„Shades of Grey“

Wie ein Porno für Frauen zum Bestseller wurde

Es geht um Sex: „Shades of Grey“ hat in England auf den Bestsellerlisten „Harry Potter“ überholt. Doch was macht die Romantrilogie aus.

„Dann werde ich dich jetzt von hinten nehmen, erklärt er, packt mit der Hand meine Haare im Nacken, er zieht daran, so dass ich meinen Kopf nicht bewegen kann. Hilflos stecke ich unter ihm fest. Lust quält mich. Wow.“ Eine Sexszene also, okay. Was aber finden Frauen an ihr erregend, wild und so anziehend, dass sie millionenfach die Geschichte kaufen, die mit diesen Worten beginnt?

Über die Romantrilogie, deren erster Teil heute in deutscher Übersetzung erscheint, ist in den letzten Wochen allerlei gesagt worden: „Shades of Grey“ sei ein Sado-Maso-Porno, der aus Frauensicht von Unterwerfung und Fesselspielen erzähle; E.L. James, die Schottin aus London, die ihn geschrieben hat, sei eine Frau Ende 40 mit blumigen Hausfrauengewaltphantasien, die reißenden Absatz fänden; in Nordamerika wurden bisher fünfzehn Millionen Bücher verkauft, in England überholten sie auf den Bestsellerlisten sogar „Harry Potter“ und Dan Brown; Präsident Obama wurde in einer Talkshow gefragt, was er von der Geschichte halte, die momentan auf allen amerikanischen Nachttischen läge; von Verlagsleuten war zu hören, Nachahmerinnen für den deutschen Markt würden gesucht, harte Erotik von Frauen verkaufe sich wie sonst nichts. Kurz: epische Aufregung schon vorab.

Gegen die üblichen Klischees

Um im Gerede um dieses Buch zu erkennen, dass es nicht einfach eine Trash-Sensation ist, muss man sich kurz die übliche Erwartung von weiblicher Sexualität ins Gedächtnis rufen, die der staunende Ton der Reaktionen widerspiegelt: darüber, dass es eine Frau anmachen könnte, über Brutalitäten zu lesen, überhaupt Fantasien nachzugehen, die von anderem erzählen als der Realität romantischer Vorsicht, also Sex zwischen weichen Kissen, mit kuscheligen Berührungen und perligem Roséchampagner. Beginnt man so mit der Geschichte, steht auf den sechshundert Seiten des Buches nicht das banale Bekenntnis einer Frau, die sich einem Mann unterwirft. Stattdessen blättert sich auf, was Frauenpornographie heute bedeutet.

Die Trilogie erzählt von zwei Leuten, die miteinander schlafen. Ana ist eine unerfahrene Collegeabsolventin, Grey ein erfolgreicher Geschäftsmann. Sie sind voneinander angezogen: er von ihrer „störrischen Unschuld“, sie von dem „abgründigen Blick“, mit dem er sie ansieht. Der Sex ist wild und hemmungslos. Irgendwann, als aus gelegentlichen Treffen eine Verbindung aus Verlangen wird, öffnet sich hinter einer Penthousetür ein Paralleluniversum: an samtigen Wänden hängen Gerten, Seile und Ketten. Grey fesselt Ana, einmal schlägt er sie, einmal peitscht er sie aus. Die Energie der sadomasochistischen Spannung zwischen ihnen aber entlädt sich nicht in körperlicher Gewalt, sie bestimmt das unterschwellige Thema ihrer Affäre: Kontrolle.

Grey setzt gleich Grenzen, er sei nicht an Liebe interessiert, sondern an einer Unterwerfungsbeziehung, bei der er der Dominante und sie die Devote sei. Er überreicht Ana einen Vertrag: minutiös sind Anweisungen und Bedingungen für sie aufgelistet, von Schlafverhalten über Essgewohnheiten bis zu den Arten, sich zu enthaaren. Sie wehrt sich gegen die Bevormundung, ist aber gleichzeitig von der Kälte darin angezogen. In einer wilden Nacht verliebt sich Ana und Grey hat ähnliche Gefühle; woher die Anziehung zwischen ihnen beiden kommt und wer wen beherrscht, ist nicht mehr klar, als der erste Teil der Trilogie cliffhangerhaft aufhört.

