanger, Konzernchefin

Die 37-jährige Ex-Google-Managerin Marissa Mayer wird bald Mutter. Trotzdem soll sie jetzt den angeschlagenen Internetkonzern Yahoo retten.

Plötzlich ging alles ganz schnell: Am Montagnachmittag gab der kalifornische Internetkonzern Yahoo bekannt, dass Google-Managerin Marissa Mayer die neue Chefin wird, am Dienstag trat sie ihren neuen Posten bereits an. Mayer soll beim strauchelnden Netzpionier das Ruder herumreißen. Für Yahoo ist die Verpflichtung des 37-jährigen Silicon-Valley-Stars ein echter Coup. Verkündet hatte Mayer ihren überraschenden Wechsel von Google zur Konkurrenz über den Kurznachrichtendienst Twitter, zeitgleich gab Yahoo per Pressemitteilung die Benennung Mayers für die Spitzenposten des CEO und des Präsidenten des Verwaltungsrats bekannt.

Lange Suche nach neuem Chef

Damit endet für Yahoo vorerst eine lange Suche nach einem neuen Chef. Erst im Januar hatte der Ex-PayPal-Chef Scott Thompson den Job angetreten und war während seiner kurzen Ägide mehr durch Massenkündigungen denn durch innovatives Krisenmanagement aufgefallen. Er musste zurücktreten, nachdem er über falsche Angaben im Lebenslauf zu seinem College-Abschluss gestolpert war. Zuvor hatte die IT-Veteranin Carol Bartz gut zweieinhalb Jahre lang ihr Glück versucht, auch ihr war es nicht gelungen, Yahoo aus seiner Identitätskrise zu führen.

Das obliegt nun Mayer – und ihr bleibt wenig Zeit: Erstens steht sie unter Druck von Großinvestoren wie Daniel Loeb vom New Yorker Hedgefonds Third Point. Loeb besitzt sechs Prozent von Yahoos Stimmrechten und fürchtet um sein Investment. Mayers Berufung soll Insiderstimmen zufolge auf seine Initiative erfolgt sein. Zweitens ist Mayer hochschwanger. Geburtstermin ist Anfang Oktober. Doch Yahoos Direktorengremium ließ sich davon nicht beirren und setzt so en passant ein Zeichen für Gleichberechtigung. Doch Mayer wird nicht ohne Weiteres voll belastbar sein und eventuell sogar für einige Zeit ausfallen – ein weiteres Risiko für Yahoos Investoren.

Deswegen ist es nun Mayers erste Pflicht, ein neues Management-Team zusammenzustellen, das ihre Vorstellungen von der Zukunft Yahoos umsetzen kann. Die Pläne ihrer Vorgänger, Yahoo als Internet-Medienunternehmen zu positionieren, vermochten weder die Investoren noch Yahoos verbleibende 600 Millionen Nutzer zu begeistern – nun soll Mayer mit neuen webbasierten Produkten dem 1994 gegründeten Internetveteranen Yahoo neues Leben einhauchen.

Innovatives Produktmanagement und starke Teamführung sind die Stärken, mit denen Mayer auch bei Google nach oben gerückt war: Dort war sie zuletzt als Produktmanagerin für Googles geolokale Dienste zuständig, zuvor hatte sie sich als Software-Ingenieurin der ersten Stunde beim Ausbau der Suchmaschine einen Namen gemacht. Als Angestellte Nummer 20 war Mayer vor zehn Jahren zu Google gekommen und zu einer der Größen des Silicon Valley aufgestiegen. Sie gilt als Vertraute der beiden Google-Gründer Sergey Brin und Larry Page, dennoch kommt ihr Wechsel nicht völlig überraschend: Bei seiner Restrukturierung von Googles Management-Team im April hatte Page sein einstiges Aushängeschild Mayer aus Googles Verwaltungsrat geschmissen. Mit einem geschätzten Vermögen von gut 300 Millionen Dollar hätte sie diese Teilentmachtung komfortabel aussitzen und sich in aller Ruhe auf ihren ersten Nachwuchs konzentrieren können.

Mayers Verpflichtung als Zeichen für Yahoos Attraktivität

Auch ohne den neuen Spitzenjob hätte sie sicher genug zu tun gehabt: Erst im Mai hatte Mayer einen Posten im Aufsichtsgremium des US-Einkaufsimperiums Wal-Mart angenommen, zudem ist sie als Risikoinvestorin bei über einem halben Dutzend Start-ups engagiert. Damit nicht genug, sind sie und ihr Mann Zach Bogue keineswegs soziale Mauerblümchen: Ihre Hochzeit im Jahr 2009 samt anschließender Mega-Party über drei Tage zählte zu den wichtigsten gesellschaftlichen Events in Silicon Valley. Im Herbst 2010 gab Mayer in ihrer Villa im kalifornischen Palo Alto gar ein Dinner für den US-Präsidenten Barack Obama.

Mit Mayers Verpflichtung setzt Yahoo deswegen auch ein Zeichen dafür, wie attraktiv die Firma immer noch ist. Mayer hätte fast jeden Job im Valley haben können, trotzdem entschied sie sich für Yahoo: Die Zahl von 600 Millionen potenziellen Nutzern fasziniere sie ebenso wie die Aussicht, Yahoos Produktportfolio viel innovativer zu machen, sagte Mayer anlässlich ihres ersten Arbeitstags. Dass Yahoos Potenzial durchaus vorhanden ist, glauben auch Investoren weiterhin: Das Interesse der Nutzer war zuletzt relativ stabil, noch immer ist Yahoo in den USA die am zweithäufigsten besuchte Webseite.

Auch hält Yahoo Hunderte Patente. Das kann die Grundlage für ungestörte Produktentwicklung und lukrative Lizenzdeals sein. Doch wie genau sich Mayer von Google und Facebook absetzen kann, weiß sie vermutlich selbst nicht genau. Sie muss zunächst herausfinden, was Yahoo besser kann. Der „Schrotschuss-Ansatz“, mit dem Yahoo bislang quasi alles ein bisschen, aber nichts richtig anpackt, verliert mit jedem neuen, innovativen Dienst im Netz an Attraktivität.

Lokale Dienste sind Yahoos Chance

Zuletzt hatte Mayer sich bei Google für die Innovation hyperlokaler Dienste wie etwa lokaler sozialer Netzwerke eingesetzt. Ihre Projekte bei Maps sind ein wichtiger Bestandteil von Googles Strategie, Internetwissen in den Alltag zu tragen. Ein Fokus auf lokale Dienste könnte Yahoo aus der Mittelmäßigkeit führen. Allein: Bislang fehlt dem Konzern dafür eine Strategie, die für diese Art von Services notwendig ist. Hier gilt es als Erstes anzusetzen. Auch mit der immens wichtigen Einbindung der Nutzer in soziale Netzwerke war Yahoo bislang gescheitert, von der Zusammenarbeit mit Facebook hatte allein das soziale Netzwerk profitiert.

Um all das umzusetzen, muss Mayer nun vor allem neue Talente für ihren neuen Arbeitgeber rekrutieren. Allzu viele Entwickler wie Topmanager waren zu glamouröseren Arbeitgebern geflüchtet. Mayer bringt Yahoo einen Gutteil des notwendigen Glamours zurück. Darin könnte schon jetzt ihr größtes Verdienst für die Firma liegen – egal wie viel Zeit sie in den nächsten Monaten aufbringen kann.