In Deutschland waren die ersten Reaktionen zu „Fifty Shades of Grey“ entweder verhalten lüstern oder skeptisch hämisch. Völlig verständlich: Die Übertragung ins Deutsche gibt der Stimme von Ana, die die Geschichte erzählt, etwas Ambivalentes, die Unentschlossenheit einer Gouvernante, die gerade beschlossen hat, sich in Lackpumps zu zwängen, die halterlosen Netzstrümpfe dann aber lieber weglässt – mal wirkt sie zwinkernd wie ein Frauenzeitschriftenratgeber, mal antiquiert. Und sicher, wenn jeder zweite Orgasmus ein „unglaubliches Zerspringen in eine Million Stücke“ ist, wird überdeutlich, dass die erste Version der Geschichte aus gebloggten Storys bestand, die von einem australischen Kleinverlag zum Buch gemacht wurden, dann zum E-Book-Erfolg mutierten und schließlich auf die Bestsellerliste der „New York Times“ sprangen.

Der Kern der Geschichte aber, das was sie unterscheidet von buchgewordenen Plüschhandschellen, liegt in der Ausleuchtung der einzelnen Beobachtungen durch die Erzählerin selbst. Immer wieder schaltet sich Anas Unterbewusstsein als Gegenstimme ein, die reflektiert, dass sie sich als intelligente Frau doch nicht in eine unterwürfige Rolle fügen kann. Das Bemühen, in Sexszenen eine Art metafeministischer Kontrollinstanz auftreten zu lassen, wirkt entweder bemüht renitent oder schlicht lächerlich. Also doch ein weichgezeichneter Romantikporno mit zugeschaltetem Beobachter zweiter Ordnung? Sprachlich zumindest ist das ein Text, in dem immer irgendwo eine Duftkerze brennt, während sich im nächsten Moment ein strengbebrilltes Über-Ich hineinschiebt, um sie wieder auszupusten. Trotz alledem: Aus angloamerikanischer Sicht liest sich „Shades of Grey“ als Fantasie einer Gegenwelt, die einiges über Frauen in dieser erzählt.

Die Geschichte spielt an der nördlichen Westküste Amerikas, in Portland und Seattle, wo es viel regnet und das Licht grau ist. Die Atmosphäre ist satt und düster wie in der „Twilight“-Saga, die dort gedreht wurde, in ihrer Kühle näher an „American Psycho“, als das deutsche Cover mit der süßlichen Blütendolde vermuten lässt. Tatsächlich heißt es, Bret Easton Ellis wolle das Drehbuch zum Film schreiben, der wohl ähnlich erfolgreich geriete wie andere Frauen-Selbstfindungs-Blockbuster, „Eat, Pray, Love“ etwa. Denn man kann „Shades of Grey“ als Abbild der Reglementierung des Beziehungslebens lesen, das gerade in Amerika mit feststehenden Regeln für Kennenlernen, Dating und auch Sex für Frauen spürbar ist.

In England läuft schon eine Parodie

Funktioniert die Geschichte sogar als Parabel auf die Suche nach einem anderen Männertypus, der kein suchender Zögerer ist, sondern richtig zupackt und die Frau losreißt aus der Welt, in der sich auffällig viel um Liebe und ihr Fehlen dreht? Dafür sind die Szenen dann doch zu bekannt, ihre Rohheiten zu gestriegelt: Grey „nimmt“ Ana, die „im Innersten brennt“, auf einem Glasschreibtisch mit Blick über die Stadt. Wo auch sonst. Das ist erwartbare Leinenhemd-auf-Waschbrettbauch-Prosa, in der so viele „harte und doch so sanfte“ Erektionen zwischen Badewannenrand und Baumwolldecken auftauchen, dass die Geschichte kurz vor der eigenen Parodie steht – in England wird tatsächlich gerade eine auf Radio Four gesendet. Das Ende jeder erregenden Fantasie.

Der amerikanische Verlag hat das Buch als „Erotic Romance“ klassifiziert, ein Zwischengenre, das, wie so viele Fusionsprojekte, nichts durchschlagend Neues produziert. Trotzdem gibt es eine klare Antwort auf die Frage, was aufgeklärte Frauen daran doch interessant finden könnten. Es geht um Sex. Es gibt keine sprachlichen Höhepunkte. „It's all about fucking“, heißt es im Original.

E. L. James: „Shades of Grey. Geheimes Verlangen“. Goldmann, 12,99 Euro.